Von Frank Patalong
Es gibt Maschinen, die wandeln VHS-Videos in digitale Filme um, speichern sie auf Platte oder brennen sie auf CD. Es gibt Gelegenheiten, da fragt man sich, ob das wirklich gut ist. Denn es gibt ja auch YouTube, und so kommen wir völlig schuldlos wieder in den Genuss von Dingen, die sich zum Glück schon vor Jahrzehnten versendet hatten.
Für uns Ältere, die die Siebziger und Achtziger wirklich bewusst erlebt haben (die Jüngeren haben dagegen so viele Revival-Wellen erlebt, dass sie nur glauben, selbst dabei gewesen zu sein); die noch irgendwo Fotos verstecken, die beweisen, dass auch wir einst Schnauzbart, Netzhemd und Ultraeng-Jeans zu Klotschen oder Stiefeletten und Extralang-Matte trugen; schlimmer noch: wenig später abenteuerlich bedruckte Sweatshirts in Neonfarben zum wenig dezent gefärbten Vokuhila; für uns Ältere scheint keine Verjährungsfrist zu gelten. Jeder Handtaschendieb, Steuerhinterzieher und Trickbetrüger darf darauf hoffen, dass seine Sünden irgendwann getilgt und vergessen werden. Nur Abba (die Musik der jetzigen Großmütter-Generation, weil klar der Mitte der Siebziger zuzuordnen), Kajagoogoo, Boy George, Flock of Seagulls und Co. verjähren offenbar nie.
Denn es gibt auch massenhaft junge Leute, die halten für cool, was immer schon fürchterlich war. Ganze Branchen leben davon, legen Uralt-Kamellen immer wieder auf, servieren uns in Retro-, Nostalgie- und Revival-Wellen abgeschmackte Ehemals-Sternchen, die in Rückschau zu Stars veredelt werden. Und plötzlich wird zum Hit, was früher schon ein Grund war, das Radio abzudrehen.
Kombiniert man solche traumatisierenden Erlebnisse noch mit dem Blick zurück, wird die Sache völlig unerträglich. Doofe Frisuren, lächerliche Kleidung und ein schrillbunter Trash-Stil, bei dem man nur noch weglaufen möchte, werden da als kultig zitiert. Keine modische Verfehlung, die nicht irgendwann eine Neuauflage erleben würde.
Von Wien aus erobern seit letztem Jahr etwa die "Krocha" die Jugendkultur. Darunter versteht man Youngster im Trash-Chic, gerne per Selbstbräuner zum Seh-ich-nicht-glänzend-aus? getunt, kopfseitig geschmückt mit dem unsäglichen Vokuhila-Schnitt, der in den Großstädten auch außerhalb des Klappe-sonst-gibts-auf-Schnauze-Prekariats wieder ein fröhliches Revival feiert.
Wahrscheinlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis wir wieder Rudel tätowierter Flokatiteppiche miteinander grölen hören:
Als Entschuldigung für das oben zu sehende Machwerk lässt sich immerhin noch anführen, dass die böse Tat aus guter Absicht geschah: "Metal Aid" war eine der zahllosen Live-Aid-Imitationen. Sie alle basierten auf dem Grundgedanken, zu ihrer Zeit mehr oder minder bekannte Popstars und Sternchen gemeinsam ein ansonsten schrecklich langweiliges Liedchen brüllen zu lassen. Und zwar immer dasselbe, nur mit neuem Text: Die klangen tatsächlich alle gleich, brachten aber Spendengelder zusammen.
Schwedische und deutsche Rockstars der Dauerwelle-mit-Leserhose-Fraktion stellten im übrigen schon in den Achtzigern eine radikale, durchaus exotische Minderheit dar: Ihre Weltkarrieren zwischen Skandinavien, Russland, Japan und Hannover (bekanntlich die Orte, wo man völlig schmerzfrei absolut alles hört, egal wie es klingt) fußten auf der Kombination von orchestralen Bombast-Hymnen (gern auch mit Streichern) und einem Gesang, bei dem die Ultraeng-Hosen eingesetzt wurden, um zu beweisen, dass es nicht so war, wie man dachte. Das war zwar nicht schön, ernährte aber einige Musiker, die dem Staat sonst auf der Tasche gelegen hätten. Außerdem war und ist es gut für die auf schwarze T-Shirts und Airbrush-Sets spezialisierte Industrie.
Der Mainstream aber sah anders aus. In der Anfang der Achtziger einsetzenden, bis Anfang der Neunziger dauernden musikalischen Enthirnungsphase vornehmlich bonbonfarben und bonbonsüß, zweivierteltaktstumpfstampfvierakkordschillischallisingbar oder aber elektronisch stumpfstampfscheindeprimiertkühl. Tanzen beschränkte sich entweder auf rhythmischen Fußhub im Ich-stampfe-Weintrauben-Takt (Abba, Boy George, die grandios grässliche Taylor Dayne, Modern Talking etc.), auf Wettbewerbe im Cool-Gucken und wenig bewegen (Flock of Seagulls, Depeche Mode, alle New Romantics) oder aber auf dem walldorfschen Jazztanz entlehnte extreme Bewegungs-Exzesse ohne sichtbaren Zusammenhang zwischen Takt und Körperbewegung (Alt-68er-Lehrer im Eigentlich-sind-wir-Hippies-Modus zu "Sitting in the Dark" von Carolyn Mas, ihre Schüler wenig besser zu Frankie goes to Hollywood).
Einzig die hartnäckigen Überlebenden der guten alten Punk-Tage versuchten, die Flagge der authentischen Musik hochzuhalten und weiter das Sich-waschen zu vermeiden. Bestraft wurden sie dafür mit Billy Idol (in Deutschland "Speichel-Billy" genannt, seit er bei einem Live-Konzert im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bedröhnt auf die Bühne seiberte, statt zu singen). Der Mann wird seitdem im Rahmen jeder Revival-Marketingwelle reanimiert. Dem gestiegenen Alter der damals imaginierten Klientel entsprechend singt er heute Gefälligeres, wenn auch nicht weniger fürchterlich.
Erst Ende der Achtziger gab es mit Gruppen wie Red Hot Chili Peppers (gegründet 1983!), Nirvana, Beasty Boys und später Pearl Jam Hoffnung für die Zielgruppe trockenerer, unverlogener Töne.
Das alles schwappt uns nun aus den Tiefen der finsteren Vergangenheit wieder vor die Füße, denn das Web ist voll davon. Das ist teils so fürchterlich, dass es schon wieder schön ist: Je nach Lebensalter (siehe oben) nimmt es auch die Kollegenschar entweder nostalgisch-verklärt lächelnd auf oder mit teils wohligem Schauder - so wie bei einem trashigen Horrorfilm.
Wir haben intern einmal gesammelt und Ihnen unser Kontrastprogramm zum TV-Nachmittag zusammengestellt. So schrecklich das alles ist, erhebt es keinen Anspruch darauf, die verbrieft größten Sünden der Achtziger zu erfassen. Wenn Sie da noch mehr kennen: her damit! E-Mail genügt, Stichwort "Es ist nie vorbei!".
Spaß bringt das garantiert. Auf den folgenden Seiten: das Netz als Zeitmaschine, eine Zeitreise in eine zum Glück lang vergangene Epoche der Pop-Unkultur.
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