Von Markus Böhm
München - "YouTube-Videos produzieren ist nur ein Hobby von mir", schreibt Ray William Johnson auf der Startseite seines Kanals. Man kann ihm das glauben - oder auch nicht. Ein Klick auf den Button "Store" zeigt, wie umfangreich sich der New Yorker vermarktet: Johnsons Fans können Anstecker oder T-Shirts mit seinem Abbild bestellen, wahlweise eine Cartoonfigur, die mit dem Kopf wackelt. Und für alle Anhänger, die befürchten, eins seiner Videos zu verpassen, steht eine iPhone-App zum Download bereit, ebenso ein kleines Computerspiel. Der Mann hat an alles gedacht.
Wer dieser Ray William Johnson überhaupt ist? Johnson ist ein Starkomiker, zumindest im Internet. Der 30-Jährige ist Macher und Präsentator der derzeit erfolgreichsten Netzvideoshow "=3" (gesprochen "Equals Three"). Mehr als 5,2 Millionen Menschen haben den zugehörigen YouTube-Kanal abonniert, das ist Weltrekord. Jeden Dienstag und Freitag präsentiert Johnson seinem Publikum drei beliebte Internetclips, garniert mit meistens lustigen, bisweilen pubertären Kommentaren. "=3" ist eine nerdhumorige Variante von "Pleiten, Pech und Pannen", mit Männern, die auf Nashörnern reiten und Frauen, die sich eine komplette Banane in den Hals schieben - begleitet von der Einblendung, Johnson dürfe nun keine Peniswitze machen. Die sind sein Spezialgebiet.
YouTube entwickelt sich zur TV-Alternative
Die Beliebtheit von Johnsons "=3" ist Teil eines YouTube-Trends, der sich zunehmend deutlicher abzeichnet: Im Bereich Comedy entwickelt sich Googles Videoplattform besonders für junge Menschen zur TV-Alternative. Die Clips sind in den vergangenen Jahren professioneller geworden, umfangreicher und vor allem wiedererkennbar. Längst geht die Kreativität vieler Nutzer über ein paar witzige Clips hinaus, zahlreiche Komiker veröffentlichen monate- oder jahrelang laufende Serien. Deren Episoden sind oft extrem unterschiedlich, stehen aber unter einem eindeutigen Gesamtkonzept: der Marke des YouTube-Stars, seiner Persönlichkeit.
Acht der zehn erfolgreichsten YouTube-Kanäle stammen momentan aus dem Comedybereich, darunter die Witz-Musik-Mischung von "Nigahiga" (fünf Millionen Abonnenten) oder die sprechenden Früchte von "Real Annoying Orange" (2,3 Millionen Abonnenten). Zwischen all den Internetclips, die oft schnell wieder vergessen sind, scheinen regelmäßig fortgeführte Witzformate eine große Anziehungskraft zu besitzen. Und für die kurzen Clips gibt es ja noch Johnsons Show "=3".
Eine Million US-Dollar Jahreseinkommen?
Deren Erfolg zeigt sich nicht mehr nur in Klicks: Ray William Johnson lässt sich über YouTubes Partnerprogramm an den Werbeeinnahmen der Plattform beteiligen, das "Wall Street Journal" schätzte sein Jahreseinkommen kürzlich auf eine Million US-Dollar. Johnson dementiert diese Zahl zwar, allzu unrealistisch dürfte sie jedoch nicht sein. YouTube selbst meldet, dass "Hunderte von Partnern" jährlich sechsstellige Einnahmen erzielen. Und es gibt wenige Partner, die so zuverlässig hohe Klickzahlen generieren wie Johnson.
Zumal Johnson neben "=3" zwei weitere Kanäle betreibt: Im Videoblog BreakingNYC verfolgen 890.000 Abonnenten seinen Alltag, unter Your Favorite Martian begeistert er 1,7 Millionen Fans mit aufwendigen Musikvideos wie "We like them girls". Viel Arbeit für jemand, für den das alles nur ein Hobby ist. Immerhin hat Johnson Helfer: Im Abspann der "=3"-Folgen taucht mehr als ein Dutzend Namen auf.
Deutsche Kanäle noch unter der Millionengrenze
In Deutschland gibt es bislang keine YouTube-Show, die die Millionengrenze an Abonnenten geknackt hat. Am nächsten dran sind die Cousins Dima und Sascha von "Die Aussenseiter", die ihre 735.000 Abonnenten mit schrägen Sketchen und Alltagsphilosophie unterhalten. Dahinter folgen im Genre Comedy Künstler wie Y-Titty und Coldmirror mit 370.000 beziehungsweise 325.000 Abonnenten.
Coldmirrors Kanal zeigt, dass auch die Fernsehsender den Erfolg der Netzunterhaltung wahrnehmen: Seit Oktober 2010 hat die Betreiberin Kathrin Fricke auf Einsfestival eine eigene Show, die sie unter anderem mit falsch verstandenen Songtexten bestückt. Langfristig könnten weitere Formate den Sprung ins TV schaffen - denn das Fernsehen schielt auf die Filetstücke des Netzcomedymenüs. "Wir beobachten das Thema YouTube-Comedy mit großem Interesse", heißt es aus der Pressestelle des ZDF.
"Was Fernsehen kann, kann YouTube auch"
Markus Küttner, bei RTL Bereichsleiter für Comedy und Real Life, findet es gut, dass junge Nachwuchstalente die Möglichkeit nutzen, sich im Internet zu präsentieren: "Für uns als großen Sender ist es nicht leicht, Nischen für neue Künstler zu finden, in denen sie nicht direkt vom Quotendruck erschlagen werden." Arnd Benninghoff, Chef von ProSiebenSat.1 Digital, sieht die Online-Unterhaltungsangebote "als Chance und als Indikator für neue Talente und Formate", die auch den Sprung ins Fernsehen schaffen könnten: "Wir können uns vorstellen, mit einigen Talenten eng zusammenzuarbeiten."
YouTube als Spielwiese vor der TV-Karriere? Vielleicht. Die meisten Netzkomiker scheint das Fernsehen jedoch nur bedingt zu reizen. "Alles, was das Fernsehen kann, kann YouTube auch", sagte etwa Y-Titty-Mitglied Philipp Laude dem SPIEGEL - wenngleich er kürzlich Harald Schmidt verriet, dass Y-Titty seit zwei Jahren an einem TV-Showkonzept arbeiten. "=3"-Macher Ray William Johnson sieht bei YouTube sogar Vorteile gegenüber dem Fernsehen: Über die Plattform könne er mit seinen Zuschauern interagieren und sofort ein weltweites Publikum erreichen, sagte er "Forbes". Letztendlich sei ohnehin nicht so wichtig, wie eine Show verbreitet werde: "Es ist der Inhalt, der zählt. Nicht das Gerät."
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