Zensiert, verhaftet, exiliert "In meinem Weblog fühlte ich mich frei"

Weblogs sind im Iran populär - und potenziell gefährlich. Sina Motallebi saß für sein Netztagebuch im Gefängnis. Dank Protesten aus der internationalen "Blogosphäre" kam er frei. "Die iranische Regierung kann Weblogs nicht stoppen", sagt er. Nur die Menschen dahinter.

Von Fiete Stegers


Sina Motallebi: Der Journalist schrieb das, was er in der Zeitung nicht bringen konnte, für sein Weblog - und bezahlte einen hohen Preis
Fiete Stegers

Sina Motallebi: Der Journalist schrieb das, was er in der Zeitung nicht bringen konnte, für sein Weblog - und bezahlte einen hohen Preis

Mit seinem Weblog-Eintrag vom 14. Dezember 2003, 16:34, erntete Sina Motallebi mehr als 150 Kommentare. Der Eintrag kam aus dem Exil, nach monatelanger Pause, nach Gefängnis, Psychoterror, Angst. Motallebi war zuvor einer der populärsten Blogger der blühenden Weblog-Szene in Iran. Und der erste, der wegen seines Netztagebuches verhaftet wurde.

Motallebi ahnte etwas, als er sich am 20. April 2003 bei einer Justizbehörde in Teheran melden sollte, die bereits andere Journalisten verhaftet hatte. Er veröffentlichte einen Eintrag über die Vorladung in seinem Weblog, der für lange Zeit der letzte bleiben sollte. Er kam an diesem Tag nicht nach Hause.

Der Journalist aus Teheran schrieb für die Zeitung "Hayat-é-No" über Politik, Kultur, Computer. Und was auch in reformorientierten Zeitungen nicht gedruckt werden durfte, hatte er in seinem Blog "Rooznegar" veröffentlicht. Motallebi: "In meinem Weblog fühlte ich mich frei."

Die Justizbeamten konfrontierten ihn mit ausgedruckten Passagen. Damit und in Interviews für ausländische Radiosender hätte Motallebi die islamischen Werte verletzt, Oppositionsgruppen unterstützt und die nationale Sicherheit gefährdet, so der Vorwurf. Seinen dreißigsten Geburtstag verbrachte Motallebi in Haft. Immer wieder wurde er verhört, mit verbundenen Augen, schlaflos im grellen Licht, insgesamt 23 Tage.

Dann wirkte sein letztes Posting: Andere Blogger hatten in einer Online-Petition mehr als 4000 Unterschriften gesammelt und die Organisation Reporter ohne Grenzen auf den Fall aufmerksam gemacht. Motallebi führt darauf heute seine Freilassung zurück. "Über die Zeit im Gefängnis gäbe es noch viel zu schreiben", erzählt er rund ein Jahr nach seiner Verhaftung. Aber noch kann er nicht, nachdem er so lange nicht durfte.

Nach der Haft: Motallebi verstummte

Auch nach seiner Freilassung musste er sich regelmäßig bei den Behörden melden. Als Journalist konnte er in Iran nicht mehr arbeiten. Sein Weblog schrieb er nicht weiter: "Ich hatte Angst, dann würde man mich zwingen, Widerrufe zu schreiben, Dinge, die ich nicht meine." Wenn sich Leser seines Blogs nach ihm erkundigten, antwortete er nicht. "Weil ich nicht wusste, ob nicht Justiz oder Geheimdienst dahinter steckten." Einer der Veteranen der persischen Szene, Hussein Derakhshan aus Toronto, berichtet, dass Motallebi ihn damals gebeten haben, seinen Namen aus früheren Einträgen in seinem Blog zu entfernen.

Dann gelang dem Journalisten die Ausreise in die Niederlande. Jetzt lebt Motallebi dort mit seiner Frau Farnaz und dem einjährigen Mani in einer schmucken Unistadt. Er arbeitet für persischsprachige Medien außerhalb Irans - und führt "Rooznegar" weiter.

Aber dabei kämpft er noch stets mit Blockaden im Kopf: "Wenn ich über Politiker oder Künstler in Iran und ihre Ansichten schreibe, muss ich aufpassen, dass mein Artikel sie nicht gefährdet."

In Iran ist jedes Thema politisch

In Iran gibt es inzwischen auch Umarmungsversuche. Das Regime kann nicht mehr ignorieren, wie viele jüngere Iraner und Iranerinnen in Weblogs - häufig anonym - den Freiraum finden, den sie in der Gesellschaft vermissen. Sogar Präsident Mohammed Chatami verkündete auf dem Weltinformationsgipfel im Dezember, nach englischen und französischen Blogs lägen persischsprachige weltweit auf Rang drei. Sein Vizepräsident Mohammed Ali Abtahi hat selbst ein Blog auf Persisch und Englisch gestartet.

Andererseits sind neue Verbote und Filtermaßnahmen gegen missliebige Websites angekündigt. Sina Motallebi: "Es gibt in Iran nur ein paar explizit politische Weblogs. Aber auch wenn iranische Blogger nur über ihr persönliches Leben schreiben, wird das ganz schnell politisch, weil die Regierung so strikte islamische Regeln vorschreibt in Sachen Lebensweise, Kultur, Beziehungen, zu allem. Und dabei geht es nicht nur um Schleier."

Gerade deshalb werde die Blog-Zensur erfolglos bleiben, meint Motallebi: "Vielleicht könnten sie noch ein paar Opfer wie mich finden. Aber du kannst nur einzelne Weblogger stoppen, nicht Blogging selbst." Dafür sei die Szene zu dezentral und wachse zu schnell. "Die bekanntesten Weblogger von heute kannte vor einem Jahr noch niemand."

Tatsächliche Reformwirkungen erwartet der Exilant aber längst nicht so zügig. Er lernt Holländisch und hat sich auf einen längeren Aufenthalt im Gastland eingestellt.

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