Webvideo "Look Up" Aufruf zum Abschalten wird YouTube-Hit

Elf Millionen Mal wurde ein YouTube-Video angeklickt, das ein gereimter Aufruf ist, häufiger das Smartphone abzuschalten. Ironischerweise profitiert der Autor des Films genau von den Netz-Mechanismen, die er kritisiert.

Videoszene: Mit dem Smartphone in die selbstgewählte Isolation entschwinden
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Videoszene: Mit dem Smartphone in die selbstgewählte Isolation entschwinden


Berlin - Das Video eines britischen Filmemachers, der dazu aufruft, häufiger mal vom Smartphone-Bildschirm hochzublicken, ist im Internet zum Überraschungshit geworden. Rund zehn Tage nach Veröffentlichung wurde es bis Montag über elf Millionen Mal bei der Videoplattform YouTube angeklickt. Der Autor Gary Turk, der bisher vor allem Musikvideos drehte, erzählt in "Look Up" in knapp fünf Minuten eine Liebesgeschichte, die es nicht gegeben hätte, wenn zwei Menschen auf ihre Handy-Bildschirme gestarrt hätten.

"Ich habe 422 Freunde, aber ich bin einsam", beginnt Turk seinen Begleittext. Er kritisiert in Reimen unter anderem, dass der Blick auf die Displays soziale Kontakte ersetzt habe und die Kinder nicht mehr wie früher draußen spielten. "Wir sind eine Generation von Idioten, mit smarten Telefonen und dummen Leuten", lautet sein Fazit. Das Video traf einen Nerv und polarisierte Internet-Nutzer. Die einen lobten die Botschaft als tiefgründigen Aufruf, ein "echtes" Leben zu leben. Andere kritisierten den Kurzfilm als überdramatisiert und scheinheilig.

Ironischerweise verbreitete sich das Video über die gleichen Kanäle, gegen die Turk in ihm wettert. Die Zahl der Klicks schnellte vor allem dann in die Höhe, wenn Prominente wie der Tennisspieler Andy Murray dazu auf ihren Twitter-Profilen verwiesen hatten. Und mit der eingeblendeten Werbung konnte der Filmemacher auch finanziell von dem Erfolg seines sozialkritischen Protestfilms profitieren. Auch wenn es keine feste Berechnungsgrundlage gibt, werden die elf Millionen YouTube-Klicks Turk vermutlich einige zehntausend Dollar an Werbeeinnahmen eingebracht haben.

Solche Anzeigenerlöse bleiben zwar meist ein Geheimnis, man weiß allerdings, dass die Milliarde Klicks auf das YouTube-Video zu dem Song "Gangnam Style" dem südkoreanischen Rapper Psy seinerzeit rund acht Millionen Dollar an Werbeeinnahmen beschert hatte.

mak/dpa

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schulkind 05.05.2014
1. Youtube-Hit, Smartphone
Ich besitze als 21 jähriger Student kein Smartphone und ich benötige sowas auch nicht. Jedoch sind soziale Netzwerke - insbesondere Facebook - für mich sehr nützlich, weil ich dort kostenfrei, sei es mit Kommilitonen, Freunden, ehemaligen Klassenkameraden korrespondieren und Termine planen kann. Solche Momentaufnahmen bzw. Meinungen über das gesellschaftliche Zusammenleben, sind zwar nett, jedoch könnte da jeder drauf kommen. Und was mich besonders schockiert ist eben genau das, dass anscheinend viele die den ganzen Tag vor der Kiste (smartphone, tablet, computer/laptop) hocken, keinen Satz in einem Buch lesen, sich über Likes und Facebookfreunde definieren und denen auch noch die Chronik mit irgendwelchen Weisheiten zu müllen, das genau diese - im geiste gebliebenen - Kinder so ein Video teilen und meinen sie hätten den Sinn verstanden, nur um sich wiederrum selbst zu präsentieren, was wiederum - wie in dem Video schon beschrieben - nur Illusion ist. (Ein vergleichendes Beispiel, das am Ende auch zu einem Video-Hit geworden ist, ist dieses Gedicht "One day, baby" Julia Engelmanns.) Es ist eine richtige Krankheit, die sich meiner Meinung nach entweder in die eine oder in genau die entgegengesetzte Richtung entwickeln kann. Vielleicht bin ich mit meiner Kontrahaltung auch nur einer romantischen Idee aufgesessen, was ja durchaus der Fall sein kann.
Celegorm 05.05.2014
2.
Zitat von sysopYouTube Elf Millionen Mal wurde ein YouTube-Video angeklickt, das ein gereimter Aufruf ist, häufiger das Smartphone abzuschalten. Ironischerweise profitiert der Autor des Films genau von den Netz-Mechanismen, die er kritisiert. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/youtube-video-look-up-elf-millionen-klicks-in-zehn-tagen-a-967649.html
Mal abgesehen vom heuchlerischen Rahmen geht auch der Inhalt in seiner naiven Schlichtheit am Problem vorbei. Wie so oft zielt die Kritik halt auf symptomatische Auswüchse, macht aber das Werkzeug als solches verantwortlich. Das Problem ist aber natürlich nicht die Existenz von Smartphones oder sozialen Netzwerken an sich, sondern was manche Menschen daraus machen (oder eben nicht). Denn sinnvoll eingesetzt dienen solche Technologien ja als soziale Katalysatoren, die das Sozialleben bereichern und etwa dazu führen können, dass man öfters mit Freunden etwas unternimmt. Und daran ändern auch gegenteilige Beispiele wenig daran. Letztlich steht ja sowieso der gestrige Irrglaube dahinter, dass es so etwas wie ein "richtiges" Offline-Leben und ein virtuelles Schein-Leben gäbe. Tatsächlich sind aber beide Ebenen Teil der Identität und gehen auch fliessend ineinander über. Wenn man sich etwa mit Freunden online zu einer "offline"-Aktivität verabredet und hinterher noch online weiter darüber austauscht, wäre es ja absurd, so zu tun, als wären das zwei getrennte Welten. Und genau so sieht ja die primäre Nutzung von Smartphones/sozialen Netzwerken aus..
stelzenlaeufer 05.05.2014
3.
Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem die Technologie unsere menschlichen Interaktionen übertrifft. Die Welt wird eine Generation von Idioten bekommen. -Albert Einstein-
zick-zack 05.05.2014
4. @schulkind
Kostenfrei? Leider irren Sie! Sie bezahlen mit Ihren Daten! Unglücklicherweise sind sich die meisten dieser Bedeutung nicht bewußt!
kaynchill 06.05.2014
5. Langsam nerven diese Videos
Haben es nicht langsam alle verstanden? Smartphones, Computer und Internet können uns sozial abstumpfen. Aber wer ist denn Schuld an dieser Folge? Doch nur derjenige der damit nicht umgehen kann. Soziale Netzwerke sind eine super Sache um mit realen (!) Freunden zu kommunizieren und über lange Strecken und Zeit in Kontakt zu bleiben. Ganz ehrlich? Ohne Smartphone jnd Facebook hätte ich es nicht geschafft bestimmte Freunde auch nach der Schulzeit noch zu behalten. Diese Liebesgeschichte im Video ist totaler Quatsch. Soetwas kann theoretisch immer passieren. Abgesehen davon dass die Nach-dem-Weg-fragen-Romanze logisch gesehen sehr sehr weit hergeholt ist, bieten gerade Smartphones die Möglichkeit Kontakte auch aufzubauen. Seid kreativ, offen und versteht mit Dingen wie Smartphone und Internet umzugehen.
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