Zielkonflikt: Wikipedia-Autor arbeitet für Sanofi-Aventis

Er arbeitete bei Wikipedia mit, und macht sich als Gründer von Wiki-Watch für die Qualitätssicherung in dem Internetlexikon stark: Wolfgang Stock. Doch offensichtlich hat der ehemalige FAZ-Redakteur gegen die hehren Ziele, die er postuliert, selbst wiederholt verstoßen.

Internetseite von Wikipedia: Massive Vorwürfe gegen selbst ernannten Qualitätswächter Zur Großansicht
dpa

Internetseite von Wikipedia: Massive Vorwürfe gegen selbst ernannten Qualitätswächter

Der Gründer des Internetportals Wiki-Watch, Wolfgang Stock, arbeitet seit Juli 2009 als Kommunikationsberater für den Pharmakonzern Sanofi-Aventis. Zuvor hatte Stock Artikel in Wikipedia zu Gunsten von Sanofi-Aventis umgeschrieben.

Stock gründete Wiki-Watch im Jahr 2009, seit Herbst 2010 ist das Projekt als Arbeitsstelle an der juristischen Fakultät der Universität Frankfurt (Oder) angesiedelt. Wiki-Watch will nach eigenen Angaben "die faszinierende Wissensressource Wikipedia transparenter machen" und die Qualität des Online-Lexikons verbessern.

Vor Ansiedlung des Projekts an der Uni, im April und Mai 2009 schrieb Stock unter dem Benutzernamen "Wsto" mehrfach Wikipedia-Artikel zu "Sanofi-Aventis" und deren wichtigstem Produkt, dem Analoginsulin Lantus um. Gleichzeitig überzog er die Wikipedia-Artikel des pharmaunabhängigen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen und dessen damaligen Leiter Peter Sawicki mit Kritik.

Stock, der in Berlin die Krisen-PR-Agentur "Convincet" führt und vor Jahren den Video-Podcast von Bundeskanzlerin Angela Merkel initiiert hatte, erklärte auf Nachfrage: "Die Vermutung oder Behauptung, dass ich diese Artikel gegen Bezahlung oder in Erwartung eines bezahlten Auftrags von Sanofi-Aventis editiert habe, ist unwahrhaftig." Auch Sanofi-Aventis versichert, Stock nicht damit beauftragt zu haben, Wikipedia-Artikel zu bearbeiten.

Stock steht außerdem im Verdacht, nicht nur unter "Wsto" sondern auch noch unter anderen Benutzernamen Wikipedia-Einträge editiert zu haben. Er bestreitet dies. Dennoch hat Wikipedia aus diesem Grund den Nutzer "Wsto" vor drei Wochen gesperrt.

Der Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht an der Uni Frankfurt (Oder), Wolff Heintschel von Heinegg, an dem Wiki-Watch angesiedelt ist, erklärte: Sollten sich die Vorwürfe gegen Stock bewahrheiten, "dann müssen wir in letzter Konsequenz das Ganze einstampfen".

mik

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insgesamt 36 Beiträge
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1. Und?
willem.fart 10.07.2011
Lieber ein sachlicher Beitrag in Wikipedia als ein ideologischer im Spiegel. Im Gegensatz zum Spiegel unterliegt der dort einer Qualitätskontrolle. Da schmeisst einer im Spiegelhaus mit Steinen um sich.
2. Kritische Auseinandersetzung mit Wikipedia immer nötig
SPON-tan 10.07.2011
Zitat von willem.fartLieber ein sachlicher Beitrag in Wikipedia als ein ideologischer im Spiegel. Im Gegensatz zum Spiegel unterliegt der dort einer Qualitätskontrolle. Da schmeisst einer im Spiegelhaus mit Steinen um sich.
Das stammt offenbar aus der Feder eines Lesers, der nur den Spiegel liest (und ihn dann kritisiert). In der FAZ war das schon vor einer Woche Thema. Dann kam eine Abmahnung von den Wiki-Watch-Machern und die FAZ hat den Artikel kurzzeitig zurückgezogen gehabt. Wikipedia-Nutzer haben sich selbst recht ausführlich mit den Verdachtsmomenten insb. gegen Herrn Stock (im Rahmen der Wikipedia) beschäftigt. Ich halte das alles für recht stichhaltig. Deshalb freut es mich auch, dass mit SPON jetzt durch das zweite Nachrichtenportal die Geschichte aufgegriffen wird. Jeder soll kritisch hinterfragen, bevor er Informationen aus der Wikipedia übernimmt. Nicht alle stellen sich so dilettantisch an, wenn sie vermeintliche Kampagnen fahren. Ob die Firma von Herrn Stock sich im Bereich der Krisenkommunikation in eigener Sache profiliert hat, möchte ich jetzt mal unkommentiert lassen...
3. Und...?
hwolf@gmx.net 10.07.2011
Zitat von willem.fartLieber ein sachlicher Beitrag in Wikipedia als ein ideologischer im Spiegel. Im Gegensatz zum Spiegel unterliegt der dort einer Qualitätskontrolle. Da schmeisst einer im Spiegelhaus mit Steinen um sich.
Ändert das etwas an dem Missstand mit Wsto? Was ist denn an den Sanofi-Beiträgen des Wsto sachlich?
4. Und?
Wh0 C4r3s 10.07.2011
Jeder kann doch Artikel für Wikipedia schreiben oder auch ändern, Firmen wollen doch immer gut da stehen. Also nicht verwunderlich wenn die Firmen Artikel schreiben oder andere dafür bezahlen. Wer sich also nur über wiki über etwas informiert und alles glaubt was drin steht ist selber schuld.
5. wiki
eigene_meinung 10.07.2011
Leider gibt es bei Wikipedia einige Leute, welche teilweise auch Admin-Rechte u.ä. besitzen, die Wikipedia benutzen, um ihre wirtschaftlichen oder ideologischen Ansichten zu verbreiten bzw. sich selbst Vorteile zu verschaffen. Hier greifen die Selbstreinigungsmechanismen oft nicht.
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Fakten rund um Wikipedia
Schamanismus und der Scheißtag
Wie viele Artikel stehen in der Wikipedia? Was ist der längste Eintrag? Und was hat der Scheißtag im Online-Lexikon verloren?
dpa
Große Zahlen
In der deutschsprachigen Wikipedia sind seit Mai 2001 mehr als 1,1 Millionen Artikel entstanden, in der englischsprachigen sogar mehr als 3,5 Millionen. Artikel der deutschen Wikipedia wurden mehr als 87 Millionen Mal bearbeitet - die englische Version weist fast 438 Millionen Änderungen aus.
Der erste Eintrag
In der englischsprachigen Wikipedia hat Mitgründer Jimmy Wales nach eigenen Angaben den ersten Eintrag gemacht - einen Testartikel mit dem Text "Hello, World!" Es folgten ein weitere Testseite namens "UuU" und einen Artikel über Transport.
Der erste deutschsprachige Artikel
Der erste Artikel der deutschsprachigen Wikipedia dreht sich um Polymerase-Kettenreaktion - "eine Methode, um die Erbsubstanz DNA in vitro zu vervielfältigen". Es folgten Einträge über Dänemark, den Kattegat und die Nordsee. Zu den frühen Zugängen zählt auch Niue, eine isolierte Koralleninsel im Südpazifik.
Der längste Artikel
Der längste Artikel handelt auf umgerechnet 150 DIN-A4-Seiten den Schamanismus ab. Die längste Liste zählt Automobilmarken von A.A.A. bis Zender auf, von denen ein Großteil allerdings nicht mehr besteht.
Themenvielfalt
Grundsätzlich ist in der Online-Enzyklopädie für alle Themen Platz - wenn die Gemeinschaft sie für relevant hält und sich jemand die Mühe macht, sie zu bearbeiten. Artikel gibt es etwa über den alemannischen Separatismus und den Scheißtag, der laut Wikipedia auch in Grimms Wörterbuch verzeichnet ist. Dem Eintrag zufolge nannten Knechte so die ein bis drei unbezahlten Arbeitstage im Jahr, die die Zeit für die Verrichtung des Stuhlgangs ausgleichen sollten.
Humor
Auch wenn die meisten Wikipedia-Mitarbeiter ihren Job ernst nehmen, gibt es eine Nische für Spaß: Das Humorarchiv. Dort stehen Texte, die es nicht ins reguläre Lexikon geschafft haben. Etwa der über den Heiligen Bürokratius, "ein wenig bekannter römischer Heiliger, der erst in der Neuzeit eine größere Verehrung erfahren hat".

Wikipedia-Richtlinien: "Schädige niemanden"
Schreibstil
Du solltest in neutraler, unzweideutiger Weise dokumentieren, welche verlässlichen unparteiischen Quellen über den Betroffenen veröffentlicht haben und gegebenenfalls auch, was die Person über sich selbst veröffentlicht hat. Der Schreibstil soll neutral, faktenorientiert und zurückhaltend sein. Es sollten weder hagiografische noch sensationsheischende Töne vorkommen. (…) Wenn du über ein negatives Ereignis schreibst, berücksichtige auch entlastende Informationen, bemühe dich immer um Ausgewogenheit.

Verlässliche Belege
Ohne glaubwürdige Belegangaben ist die Biografie wahrscheinlich Theoriefindung. Im Artikel angegebene Informationen müssen daher unbedingt für jeden einfach zu verifizieren sein. Informationen, die nur auf parteiischen Web-Seiten oder in obskuren Zeitschriften veröffentlicht sind, sollten mit Vorsicht behandelt und nicht verwendet werden, wenn sie tendenziös sind. Informationen aus Büchern und Zeitungen im Selbstverlag, oder von privaten Web-Seiten/Blogs sollten nie benutzt werden, außer sie stammen vom Betroffenen selbst.

Personen des öffentlichen Lebens
Über öffentlich bekannte Personen gibt es in der Regel eine Vielzahl von verlässlichen Quellen, und die Wikipedia-Biografie sollte einfach wiedergeben, was dort steht. Andererseits haben auch diese Personen ein Recht auf Privatsphäre. Nur wenn ein Vorwurf oder Zwischenfall bedeutsam, und in solchen angesehenen Veröffentlichungen dokumentiert ist, gehört er in den Artikel, und zwar auch, wenn der Betroffene die Erwähnung ablehnt. (…) Grundsätzlich ist – wie bei jedem anderen in einem Artikel erwähnten Faktum – eine Prüfung der enzyklopädischen Relevanz notwendig. In Grenzfällen sollte die Daumenregel lauten "schädige niemanden".

Umgang mit Artikeln über sich selbst
Wir raten zwar davon ab, Artikel über sich selbst zu verfassen (siehe Wikipedia: Eigendarstellung), aber die Betroffenen sind eingeladen, Fehler zu verbessern und ungenaues oder unbelegtes Material zu entfernen. Wenn Sie eine Frage oder ein Problem mit einem Artikel über sich selbst haben, kontaktieren Sie uns bitte über einen der auf Wikipedia: Kontakt angegebenen Wege oder schreiben Sie auf die Diskussionsseite des Artikels. Angaben zum verantwortlichen Betreiber im juristischen Sinn finden Sie im Wikipedia: Impressum.

Fotostrecke
Junge Wikipedia-Autoren: Wie Kinder uns die Welt erklären

Die kleinen Geschwister der Wikipedia
Bildersammlung und Zitate
Wikipedia hat Weltruhm erlangt, doch im Schatten des Mitmachlexikons gibt es etliche Projekte, die sich ebenfalls dem Aufbau freien Wissens verschrieben haben. Freiwillige sammeln Fotos, Grafiken und Landkarten, arbeiten an einem Wörterbuch und einer Zitatesammlung. Wie auch bei der Online-Enzyklopädie steckt die Wikimedia-Stiftung dahinter.
dpa
Wikimedia Commons
Wikimedia Commons ist eine Datenbank für Mediendateien - vor allem Fotos, aber auch Videos, Landkarten und Grafiken. Privatleute und öffentliche Einrichtungen haben mehr als 7,8 Millionen Dokumente zusammengetragen. Das Bundesarchiv stellte beispielsweise 100.000 historische Fotos zur deutschen Geschichte zur Verfügung. Aus diesem Fundus bebildern die Autoren ihre Wikipedia-Artikel. Grundsätzlich darf aber jeder die Dateien herunterladen und benutzen, auch kommerziell: Die freie Verwendung ist Voraussetzung dafür, dass die Community die Bilder akzeptiert.
Wikiquote
In Wikiquote sammeln die Nutzer Zitate von mehr oder weniger berühmten Persönlichkeiten. Mehr als 7500 Artikel gibt es dort mittlerweile, sortiert nach Personen, Themen oder auch Filmen - bekanntlich eine ergiebige Quelle für Bonmots. Zitate von Schriftstellern oder Buchautoren sind allerdings auf zehn pro Person beschränkt, aus urheberrechtlichen Gründen. Anders ist es bei Politikern und Sportlern. Franz Beckenbauer und Gerhard Schröder kommen ausführlich zu Wort.
Wiktionary
Das Wiktionary ist ein Lexikon, in dem die Nutzergemeinde Bedeutungen, Herkunft oder Aussprache von Wörtern zusammenträgt. Es gibt Einträge in 170 Sprachen, darunter Tibetisch und Rätoromanisch. Erwartungsgemäß am größten ist allerdings die englische Sektion mit mehr als zwei Millionen Einträgen. Das deutsche Wörterbuch hat mit 127.000 Einträgen locker Duden-Dicke erreicht. Das erste Wort auf Deutsch, eingetragen im April 2002: Metamorphose.
Wikiversity
Das jüngste Projekt der Wikimedia-Stiftung startete 2006 und heißt Wikiversity - eine Online-Plattform "zum gemeinschaftlichen Lernen, Lehren und Forschen". Studenten und Wissenschaftler sollen damit zusammenarbeiten können, ohne eine eigene technische Infrastruktur aufbauen zu müssen. Die virtuelle Universität ist allerdings relativ leer: Bislang gibt es 27.000 Artikel in zwölf Sprachen, in der deutschsprachigen Sektion sind nur rund 200 Nutzer angemeldet.

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