Zeitungskrise: US-Journalisten fürchten den eigenen Untergang

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So apokalyptisch war die Stimmung unter US-Medienmachern selten. Mehr als die Hälfte der Befragten in einer Studie unter Zeitungsjournalisten gibt dem eigenen Haus nur noch zehn Jahre oder weniger - wenn sich nicht neue Geldquellen auftun. Die aber sind nicht in Sicht: Die Magazin-Erlöse etwa gingen erneut zurück.

Laptop, Zeitung: US-Zeitungsmacher sehen das Ende nahen, wenn sich nichts ändert Zur Großansicht
Corbis

Laptop, Zeitung: US-Zeitungsmacher sehen das Ende nahen, wenn sich nichts ändert

Es ist zu vermuten, dass Google-Chef Eric Schmidt Dinge oft nicht so meint, wie sie am Ende klingen. Am Sonntag sprach Schmidt vor Menschen, die sein Unternehmen wenn nicht hassen, so doch mindestens mit Argwohn betrachten: Den Chefs von US-Zeitungen bei der Tagung der American Society of News Editors. Dort dachte er laut über Lösungsmöglichkeiten für die Probleme der US-Medienbranche nach und sagte unter anderem: "Wir haben ein Geschäftsmodell-Problem. Wir haben kein Nachrichtenproblem."

Als ob das nicht jedem Journalisten und Verlagsmanager klar wäre. Wie tief die Erkenntnis aber sitzt, dass das Geschäftsmodell der Zeitungen insbesondere in den USA einen vermutlich irreparablen Schaden hat, zeigt eine aktuelle Umfrage unter Journalisten: 54 Prozent der befragten Zeitungsleute sagen, ihre Unternehmen würden noch höchstens zehn Jahre überleben, wenn man nicht bedeutsame neue Umsatzquellen anzapfe, 31 Prozent gaben ihren Arbeitgebern sogar nur noch fünf Jahre, einige noch weniger. Welche Umsatzquellen das sein sollen, da ist man sich augenscheinlich aber nicht so sicher.

Die Autoren der Studie formulieren es so: "Es bildet sich ein gewisser Konsens, dass die Nachrichtenbranche, um zu überleben, mehr tun muss, um neue Erlösmodelle zu entwickeln, nicht nur darauf warten, dass konventionelle Display- und Banner-Werbung wächst." Befragt wurden insgesamt 353 Führungskräfte aus Zeitungen, Rundfunk und TV, die Ergebnisse präsentiert Pew aber unter anderen nach Mediengattung unterteilt.

Was die Studie auch deutlich macht: Gerade die Zeitungsmacher sind heute mehrheitlich überzeugt, dass kostenfreie Nachrichtensites im Rückblick betrachtet ein fataler Irrweg waren. 59 Prozent sagen der Studie zufolge heute: "Wir hätten von vorneherein für Inhalte Geld verlangen sollen." Das versäumt zu haben sei "der dominante" (27%) oder "ein wesentlicher" (32%) Faktor, der für die Herausforderungen von heute verantwortlich sei.

Sehr unbeliebte Modelle: Spenden, Geld von Aggregatoren

Die eigenen Angebote jetzt hinter einer Bezahlwand zu verstecken, halten trotzdem nicht alle für eine gute Idee, nicht einmal die Mehrheit. Nur 13 Prozent der befragten Zeitungsmacher nannten Abo-Modelle fürs Netz "einen wesentlichen Teil unserer Bemühungen", fünf Prozent sprachen von "einem kleinen Teil", während 58 Prozent Bezahlschranken zwar erwogen, aber keine Schritte zur Umsetzung unternommen haben. Ob Bezahl-Nachrichtenseiten in drei Jahren nennenswerte Anteile ihrer Erlöse liefern würden, beantworteten 23 Prozent der Zeitungsleute mit "Ja". Noch deutlich unpopulärer sind jedoch andere Modelle - etwa Spenden (zwei Prozent der Zeitungsleute) oder Gebühren von Aggregatoren wie Suchmaschinen (elf Prozent der Zeitungsleute).

Neue Nahrung für die Depression einer ganzen Branche bieten auch neue Zahlen aus dem Bereich der Magazinpresse in den USA, zur Verfügung gestellt vom Verband der Magazinverlage. Im ersten Quartal 2010 wurden 9,4 Prozent weniger Anzeigenseiten bezahlt als im Vorjahresquartal. Und das war schon schlimm: Denn Anfang 2009 waren die Anzeigenverkäufe schon um fast 26 Prozent eingebrochen. Die Umsätze gingen dabei nicht ganz so dramatisch zurück: Im ersten Quartal 2010 brachten Magazin-Anzeigen demnach 3,9 Prozent weniger ein als im Vorjahreszeitraum. Der Gesamtumsatz für die drei Monate ist immer noch beachtlich: Gut vier Milliarden Dollar. Gejammert wird also auf hohem Niveau - und viele Magazine konnten sogar rasantes Wachstum verzeichnen, "Martha Stewart Weddings" etwa warb 77 Prozent mehr Anzeigen ein, der "Scientific American" gut 33 Prozent und "Wired" immerhin gut elf Prozent.

Das Internet macht alles schlechter, auch den Journalismus?

Die Depression der US-Branche geht aber über schlechte Zahlen hinaus, glaubt man den Zahlen, die Pews "Excellence in Journalism"-Projekt ermittelt hat. 58 Prozent der befragten Zeitungsleute und TV- und Rundfunkmanager sind demnach nämlich der Meinung, der Journalismus in den USA sei "in die falsche Richtung unterwegs". 62 Prozent sagten, das Internet habe journalistische Werte verändert. Und wie diese Veränderung wahrgenommen wird, ist ziemlich eindeutig: Standards würden gelockert, glauben 65 Prozent der Befragten, 30 Prozent diagnostizieren, durch das Internet habe die Betonung von Schnelligkeit im Nachrichtengeschäft zugenommen.

Die Frage, das ist hier nicht unwesentlich, war offen gestellt - die Befragten schrieben nur nieder, was ihnen eben einfiel zum Einfluss des Internets auf den Journalismus. Auf beunruhigende Weise erhellender sind denn auch weniger die Antworten, die häufig gegeben wurden - sondern die Veränderungen, die den wenigsten in den Sinn kamen. Dass das Netz dem Journalismus mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit geben könnte etwa, schrieben nur zwei Prozent der Befragten auf, nur fünf Prozent nannten die gewachsenen Möglichkeiten, mit den eigenen Lesern oder Zuschauern in Kontakt zu treten. Ebenfalls nur einem Prozent (drei Prozent der Zeitungsmacher) fiel ein, dass das Internet generell mehr Zugang zu Nachrichten und Information erlaubt.

Das wäre, hätte man Eric Schmidt gefragt, wahrscheinlich weiter vorne auf der Liste gelandet. Bei der Tagung der Society of News Editors sagte Schmidt auch: "Die Technologie erlaubt Ihnen, direkt mit Ihren Nutzern zu sprechen." Wirklich gute Ideen, wie der auch von ihm für zentral gehaltene Journalismus künftig finanziert werden soll, hatte aber auch der Google-Chef nicht. Man müsse seinen Lesern dahin folgen, wo sie sind, sagte Schmidt, mit Inhalten für Kindle, iPad oder Android-Handys. Die Verlage würden künftig wohl mit einer Mischung aus Abo-Gebühren und Anzeigenerlösen ihr Geld verdienen.

Schmidts Solidaritätsbekundung dürfte sich für den einen oder anderen im Saal ziemlich hohl geklungen haben: "Wir müssen da zusammen durch."

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insgesamt 18 Beiträge
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1. Gilt auch hier
AllesGrau 12.04.2010
Auf www.ivw.de kann man sich die Verkaufszahlen von sehr vielen Zeitschriften im deutschsprachigen Raum ansehen, oft vom 1. Quartal 1998 bis heute. Der Rückgang bei den Auflagen in den letzten 10 Jahren ist erschreckend. Wenn da die Auflage in zehn Jahren von 700 000 auf 200 000 zusammengebrochen ist, fragt man sich schon, wie die Magazine heute noch überleben. Entweder hatten die vor 10 Jahren noch die Lizenz zum Geld drucken, oder es waren intern schon massiv Kürzungen nötig, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Einfach mal selber stöbern ...
2. Wieso auch nicht?
sichreid 12.04.2010
Wieso sollte ich "Qualitätszeitschriften" abonieren, wenn ich darin zwar über die Gewinner von "Superstars" informiert werde. Ich aber auf Internetmedien angewiesen bin zu erfahren, was wirklich in der Welt passiert (z.B. Wikileaks)?
3. schmerzhafte Anpassung für alle
eikfier 12.04.2010
Zitat von sysopSo apokalyptisch war die Stimmung unter US-Medienmachern selten. Über die Hälfte der Befragten in einer Studie unter Zeitungsjournalisten gibt dem eigenen Haus nur noch 10 Jahre oder weniger - wenn sich nicht neue Geldquellen auftun. Die aber sind nicht in Sicht: Die Magazin-Erlöse etwa gingen erneut zurück. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,688473,00.html
Ich befürchte und das wirklich ohne jegliche Häme, das Internet verändert die Medienwelt gründlich. Nicht von heute auf morgen, aber doch beharrlich und schneller als manchem Wunschdenker lieb ist. Man braucht sich ja nur mal selber zu betrachten: Heute werden doch nur noch die früher allgemein üblichen Prints bei den Fachzeitschriften abonniert, besonders, wenn man ein "Unterstreicher" ist. Das nötige Geld müssen die Verlage sich wohl auch durch angepaßte neue Methoden beschaffen - umsonst wie hier im SPON, mit eingeschaltetem Addblock plus und Firefox, das ist auf Dauer doch nicht in Ordnung, denke ich mal.....
4. Was wäre, wenn...
Perelly 12.04.2010
Mal angenommen, von heute auf morgen wären alle Nachrichten-Seiten nur noch gegen Bezahlung zu haben, was würde denn dann passieren? Ist das überhaupt möglich? Wird es nicht immer einen Kanal geben, der dann trotzdem umsonst News anbietet, der als Oligo- oder Monopolist um so wervoller wird und dieses Geschäftsmodell durchhalten kann? Spieltheoretiker hätten hier wohl ihre wahre Freude. Würden sich die User für eine Zeitung im Netz entscheiden? Und wenn ja, welche? Wohl kaum die hiesige Ortszeitung, oder doch? Was wäre mit ausländischen Nachrichten? Wieviel wäre der User bereit, auszugeben? Geht es dabei um Modelle für Smartphones, wo man die Nachrichten permanent abholen kann? Muss ich dann einen halbwegs passablen Rechner besitzen, ein Laptop vielleicht für das Sofa oder den Garten? Was ist dabei mit Usern, die sich nicht unbedingt als Nachrichten-Junkies bezeichnen würden, die nur mal gelegentlich auf den einen oder anderen Artikel surfen? Ich halte das Gejammere der US-Journalisten für wenig belastbar. Womöglich gibt es einfach zu viele Zeitungen, die alle dieselben Agenturmeldungen herausposaunen. Für diesen Verlautbarungsjournalismus, den es ja zu Genüge auch bei uns gibt, bräuchte man dann auch kein Abo bei einer Zeitung sondern geht direkt über reuters, dpa oder das Presseportal. Und was ist mit Seiten, die es nur im Internet, nicht aber als Druckversion gibt? Die haben doch offensichtlich ein Modell, das sich halbwegs lohnt. Ich persönlich hätte nichts gegen paid-content auf den Nachrichtenseiten. Dann würde ich mich an meine GEZ-Gebühren erinnern, und die informative Grundversorgung der ÖR bekäme ihr bislang vermisstes Argument frei Haus geliefert. Vielleicht würde ich die ein oder andere Quelle online vermissen, aber ich würde mich dann eher wieder mit der Druckfassung von FAZ und SPIEGEL aufs Sofa oder in die Sonne setzen, als auch noch Geld dafür zu bezahlen, im Internet mit Nachrichten überhäuft zu werden.
5. .
frubi 12.04.2010
Zitat von sichreidWieso sollte ich "Qualitätszeitschriften" abonieren, wenn ich darin zwar über die Gewinner von "Superstars" informiert werde. Ich aber auf Internetmedien angewiesen bin zu erfahren, was wirklich in der Welt passiert (z.B. Wikileaks)?
Man braucht einfach mehr Wadenbeisser in den Redaktionen. Die können sich eine Scheibe von Wikileaks und Co. abschneiden. Es ist aber auch nicht alles schlecht. Der Kunduz-Report über den Angriff auf die beiden Tanklaster war schon recht solide. Mir fehlt, genau so wie in Sachen Finanzkrise, der nötige Druck auf die Politik. Die Bild z. B. fordert "Frau Merkel" bei den lächerlichsten Problemen auf, diese zu lösen. Wenn es aber um die wichtigen Dinge geht, dann schwimmen die Medien mit dem Strom.
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