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Zu früh gefreut: Musiklabels dementieren Verträge mit Qtrax

Nur Stunden, nachdem Allan Klepfisz auf der Midem den überfälligen Start für sein werbefinanziertes P2P-Netzwerk Qtrax verkündete, dementierten drei der vier großen Musiklabels. Kunden werden weiter auf kostenlose legale Downloads warten müssen. Das funktioniert bisher nur bei Peter Gabriels We7.

Dass Allan Klepfisz mit seiner Ankündigung, sein Qtrax-Dienst stehe kurz vor dem Start, international Schlagzeilen machen konnte, verdankt er zwei Faktoren: Der prominenten Bühne, die die Musikmesse Midem bietet, und der langen Zeit, die er seit der letzten Ankündigung verstreichen ließ. Denn Qtrax ging schon mehrere Male an den Start - und scheiterte bisher noch immer am Mauern der Majors.

Bremse für Qtrax: Fürchtet sich da jemand - oder wollen die Labels nur mehr herausholen?

Bremse für Qtrax: Fürchtet sich da jemand - oder wollen die Labels nur mehr herausholen?

Die großen Musikfirmen verhandeln seit spätestens 2006 über die ganz konkreten Einzelheiten eines Vertrages, der kostenloses und legales P2P möglich machen soll. Klepfiszs Firma Brilliant Technologies (vor Jahren als Tech-Partner von KaZaA noch im Feindeslager) kündigte den Beginn der großen Musik-Verteile erstmals für den Dezember 2006 an. Einer der ersten Partner, dessen Füllfederhalter angeblich schon im Sommer 2006 nur noch leicht zögernd über dem unterschriftsreifen Vertrag schwebte, war Warner Music. Ausgerechnet dieser Major dementierte nun heftig, irgend etwas unterschrieben zu haben: Es gäbe bisher keine Vereinbarung mit Qtrax.

Dem schlossen sich wenig später auch Emi und Universal an. Die Verhandlungen über die Vertragsbedingungen seien noch im Gang.

Das ist peinlich für Qtrax und unerfreulich für die Kundschaft: Dieser hatte der neue Dienst versprochen, attraktive Chart-notierte Musik der großen Musikfirmen kostenlos aus dem Netz laden zu können - refinanziert durch Werbung. Der Gedanke ist nicht neu: Seit rund zwei Jahren werden solche Dienste als hoffnungsvolle Alternative zu den immer erfolgloseren Geschäftsmodellen der Musikindustrie gehandelt. Erste Deals mit imeem und SpiralFrog beschränkten sich aber auf die Angebote einzelner Labels - Qtrax wollte das erste übergreifende Angebot aufbauen.

Alternativen

Das würde gern auch Peter Gabriel, einst Sänger von Genesis, später erfolgreicher Solokünstler - und seit über zehn Jahren ein Web-Pionier der Musikszene. Mit OD2 baute Gabriel lang vor iTunes einen ersten erfolgreichen Online-Musikvertrieb auf, dem er vor Jahresfrist We7.com folgen ließ: Auf der Midem konnte Gabriel nun die erste Million Downloads verkünden und eine frische Sechs-Millionen-Dollar-Spritze. Dieses kleine "Hallo, uns gibt's auch noch!" reichte, um die Server des Werbe-Musikdienstes für einige Stunden umzupusten. Inzwischen steht die Seite wieder stabil.

Gabriels Ansatz sieht so aus: Bei ihm enthält die heruntergeladene Musikdatei selbst die Werbung. Ruft man das Stück auf, bekommt man bei den ersten acht Mal zunächst die Werbung serviert - danach verschwindet die einfach. Klingt Klasse, den großen Labels aber bisher noch nicht attraktiv genug: We7 hat vor allem Indie-Künstler und solche ohne Plattenvertrag zu bieten, die großen Stars fehlen hingegen - und selbst Gabriels eigene Musik kann er online so nicht anbieten.

Auf Werbung als Geldquelle setzt hingegen das britische Last.fm. Über 3,5 Millionen Songs der großen Labels werden dort in den nächsten Wochen zum kostenlosen, legalen Hören freigeschaltet. Ein DRM sorgt dafür, dass diese Nutzung auf drei Mal Probehören begrenzt ist, danach wird man zum kostenpflichtigen Download oder CD-Kauf aufgefordert.

SpiralFrog agiert da ein wenig mutiger, setzt auf eine Art kostenloses Abo. Hier sind die heruntergeladenen Dateien so lange gültig, wie man innerhalb eines gesetztes Intervals seine Mitgliedschaft erneuert - und bei dieser Gelegenheit zum Werbekonsumenten wird. SpiralFrog erlaubt kein Brennen der Dateien, wohl aber die Nutzung auf MP3-Playern.

Werbefinanzierte Download- und Stream-Angebote liegen also im Trend, doch noch ist die Diskussion darüber auch innerhalb der Musikbranche nicht beendet. Immer bequemere Streamcatcher-Programme sorgen dafür, dass auch Stücke, die eigentlich nur online gehört werden sollen, dauerhaft gebrannt auf CDs landen.

Als zukunftsfähige Alternative zu Verkauf und werbefinanziertem Download gilt darum nach wie vor auch das Abo-Modell, das Nutzern gegen Zahlung Zugang zu umfangreichen Musik-Datenbanken gibt. Napster versucht das bereits seit mehreren Jahren, mit bisher druchwachsenen Ergebnissen: Die Erfolgsaussichten dieser Technik sind abhängig vom Fortschritt der Heimvernetzung und der Verbreitung von Media-Center-Techniken - und so etwas wird bisher nur von einer relativ kleinen Avantgarde genutzt.

pat

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