Zensur-Streit um Harry: Blogs gesperrt wegen Potter-Sex

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Ein US-Blog-Anbieter steht vor gewaltigen Problemen: Auf den Seiten von Livejournal.com publizieren die Nutzer Fan-Fiction und selbstgemalte Bilder - unter anderem von homoerotischen Abenteuern von Harry Potter und seinen Freunden. Entsprechende Blogs wurden geschlossen - nun tobt ein Proteststurm.

Kein Zweifel: Das Bild könnte den einen oder anderen Harry-Potter-Fan nachhaltig verstören. Es zeigt den jugendlichen Helden, von seiner Brille abgesehen unbekleidet, rücklings auf einem Bett liegend, die Augen in Verzückung geschlossen. Eine weißliche Flüssigkeit tropft aus seinem Mundwinkel. Seine Hüften umklammert ein ebenfalls unbekleideter Severus Snape, der düsterste unter den Lehrkräften in J.K. Rowlings Hogwarts-Personal. Das Bild ist pornografisch, da gibt es keinen Zweifel.

Erotisches Potter-Fanbild (Screenshot von destiny.ponderosa121.com): "Kein künstlerischer oder literarischer Wert"

Erotisches Potter-Fanbild (Screenshot von destiny.ponderosa121.com): "Kein künstlerischer oder literarischer Wert"

Gezeichnet hat das Bild eine laut Selbstbeschreibung "28 Jahre alte Frau, verheiratet mit einem sehr reizenden Mann", die im Community-Angebot Livejournal.com (LJ) unter dem Namen "ponderosa121" einen Blog unterhielt, mit "Fan-Kunst, gelegentlicher Fan-Fiction und häufigem Gebrabbel über mein Leben".

Die Fan-Kunst hat nun dazu geführt, dass "ponderosa121" aus Livejournal.com hinausgeworfen wurde. Weil, so eine E-Mail der Betreiber an die Hobbykünstlerin, ihr Journal "Zeichnungen enthielt, die Minderjährige in expliziten sexuellen Situationen zeigen".

"Ponderosa121" ist sauer - sie ist inzwischen in den Blog-Dienst eines anderen Anbieters umgezogen und schmiedet Pläne für ein eigenes, ganz dem Fantum gewidmetes Angebot. Und die Chancen für Zulauf sind groß, denn der Eingriff in die Sphären der Hardcore-Fans hat viele Nutzer gegen die Livejournal-Betreiber aufgebracht.

"Das haben wir wirklich versaut"

Ponderosa121 ist nicht die einzige: "Etwa 500 Journals" habe man aus dem Angebot entfernt, teilte Barak Berkowitz schon im Mai in einem eigenen Posting mit - Berkowitz ist nicht irgendwer, sondern der Chef des Internet-Unternehmens Six Apart, das auch Livejournal betreibt. Sein Kommentar zu den ersten Löschungen ist mit den Worten "Also, das haben wir wirklich versaut" überschrieben. Die Livejournal-Betreiber stellten entsetzt fest, dass man sich mit den eigenen Nutzern lieber nicht anlegen sollte. Besonders dann nicht, wenn es sich um so leidenschaftliche Nutzer handelt wie die Fandom-Gemeinde. Und jetzt hat man das gleiche wieder getan - diesmal ist die Wut noch größer.

Fandom ist gewissermaßen Fiction-Verehrung auf die Spitze getrieben: Der harte Kern der Harry-Potter-, Star-Trek-, Manga- oder TV-Serienfans, denen die offiziellen Erzeugnisse der Unterhaltungsindustrie nicht genügen, die mit eigenen, oft höchst aufwendigen Kreationen Geschichten weiterschreiben - oder eben Erweiterungen des literarischen Kosmos mit Pinsel und Tusche ins Bild setzen, so wie "Ponderosa121". Sie malt auch Bilder, die sich auf das Videospiel "Final Fantasy VII" beziehen oder knuffige kleine Comicbildchen, in denen die Figuren aus "Fluch der Karibik" im Ottifanten-Format wiedergeboren werden.

Viele Fandom- oder "Slash"-Autoren dehnen ihre Themen auch in erotische Bereiche. Besonders die erotisierende Internatsatmosphäre und die von J.K. Rowling nach Meinung mancher sträflich vernachlässigten homoerotischen Möglichkeiten werden genüsslich ausgeschlachtet. Das Problem aus Sicht von Livejournal: Harry und seine Mitstreiter sind zum Großteil minderjährig.

"Haben keinen künstlerischen oder literarischen Wert"

Als einer der hinausgeworfenen Fan-Illustratoren sich bei Livejournal beklagte, wurde ihm in einer E-Mail beschieden, er habe Recht: Gezeichneter Sex mit möglicherweise Minderjährigen erfülle nicht die in den USA gültige Definition von Kinderpornografie. Aber: "Nicht-fotografische Inhalte, die Minderjährige involvieren und keinen künstlerischen oder literarischen Wert haben, verstoßen vermutlich gegen Bundesgesetze gegen Obszönität".

Das war ein Fehler: Denn E-Mails werden in solchen Streitfällen selbstverständlich als Waffe eingesetzt und in Foren oder Blogs publiziert. Den Fan-Künstlern auf Umwegen öffentlich zu bescheinigen, ihre Schöpfungen hätten keinen künstlerischen Wert, war dumm: Es brachte nun nicht nur die Ausgeschlossenen, sondern auch alle anderen auf die Palme. Inzwischen hat sich eine echte "Freiheit für Fandom"-Bewegung entwickelt, in Scharen laufen Livejournal-Nutzer zu anderen Diensten über. Zur allgemeinen Wut trug zusätzlich bei, dass ein Forums-Moderator von Six Apart sich offen über die Klagen debattierender Mitglieder lustig machte - etwa, indem er sie ironisch dafür bemitleidete, dass sie ihre pädophilen Neigungen nicht ausleben könnten.

Nun kriecht das Management vor den Sexfans zu Kreuze

"Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass LJ sich nicht mit Sexualität und den Teilen von Fandom auseinandersetzen will, die sexuell explizit sind", schrieb ein Nutzer des Angebotes, dessen Blog gar nicht gelöscht wurde. Ein anderer nimmt in einem langen Blog-Eintrag verschiedenste Beschwichtigungs- Argumente auseinander: Wer der Meinung sei, er sei von der Säuberung und ihren Hintergründen nicht betroffen, täusche sich. "Es betrifft euch, wenn das, was als akzeptabel gilt, nicht von eurer Community entschieden wird, sondern von den Angestellten von Six Apart."

Inzwischen gibt es Protest-Icons für Foren-Kommentare, Protest- Bildschirmhintergründe mit der Aufschrift "Revolte der Fandoms", virtuelle Unterschriftenlisten und endlose Forendebatten über das Fehlverhalten des Community-Betreibers. Six-Apart-Chef Berkowitz hatte sich im oben genannten Posting bereits für die erste Löschungswelle entschuldigt und angekündigt, man werde die gestrichenen Journale einzeln prüfen und auch kontrollieren, ob nicht sie nicht direkt oder mit einigen wenigen Korrekturen wieder online gehen könnten. Andere würden aber dauerhaft geschlossen bleiben. Es sei ein Fehler gewesen, die Betroffenen nicht vorab zu informieren, sondern ihre Journale einfach kommentarlos dichtzumachen. Ob Ponderosa121 und das Blog eines weiteren betroffenen Nutzers wiederkommen werden, ist unklar - aber vielleicht wollen die beiden ja auch gar nicht zurück zu Livejournal.

Die letzten Sätze der ersten Reaktion von CEO Berkowitz fassen das Dilemma zusammen, vor dem Plattformbetreiber auch weiterhin stehen werden: "Man könnte sagen, dass man uns, egal was wir getan hätten, hätte vorwerfen können, dass wir die Meinungsfreiheit verletzen, oder dass wir Kinder in Gefahr bringen. Aber ich bin sicher, wir hätten das hier sehr viel besser machen können und sollen. Ich hoffe, ihr könnt uns vergeben und wir können euer Vertrauen zurückgewinnen." Diesem Anliegen dürfte die neuerliche Zensuraktion kräftig geschadet haben.

Nachtrag: Ursprünglich enthielt der obige Text Formulierungen, durch die der Eindruck entstand, das Posting von Six-Apart-Chef Berkowitz beziehe sich auf die aktuelle Debatte - es stammt aber aus dem Monat Mai und behandelt eine erste Sperr-Welle aus ähnlichem Anlass.

2. Nachtrag: Am Dienstagabend hat Livejournal mit einer Stellungnahme auf den Unmut der Community reagiert.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. anfangs war
Umbriel 07.08.2007
im Internet Alles erlaubt, weil es keiner merkte. Zunehmend ist dem Privatmann Alles verboten, es sei denn, es ist ausdrücklich erlaubt. Irgendwie kann es so nicht weitergehen. Wir brauchen dringend mehr Schutz der Privatsphäre und mehr Schutz der Rechte auf freie Meinungsäußerung für private Personen. Inzwischen muss man ja fürchten, mit einer Freinhandzeichnung und irgendeiner Formulierung abstrakte Markenrechte oder andere Empfindlichkeiten irgendwelcher finanzgewaltigen Verlage oder Konzerne zu verletzen. Die Abmahnsucht gewisser Winkeladvokaten ist ja bekannt. So kanns nicht weitergehen. Also: Schreibt massenhaft Protestbriefe FÜR ein freies Internet! Ohne Freiheit keine Innovationen, ohne Freiheit keine Erfindungen. Freiheit ist keine Gnade, sondern Voraussetzung für kulturelle Weiterentwicklung!
2. Wem verdanken
Umbriel 07.08.2007
denn die Winkeladvokaten, Sittenwächter und andere Leute, die mit abweichenden Weltsichten ihre Problemchen haben, den Zugang zum Internet? Leuten, die all diese Netzwerkmöglichkeiten, Software, Ideen mit ihren frei denkenden Köpfen ersonnen haben! Das sollten all diese Herrschaften einmal bedenken und etwas mehr Respekt und Ehrfurcht zeigen! Wenn es nach Kirche, FSK, Anwaltskammer & Co. ginge, dann wäre allein schon der Besitz eines PC schon eine fragwürdige Sache. Wehrt Euch gegen die Engstirnigen!
3. So'n Käse
gewuerzolive, 07.08.2007
Da denken sich die Leute was aus, entwickeln ihre Phantasie und teilen sie mit anderen, und dann kommen die Sittenpolizei oder die Copyright-Wächter und heben den Zeigefinger - oder tun Schlimmeres. Schöne neue Welt: Kreativität und Phantasie zählen nichts, alle haben bloß noch Angst, jemand könnte ihnen wegen irgendwas den A. aus der Hose klagen.
4. Was solls?
lindan, 07.08.2007
Wenn es die Zielgruppe anspricht, warum nicht? In Anbetracht ganz anderer "fragwürdiger" Inhalte in Foren dieser Art ist diese Kurzschlussreaktion wohl ein wenig überzogen. Mal ganz davon abgesehen: ist der Geist erst aus der Flasche, bekommt man ihn nur schwerlich wieder hinein.
5. Richtigstellung (oder so)
Doro-chan 07.08.2007
Ich würde den Autoren des Artikels gerne korrigieren, denn er vermischt da leider einige Ereignisse zu einem: 1.) Alles nahm seinen Anfang Ende Mai als 500 Journals (viele davon Fanjournals und -communities) gelöscht wurden Livejournal (Barak) entschuldigte sich und versprach, die Nutzungsbedingungen zu erneuern und Fanjournals in Ruhe zu lassen. Die Fanjournals wurden wieder freigeschaltet, Ponderosa121 war damals nicht betroffen. 2.) Mitte Juni wurden die neuen (immer noch unklaren) Nutzungsbedingungen veröffentlicht, und es wurde viel um sie diskutiert. Burr86 (Forenadmin, der sich gestern über User lustig machte) versichterte, dass Fans größtenteils in Ruhe gelassen würden, solange sie nicht gerade vorpubertierende Kinder zeichneten. 3.) Ponderosa121 und Elaboration wurden wegen zwei spezifischer Bilder gelöscht, auf denen nach eigenen Angaben keine Minderjährigen zu sehen sind. LJ hat bis jetzt noch nicht reagiert. Die LJ User fühlen sich unter anderem deshalb bedroht, weil den beiden gelöschten nicht die Möglichkeit gegeben wurde, die entsprechenden Bilder (nicht in eigenen Journals sondern in einer Community gepostet) zu entfernen. Hinzu kommen noch Streitereien wegen einer Löschung wegen angeblichen Copyrightverstoßes und um Löschungen wegen Bildern, bei denen eine Frau ihrem Kind die Brust gibt (LJ sieht jede Art einer nackten weiblichen Brust als obszön an).
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