Seltsame Zeitmaschinen: Googlen wie die "Mad Men"

Von Felix Knoke

Wie sähe Google auf einer Lochkartenmaschine aus? Wie hörte sich 1993 ein Rechnerneustart an? Waren die alten Handheld-Videospiele wirklich toll, oder einfach schrecklich? Im Internet geben Retro-Simulatoren Antworten - ein multimedialer Streifzug durch die Vergangenheit.

Das Internet ist eine seltsame Zeitmaschine: Alte Inhalte können dort per Knopfdruck in neue Form, neue Inhalte in alte Form gebracht werden. Nostalgische Simulatoren wecken vergessene Erfahrungen, und Archive verschwundener Geräusche und Bewegungen beschwören einen vergangenen Alltag. Das kann durchaus verwirrend werden: Heute sich vorstellen, wie man sich vorgestern das Heute vorstellte, um es mit den Formen von Gestern, aber den Mitteln von Heute zumindest als Idee wahr werden zu lassen?

Man kann es aber auch ganz einfach formulieren: Wie hätte denn Google unter den technischen Bedingungen der sechziger Jahre funktioniert? Wie sähe eine moderne Nachrichtenseite aus, wenn sie von (stilsicheren) Neunziger-Jahre-Kiddies entworfen worden wäre? Wie klang 1993 ein Rechnerneustart?

SPIEGEL ONLINE hat Retro-Simulatoren und Nostalgie-Sammlungen aus dem Netz ausgesucht, mit denen Sie auf Zeitreise gehen können.

Lochkarte & Endlospapier: Googlen wie bei "Mad Men"

Wenn die Antihelden aus der TV-Serie "Mad Men" im Internet hätten recherchieren können, dann hätte das wohl so ausgesehen, wie es der Österreicher Norbert Landsteiner auf "Google 60" vorführt. Google, als ob man es auf einem "IBM System/360"-Großrechner benutzen würde.

Blingbling & Dudeldu: Browsing like it's '95

Der Aufstieg des Internets ist unter anderem dem seltsamen Webdienst Geocities geschuldet. In den neunziger Jahren bot der kostenlosen Webspace an, auf dem auch Anfänger erste Websites aufziehen - und üblicherweise mit viel buntem und lautem Unsinn vollstopfen - konnten. Heute gibt es Geocities nur noch als Halbterabyte-großen Archiv-Download in Wolkenkuckucksheim. Und als Ideal: Der Geocitiesizer verwandelt jede beliebige Website in eine Geocities-Website. Ein großer, furchtbarer Spaß.

Übrigens funktioniert das ganze auch über ein Plugin für den Web-Browser Firefox, das jede Website retrofiziert.

Fanfaren & Piepstöne: Virtuelles Rechner-Neustarten

Der Rechnerneustart ist längst ein popkultureller Allgemeinplatz. Neustart hilft oft, Neustart nervt, Neustart macht Geräusche. Weil man seinen Rechner so oft starten sieht, geht der Vorgang ins Ritualhafte über. Und das macht sich die "Restart Page" zunutze - eine Sammlung von simulierten Rechnerneustarts mit Bild und Ton, sehens- und hörenswert.

Bandsurren & Modemsterben: So klang die Vergangenheit

Leider kann das Internet keine Gerüche übertragen, und so müssen Töne als zweitstärkste Erinnerungshilfe für die Tech-Vergangenheit herhalten. Wie gut, dass es Leute gibt, die frühzeitig die Aufnahmetasten drückten, damit niemals vergessen wird, wie Modems ächzen und Drucker stören können.

Grün & Bernstein: Als man noch mit der Tastatur surfte

BBS-Systeme, in Deutschland meist Mailboxen genannt, gelten als Vorläufer des Internets. BBS steht für Bulletin Board System: Per Modem wählt man sich auf einen Server ein, gesteuert wird das alles per Tastatur und Geduld. BBS ist heute praktisch vergessen - gäbe es nicht ein paar Archive, die alte BBS-Systeme am Leben erhalten, neu beleben oder modernen Webangeboten ein BBS-Kostüm überziehen. Am Ende geht es um eine hochmoderne Zeit, in denen Buchstaben zum Leben erwachten und Tastaturen die Welt öffneten (ganz so, wie es in den "Matrix"-Filmen ja noch in den 2000ern zelebriert wurde).

  • Textfiles.com widmet sich mit einem BBS-Simulator, einer Dokumentation und vielen, vielen Informationen dem Reiz giftgrüner Texte
  • Telehack.com ist eine funktionsfähige Simulation eines BBS-Systems, wie es Ende der achtziger Jahre modern war. Telehack kann von vielen Nutzern gleichzeitig benutzt werden und simuliert 25.000 damals aktive Server ("Hosts").
  • GoogleBBS ist noch eine Simulation des Österreichers hinter Masswerk.at: Google, wenn es ein BBS-System wäre - samt Modem-Sounds und Ascii-Logos.

Web-Simulation der Handheld-Vorgänger

Dass es die Pica-Pic.com-Sammlung gibt, ist sicherlich nicht dem spielerischen Reiz der Game&Watch-Spielzeuge der achtziger und neunziger Jahre geschuldet. Pica-Pic.com versucht sich vielmehr an einer sensorisch möglichst authentischen Web-Simulation früher Handheld-Videospiele, gewissermaßen den Ahnen von Gameboy, Nintendo DS und Playstation Vita. Das bedeutet auch: Jetzt mal ehrlich, Vergangenheit - diese Spiele sind tatsächlich mühselig. Von ihrem einstigen Glanz (Schulhof, im Bus ganz hinten) ist wenig übrig. Aber das weiche Klacken der Steuerkreuze, die fiesen Fieptöne und die fahlen LCD-Animationen … hach.

Gestern, heute, morgen: Die Totengräber

Das Archive Team hat es sich zur Aufgabe gemacht, "unser digitales Erbe" zu sichern. Die Aktivisten kopieren Daten aus sozialen Netzwerken, bevor diese abgeschaltet werden. Sie legen Archive öffentlicher Fotoseiten an und sammeln Texte, Playlists, Logdateien, Wikipedia-Vorgänge und Blog-Beiträge - die Ideen für zukünftige Projekte gehen nicht aus. Ebenso wenig wie die sozialen Netzwerke und öffentlichen Internetdienste, die vor dem endgültigen Aus stehen und dringend gerettet werden müssten oder die heute zu wichtig sind, als dass sie auch nur in Gefahr geraten dürften.

Projekte wie die des Archive Teams sind bitter nötig: Nur so werden wir übermorgen täuschend echte Nachbauten, statt nur Ruinen und Ahnungen unseres heutigen Internet-Alltags besuchen können.

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insgesamt 29 Beiträge
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1. Keine Ahnung
wlgt 01.01.2013
Der Autor zeigt mit diesem Artikel seine Unwissenheit. Ein Lochkartenleser war nur ein E/A-Gerät (Ein-/Ausgabe). Der Prozessor (die Maschine, der Computer) tat damals das Gleiche wie Heute, nur nicht so schnell und mit so vielen Daten. Eine Textausgabeeinheit (Drucker, Bildschirm) hätte Google so aussehen lassen, wie gezeigt.
2.
meinmein 01.01.2013
Gibt's das ganze auch in Deutsch? Die meisten genannten Sounds hat man hier nie gehört. Die gezeigten Handhelds sind fast alle hier völlig unbekannt.
3. Rechtschreibung ...
nonalfa 01.01.2013
es heißt "googeln" steht auch im Duden ...
4. Überschrift
nonalfa 01.01.2013
entscheiden sie sich mal "Googeln wie bei "Mad Men"" oder "Googeln wie "Mad Men"" aber auf garkeinen Fall "Googlen wie die "Mad Men"" was soll das sein?
5. EVA-Prinzip
Layer_8 01.01.2013
Zitat von wlgtDer Autor zeigt mit diesem Artikel seine Unwissenheit. Ein Lochkartenleser war nur ein E/A-Gerät (Ein-/Ausgabe). Der Prozessor (die Maschine, der Computer) tat damals das Gleiche wie Heute, nur nicht so schnell und mit so vielen Daten. Eine Textausgabeeinheit (Drucker, Bildschirm) hätte Google so aussehen lassen, wie gezeigt.
Ein Terminal war ein Eingabegerät. Ein Lochkartenleser war ein schnelleres Eingabegerät. Ein Lochkartenschreiber war irgendwie ein "Prä-Terminal", sowie ein Ausgabegerät. Ein Lochbandschreiber war ein Ausgabegerät. Ein Endlosdrucker war ein Ausgabegerät. Und eine Print-Queue konnte u.U. Tage dauern. Die RAMs hatten irgendwie was mit Quecksilber zu tun und die ROMs hatten was mit kleinen magnetischen Eisenkernen zu tun. Die CPU war allerdings was ähnliches wie heute auch, ein Verarbeitungsgerät, gerne auch auf Röhrenbasis. Alles von-Neumann-Maschinen, quasi endliche Turing-Maschinen, wie heute immernoch, nur etwas langsamer. Monitore, Beamer, Mikrofone und Lautsprecher sind dabei nur moderner Schnickschnack ;)
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  • Felix Knoke schreibt von Berlin aus über elektronische Lebensaspekte und versucht sich vergeblich als Hitproduzent in seinem Wohnzimmerstudio.

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