Zukunft des P2P Kultur-Flatrate statt Knast

Von Oliver Moldenhauer

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil, warum Moldenhauer für eine Kultur-Flatrate plädiert und welche Nachteile diese hätte


Als gutes Modell für die Lösung der Probleme mit den Tauschbörsen bietet sich das Modell "Radio" an. Das "Raubkopieren" sprich Aufnehmen von Musik, die im Radio gesendet wird zu privaten Zwecken, ist nämlich völlig legal. Ebenso dürfen die Radiostationen Musik über den Äther schicken, ohne dafür mit jedem einzelnen Rechteinhaber eine Abmachung treffen zu müssen. Dennoch geht die Musikindustrie daran nicht kaputt, was zum großen Teil daran liegt, dass die Urheberrechte ja nicht aufgehoben werden. Stattdessen erhalten die Rechteinhaber Geld aus dem Topf der Gema.

Die Alternative: Legales Musiktauschen

CCC-Kampagne: Raubkopierer wie Terroristen?
CCC

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Übertragen auf den Online-Bereich hieße das, dass das nichtkommerzielle Tauschen von Musik und Filmen legalisiert wird und dafür eine Gebühr zur Entschädigung der Rechteinhaber erhoben wird - die Kultur-Flatrate beziehungsweise Musik-Flatrate. Erhoben werden könnte diese Gebühr auf Computer und vor allem auf Internet-Zugänge, differenziert nach deren Schnelligkeit. Schätzungen aus der Wissenschaft ergeben, dass rund fünf Euro im Monat Gebühr für eine DSL-Flatrate ausreichen würden, um die Musiker, Plattenlabels und Studios für ihre Verluste durch das Herunterladen zu entschädigen - wirklich nicht besonders viel für den freien Zugang zum größten Musikarchiv der Welt.

Die spannende Frage ist natürlich, wie dieses Geld verteilt werden sollte. Hier sind viele Modelle denkbar. Am sympathischsten erscheint mir die Variante, das Geld einfach danach zu verteilen, welche Lieder wie oft heruntergeladen und gehört werden. Denkbar ist aber auch eine Förderung bestimmter Musik- oder Filmformen, wie das zum Beispiel die Gema mit der E-Musik macht.

P2P-Kampagne: "Stand up for your rights"

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Auf alle Fälle aber gibt es einen wesentlichen Vorteil gegenüber der zu Recht unbeliebten und intransparent erscheinenden Gema: Mit digitaler Technik lässt sich relativ leicht anonym feststellen, welche Musik wie oft heruntergeladen und gehört wird, so dass eine neue "Verwertungsgesellschaft Online" nicht wie die Gema auf ungenaue und oft ungerechte Schätzungen angewiesen wäre.

Das Modell der Flatrate wird seit einigen Jahren in der Wissenschaft lebhaft diskutiert, etwa von Volker Grassmuck von der Humboldt-Universität Berlin oder William Fisher aus Harvard, die zusammen mit zahlreichen anderen Vertretern von Wissenschaft und Zivilgesellschaft Anfang Juni die Berlin Declaration verfasst und unterstützt haben, mit der die EU-Kommission aufgefordert wird, beim aktuellen Richtlinienprozess die Idee der Flatrate zu berücksichtigen.

Vorteile der Kultur-Flatrate

Auf der Hand liegt der Vorteil, dass mit der Flatrate jeder legal auf ein riesiges Musik- und Filmangebot zugreifen kann. Ein zentraler Vorteil ist auch, dass nicht weiter Hunderttausende User kriminalisiert werden, mit all den Kosten, die das für die Opfer der Klagewelle hat und für Polizei und Gerichte, die durch eine Flut von Verfahren blockiert würden.

Ebenfalls profitieren werden die Freiheit im Internet und die freie Software, die sonst durch Digital Restrictions Management und "Trusted Computing" massiv eingeschränkt würde. Zu den Gewinnern zählten aber auch die kleinen Bands, die nun auch ohne Plattenlabel ihre Musik verbreiten könnten und dafür vergütet werden würden. Diese Dezentralisierung kann für die Künstler nur gut sein, die aus dem Würgegriff der großen Plattenkonzerne befreit würden.

Droht mehr Bürokratie?

CCC-Kampagne: "Kopiert und trotzdem kein Verbrecher"
CCC

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Natürlich gibt es auch Nachteile. Einer ist, dass jeder Internet-Nutzer die Flatrate zahlen müsste, unabhängig davon, ob er Musik herunterlädt oder nicht. Das stimmt. Doch ist dieses Modell der pauschalen Abrechnung nichts Neues. Auch Gemeinden kassieren Straßenreinigungsgebühren, Krankenkassen Versicherungsbeiträge und die Gema Leerkassettenabgaben unabhängig davon, ob wirklich eine Leistung in Anspruch genommen wird. Eine Einzelabrechnung ist in all diesen Fällen wie bei der Kultur-Flatrate eben nicht praktikabel.

Ein zweiter Nachteil ist, dass eine neue Verwertungsgesellschaft aufgebaut werden müsste, die natürlich auch Kosten und Bürokratie verursachen würde. Allerdings dürften diese deutlich unter denen liegen, die ansonsten für Strafverfolgung, Kopierschutz und Gerichtskosten ausgegeben werden würden. Die eigentlichen "Nachteile", die eine Einführung der Flatrate behindern, liegen woanders: Verlieren würden nämlich die Plattenfirmen, die bisher wesentlich mehr Kontrolle über den Markt haben. Ebenfalls verlieren würden die Hersteller von DRM-Technologie und Online-Shops. Diese mächtige Lobby blockiert mit ihrer beispiellosen Verleumdungs- und Angstkampagne bisher den innovativen Vorschlag der Flatrate. Aber selbst in der Musikindustrie gibt es die ersten, die einsehen, dass auf die Dauer Geschäfte nicht gegen die Kunden und gegen die Musik gemacht werden können.

Die Kampagne

Hinter der Idee einer Kultur-Flatrate stecken neben Attac auch die Initiative Privatkopie, das Netzwerk Neue Medien, der Chaos Computer Club und die Stiftung Bridge, die in den nächsten Wochen eine Kampagne zu diesem Thema starten werden. Letztlich geht es hierbei nicht "nur" um Musik, sondern darum, wie wir mit Wissen umgehen: Wissen, Kultur und Kunst sollen geteilt und verbreitet werden, und nicht hinter hohen digitalen Mauern verschlossen bleiben, die sich nur gegen Geld öffnen. Dieses offene Verständnis der Wissensgesellschaft ist das, was wir propagieren. Und wozu passt das besser als zur Musik?



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