Zukunft der Web-Videos Die Giganten wollen Flash verschwinden lassen

Apple und Google wollen sich frei machen: Noch brauchen etliche Web-Seiten für Multimedia ein kleines Zusatzprogramm. Ein neuer HTML-Standard soll Videos direkt im Browser laufen lassen und dieses Flash-Plugin überflüssig machen. Ein neuer Formatkrieg entbrennt.

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Flash: Ein Multimedia-Player beherrscht das Web
Es lässt Videos auf YouTube laufen, spielt die Musik auf MySpace ab, ermöglicht interaktive Grafiken, Browser-Games und blinkende Werbebanner: das Flash-Plugin. Das kostenlose Zusatzprogramm ist aus dem Internet nicht mehr wegzudenken und auf praktisch jedem Desktop-Rechner der Welt installiert, es läuft unter Windows, MacOS und Linux. Vor allem als Videoplayer ist Flash unersetzlich. Ohne das Plugin macht das Internet nur halb so viel Spaß.

Damit soll jetzt Schluss sein - mit der Flash-Übermacht, nicht mit dem Spaß. Ein neuer HTML-Standard soll Multimedia und Videos direkt in den Browser bringen. Denn so nützlich das Flash-Plugin auch ist, es bringt gravierende Nachteile mit sich. So läuft das ressourcenhungrige Plugin nur unter Windows richtig schnell und auf mobilen Geräten mit weniger Rechenpower eher holprig - wenn überhaupt.

Die mehr als 75 Millionen Besitzer eines iPhone oder iPod touch wissen, wie das Netz ohne Flash aussieht. Sie müssen beim Surfen ganz auf Flash-Inhalte verzichten, Apple verweigert seinem Browser hartnäckig Adobes Zusatzprogramm. Auch der neue Tablet-Computer iPad soll ohne das Plugin auskommen. Vor allem dürfte Apple die Abhängigkeit von Adobe stören. Flash ist kein offener Web-Standard, sondern komplett von einer Firma kontrolliert, die den Player verschenkt und an den Entwicklerwerkzeugen für das Format verdient.

Offener Standard vs. Monopolformat

Wer auf Flash setzt, räumt Adobe die Macht über Funktionen und Bedienung ein. Wenn auf einem Handy Flash-Anwendungen mies laufen, schieben die Nutzer die Schuld eher auf den Gerätehersteller - und nicht auf die Software. Auch muss man darauf vertrauen, dass die Techniker Sicherheitslücken in dem Plugin schnell schließen. Immer wieder haben Hacker in der Vergangenheit fehlerhafte Implementierungen für ihre Zwecke ausgenutzt.

Das ist nicht nur Apple ein Ärgernis. Mitarbeiter von Mozilla, Opera, Google und Apple arbeiten deswegen seit Jahren an neuen Funktionen für den Web-Seiten-Quellcode HTML. Denn die Seitensprache wurde ursprünglich für strukturierte Texte entwickelt und weniger für multimediale Erlebniswelten. Parallel dazu arbeitet auch eine Arbeitsgruppe des offiziellen Web-Standardgremium W3C an HTML5. Ende dieses Jahres soll ein erster Entwurf fertig sein.

Noch ist nicht alles fertig, wird etwa über die "Canvas"-Funktion verhandelt. Das Element ist für die Darstellung von 2-D-Grafiken zuständig und tritt damit, mehr noch als die Videofunktion, in direkte Konkurrenz zu Flash. Einem Adobe-Mitarbeiter, der in einer der Arbeitsgruppen sitzt, wurde wegen eines Einwandes schon eine Verzögerungstaktik unterstellt. Der bestreitet protektionistische Absichten.

Eine Frage des Codecs

Klar ist hingegen, wie künftig Videos in Web-Seiten eingebettet werden sollen. Schon jetzt testen Browser-Hersteller und Internetfirmen das "Video"-Element. Googles Videoplattform YouTube lässt sich schon auf HTML5-Betrieb umschalten. Die Clips laufen dann nicht in einem Flashplayer, sondern direkt im Browser. Bisher funktioniert das allerdings nur mit Chrome und Safari.

Denn HTML5 sieht zwar Videos vor, macht aber keine Angaben zum eingesetzten Codec, dem Komprimierungsverfahren. Der Codec ist sozusagen der Ent- und Decodierschlüssel für kleingepackte Dateien: Von ihm hängt einerseits ab, wie klein die komprimierte Datei ausfällt, andererseits, wie gut Bild und Ton nach dem Auspacken noch sind.

YouTube liefert seine Videos in der H.264-Codierung aus, einem aktuellen MPEG4-Codec, der auch hervorragend auf Handy-Chips läuft - der aber viele Zeilen patentierten Code enthält. Mozilla müsste den Code lizenzieren, damit H.264-Videos in Firefox laufen. Das widerspricht aber der Grundidee des Browsers.

Stattdessen setzt Mozilla auf Theora. Der Codec ist zwar Open Source, dafür aber technisch nicht annähernd so ausgereift wie H.264. Damit die Clips in beiden Browsern laufen können, müsste YouTube die Clips in zwei verschiedenen Formaten anbieten - doch das kostet Rechenkapazität und Speicherplatz. Bislang fehlt ein offenes Videoformat, auf das sich Browserhersteller und Internetfirmen einigen können - und das am besten noch von Handy-Hardware unterstützt wird.

Google hat den Schlüssel

Die Lösung dafür hat Google gerade gekauft. Für rund hundert Millionen Dollar hat sich der Such- und Werberiese die Firma On2 einverleibt, die den Videocodec VP8 entwickelt hat. Der soll es mit H.264 aufnehmen können und keinen lizenzpflichtigen Quellcode von Drittfirmen beinhalten. Google könnte nun VP8, so hoffen jedenfalls die Free Software Foundation (FSF) und viele bloggende Web-Entwickler, zum Allgemeingut erklären und als Open Source zur Verfügung stellen.

Mit YouTube hat Google dabei einen Trumpf in der Hand. Sollte die mit Abstand populärste Videoplattform im Netz auf VP8 umstellen, würden sich Browser, die das Format abspielen können, rasend schnell verbreiten. Eine gute Gelegenheit, den eigenen Chrome-Browser populärer zu machen, der bisher nicht gerade eingeschlagen ist (Marktanteil um fünf Prozent). Würden allein die hochaufgelösten Großformate nur noch mit VP8 ausgeliefert, würde bald jeder zweite Internetsurfer auf einen Browser mit VP8 umsteigen, prophezeit die FSF. Wenn dann nicht längst alle Browser und Handys das Format unterstützen würden.

So abwegig ist die Einführung und Offenlegung von VP8 gar nicht: Auch Google hat ein Interesse an einem Flash-freien Web. Zwar stellt Adobe Suchmaschinenbetreibern Tools bereit, damit ihre Crawler auch Flashdateien durchsuchen können. Doch noch immer tun sich Google und Co. damit schwer. Immer wieder betont das Unternehmen, wie wichtig offene und freie Standards für Google und das Internet sind.

Werbung rettet Flash

Für reine Web-Videos zeichnet sich tatsächlich eine Zukunft ohne Flash ab, auch wenn die Details noch ausbaldowert werden müssen. Große IT-Unternehmen haben die Ablösung von Adobes allgegenwärtigem Player längst beschlossen, zumal auf mobilen Geräten. Selbst neue Handys mit dem Microsoft-Betriebssystem Windows Mobile 7 müssen zunächst auf Flash verzichten, zur Markteinführung ist das Plugin noch nicht angepasst und optimiert.

Doch nicht nur interaktive Grafiken werden noch eine ganze Weile auf Flash setzen. Vor allem die Online-Werbung sichert dem Flash-Format noch weitere Jahre. Denn neben den puristischen Textanzeigen aus dem Hause Google sind es vor allem blinkende Flash-Banner, mit denen im Internet Geld verdient wird. Auch vor Web-Videos geschaltete Werbeclips setzen meistens auf Flash. Bis das Plugin gänzlich überflüssig wird, muss noch einiges entwickelt werden.

Selbst YouTube sendet bei seinem HTML5-Betatest mit Werbung versehene Clips nicht als Videodatei, sondern als Flashfilm an den Browser.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
Thomas Bitschnau 26.02.2010
1. Gut so!
Wird ja auch langsam mal Zeit!
sikasuu 26.02.2010
2. Endlich!
Flash ist so überlüssig wie ein Buckel. Ein Sicherheitsloch obendrein
artbond 26.02.2010
3. titel
hm... ich habe flash im Browser ausgeschaltet und auf dem iphone läuft es ja zum Glück erst gar nicht... irgendwie vermisse ich das ganze geblinke nicht. Und statt blöde Browsergames nehme ich.... achtung, alle Nerds mal festhalten... ein Buch in die Hand.
Eldani, 26.02.2010
4. Formatkrieg?
was für ein Formatkrieg? Das ist totaler Unsinn! Flash hat doch nur die MÖGLICHKEIT, Videos wieder zu geben, beschränkt sich aber keinesfalls auf Videos. Auch Werbebanner sind im Prinzip nur ein Flash-Abfallprodukt genauso wie Browsergames. Flash ist ein sehr leistungstarkes Plugin, welches in der Lage ist, multimediale Inhalte interaktiv und ansprechend dem User zur Verfügung zu stellen. Das beinhaltet auch komplexe Anwendungen.
myspace 26.02.2010
5. #
---Zitat--- Vor allem die Internet-Werbung sichert dem Flash-Format noch weitere Jahre. ---Zitatende--- Hallo? Warum sollte jemand Flash installieren um Werbung zu sehen?
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