Yule Logs Wie lodernde Kaminfeuer zum YouTube-Hit wurden

Promis sitzen wortlos vor dem weihnachtlichen Kamin, Katzen schnurren, Darth Vaders Helm brutzelt stundenlang vor sich hin: ein Einblick in die skurrile Welt der Yule Logs.

Getty Images

Von Eike Kühl


Die Streamingplattform Twitch ist vor allem für die Übertragungen von Videospielen bekannt. Im vergangenen Dezember aber konnten die Nutzer einen etwas anderen Livestream verfolgen. Jeff Kaplan, Vizepräsident des Spielestudios Blizzard und Game Director des Onlineshooters "Overwatch", saß wortlos in einem Sessel vor einem knisternden Kaminfeuer. Zehn Stunden lang. Bis zu 40.000 Menschen schauten ihm zeitgleich dabei zu.

Kaplan ist in guter Gesellschaft. Kaminfeuervideos gibt es unter anderem vom Schauspieler Nick Offerman, der Influencer-Katze Lil Bub und den Reality-TV-Stars Property Brothers. Sogenannte Yule-Log-Videos sind ein Internetphänomen: Hunderttausende Clips gibt es allein auf YouTube, und Kaminfeuer werden heutzutage nicht nur als Weihnachtsprogramm, sondern als Werbung, als Meme, als Kunstwerk oder sogar als politisches Statement inszeniert.

Yule Logs haben eine lange Tradition. Der im Deutschen als Jul- oder Christklotz bekannte Brauch bezeichnet eigentlich das Verbrennen eines geweihten Holzscheits an Weihnachten. Seit 1966 steht der Begriff aber auch allgemeiner für festliche Aufnahmen eines Kaminfeuers. Damals entschied der Chef des New Yorker Fernsehsenders WPIX, das geplante Programm an Heiligabend zugunsten einer dreistündigen Aufzeichnung eines Kamins zu ersetzen. Damit wollte er all jenen Familien ein Geschenk machen, die an Weihnachten kein eigenes Feuer hatten.

Das seitdem als "Yule Log" bekannte TV-Programm, das ursprünglich den Kamin des damaligen New Yorker Bürgermeisters John Lindsay zeigte, war ein Erfolg. Obwohl WPIX dadurch Werbeeinnahmen zur Prime Time entgingen, lief es ab 1966 jedes Jahr an Heiligabend, bevor es 1989 unter Protesten der Zuschauer abgesetzt wurde. 2001 nahm WPIX es wieder ins Programm auf. 2016 entdeckte ein Archivar zufällig die als verschollen gegoltene Originalaufnahme, die der TV-Sender daraufhin zum 50. Jubiläum des Originals noch einmal zeigte.

Kaminfeuer auf YouTube werden millionenfach angeklickt

Wer heutzutage keinen echten Kamin im Wohnzimmer stehen hat und an den Festtagen trotzdem nicht auf wohlig knisterndes Feuer verzichten möchte, findet auf YouTube Aufnahmen in allen möglichen Auflösungen und Variationen. Allein der Kanal "Virtual Fireplace" zählt rund 100 Videos und 100.000 Abonnenten. Es gibt sie außerdem in 4K-Auflösung, mit oder ohne Musik, mit Tieren, mit Menschen und als animierte Version. Auch auf Netflix und Amazon Prime Video gibt es längst Programme mit Namen wie "Fireplace for Your Home".

Mittlerweile haben auch Unternehmen das Genre für sich entdeckt. Die Fast-Food-Kette Jimmy Dean lässt elf Stunden lang Würste brutzeln und im Video des Grußkarten-Herstellers Hallmark dösen ein Hund und eine Katze vor sich hin. Für das Spiel "Dead Man Rising" produzierte Microsoft ein Yule-Log-Video, in dem der Protagonist die Arme und Beine erlegter Zombies in den Kamin wirft.

"Ich dachte mir immer schon, dass sich diese Videos gut vermarkten lassen", zitiert das Onlinemagazin "Adweek" den Marketingexperten Petur Workman, "es müsste gar nicht so offensichtlich sein, ein Logo auf dem Kaminsims würde schon reichen. Digitale Yule Logs sind brillant und sie haben ihr Potenzial noch nicht ausgeschöpft."

Yule Logs treffen auf die Pop- und Netzkultur

Noch brillanter wird es, wenn Yule Logs auf die Netz- und Popkultur treffen. Mit dem Erfolg des Formats ließen absurde und ironische Fassungen nicht lange auf sich warten. 1,8 Millionen YouTube-Abrufe hat etwa das Video, das die Beerdigung von Anakin Skywalker alias Darth Vader am Ende von "Rückkehr der Jedi-Ritter" verwertet. Was im Original nur wenige Sekunden dauert, wird in der Yule-Log-Fassung auf fünf Stunden ausgebreitet, in denen Vaders Helm im Feuer liegt. Ein ähnliches Konzept gibt es auch mit Chucky, der Mörderpuppe, die sieben Stunden lang vor sich hin brutzelt.

Solche Remixe gehören ebenso zu den Mechanismen der Netzkultur wie Memes, die Yule Logs aufgreifen, etwa in animierten Gifs mit Kermit dem Frosch oder in "Minecraft"-Adaptionen.

Das Trumpster-Fire lodert

Selbst politische Yule Logs gibt es. 2016, im Jahr von Donald Trumps Sieg bei der US-Präsidentschaftswahl, entzündete eine Agentur das "Holiday Trumpster Fire". Das Wortspiel bezieht sich auf "dumpster fire", brennende Müllcontainer: Zu besinnlicher Musik brennt in Dauerschleife ein Container, auf dem das Wort "Trump" steht. Noch deutlicher ist ein Yule-Log-Video, das "The Daily Show" im gleichen Jahr veröffentlichte und in dem stundenlang die US-Verfassung vor sich hin kokelt. Und vergangene Woche erschien auf dem YouTube-Kanal des Late-Night-Talkers Stephen Colbert ein Video mit dem Titel "Donald Trump's Pant on Fire" - eine Anspielung auf den Kinderreim "liar, liar, pants on fire": Eine Stunde lang wird eine Hose verbrannt, während am unteren Bildschirmrand die Lügen Donald Trumps aufgelistet werden.

Bei so vielen Ausprägungen ist es nicht überraschend, dass die Zahl der Suchanfragen nach "yule logs" auf Google seit Anfang Dezember deutlich ansteigt. Das entspannende Kaminfeuer gehört inzwischen ebenso zu Weihnachten wie der Baum und die Bescherung. Dank des Internets muss niemand mehr darauf verzichten. Wer also noch nach der passenden Kulisse für die Feiertage sucht, wird in diesem Text bestimmt fündig. Es müssen ja nicht zehn Stunden mit Blizzard-Chef Jeff Kaplan sein.



insgesamt 6 Beiträge
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ornis 24.12.2018
1. heute abend auf ZDF neo
Von 18:15 bis 20:15 Uhr 2 Stunden Aufnahme eines Kaminfeuers. Auch wenn die Produktionskosten hierfür lächerlich sein werden, ist es eine Frechheit diesen Schwachsinn aus zwangsweise erhobenen Rundfunkgebühren zu finanzieren!
Heinz-Fridolin 24.12.2018
2. Yule Log, hä?
Was bitte ist ein "Yule Log"? Welcher hippe Medienpädagoge hat sich dieses Modewort ausgedacht? Warum nennt Ihr es nicht einfach "Kaminfeuer"? Außerdem fördere ich Google nicht, sondern besorge mir das als Kaufvideo, Screensaver oder stelle mir einen künstlichen Ofen hin. Schade, dass der Artikel sehr einseitig geschrieben ist.
heldvomfeld 25.12.2018
3. @ #2
Sich über einen Artikel zu beschweren, den man ganz offensichtlich noch nicht mal gelesen hat, ist schon etwas grenzwertig. Als man begann, eine Jule zu verbrennen, gab es höchstwahrscheinlich noch keine hippen Medienberater... Frohe Weihnachten!
swagi666 25.12.2018
4. Nun denn
wieder mal ein hochgajzztes Möchtegern-Phänomen der Generation YouTube. Wo die oberflächliche Beschäftigung mit allem den nächsten Klick bringt und die Werbekasse klingeln lässt... Wenn nicht mal der Autor des Artikels checkt, dass das Videospiel-Franchise „Dead Rising“ heißt, dann hat sich der Werbeetat für MIcrosoft ja echt gelohnt.
daanda 25.12.2018
5. Hauptsache
es kann gemotzt und gemault und sich künstlich aufgeregt und echauffiert werden... Daran merkt man, wie gut es uns eigentlich geht... Frohe Weihnachten allerseits!
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