Zukunft von Wikipedia: Lustverlust in der Lexikon-Maschine

Von Manfred Dworschak

Die deutsche Wikipedia hat bald eine Million Artikel - und ein Problem. Wie führt man eine Gemeinschaft von dieser Größe? Das Wachstum des populären Lexikons stößt an seine Grenzen: Endlosdebatten und Regelungswut frustrieren Neulinge, zwei Lager kämpfen um die künftige Strategie.

Wikipedia: "Das Klima wird feindseliger" Zur Großansicht
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Wikipedia: "Das Klima wird feindseliger"

Fast hätte es bei der Wikipedia einen Artikel "Professorin" gegeben. Er hätte von den ersten Frauen auf Lehrstühlen gehandelt, von der Geschichte ihrer Nachfahrinnen, hübsch aufbereitet mit Beispielen und Statistiken. Dazu eine Sammlung possierlicher Begründungen aus noch gar nicht so alten Quellen, warum Frauen für solche akademischen Würden keineswegs geschaffen seien.

Debora Weber-Wulff, selbst Professorin für Medieninformatik in Berlin, hatte sich viel Mühe gegeben mit ihrem Artikel. Er schaffte es dennoch nicht in die Online-Enzyklopädie. Es kam zu einer der gefürchteten "Löschdebatten". Denn so was sei kein eigenes Stichwort wert, meinte am Ende die Mehrheit der beteiligten Aktivisten.

Ein paar Überbleibsel von Weber-Wulffs Fleißarbeit stehen jetzt, stark gekürzt, mitten in dem ellenlangen Artikel zur "Professur". Beiträge über einzelne Pionierinnen wurden komplett abgelehnt. "Es hieß, die kennt doch niemand", sagt Weber-Wulff. "Aber das wollte ich ja gerade ändern."

Die Wikipedia, Weltwunder der Selbstorganisation, wurde mit der freiwilligen Arbeit Zehntausender groß. Doch sie macht es ihren Autoren zunehmend schwer. Was drin steht, soll "relevant" sein. Das galt zwar schon immer, aber es lässt sich immer schwerer entscheiden, was am Ende hinein darf. Die naheliegenden, unstrittigen Themen sind alle längst abgehandelt.

Deshalb kommt es nun immer häufiger zu zermürbenden Kleinkriegen um den Grenzverlauf: Ist die "Professorin" weniger relevant als die "Kleine Laber" (Zufluss der "Großen Laber"), die man eines Eintrags für würdig befand?

Außenstehende begreifen solche Debatten nicht leicht. Denn hat ein Lexikon im Internet nicht allen Platz der Welt?

Am Ende entscheidet ein Administrator

Eine starke Fraktion unter den Aktivisten sieht das nicht so. Im Namen der Relevanz wird allseits gelöscht oder gesperrt, was nach Meinung ihrer eifrigsten Hüter nicht in eine Enzyklopädie gehört. Und weil bei der Wikipedia jeder mitreden darf, gibt es vor jedem Urteil eine Art Plebiszit - oft sind das lange, zerrüttende Debatten. Am Ende entscheidet ein Administrator aufgrund der schriftlich dokumentierten Diskussion, möglichst neutral.

Viel zu oft finde sich unter den Diskutierenden aber eine Mehrheit fürs Löschen, klagt Weber-Wulff, die schon seit 2004 dabei ist: "Manchmal habe ich darauf echt keine Lust mehr."

Für Neulinge ist das strenge Regiment der Relevanz erst recht nicht ermutigend. Sie stellen einen Eintrag ein über einen schönen Wanderweg, und wenig später ist alles weg, weil Wanderwege gemäß dem Kriterienkatalog erst ab zehn Kilometern Länge als relevant gelten. Oder sie probieren es mit drei Sätzen über eine halb vergessene Comicfigur - in der Hoffnung, dass jemand anderes damit weitermacht. Und wenn sie später nachsehen, ist alles weg.

Früher waren solche Stummelartikel, genannt "stubs", gelitten; es konnte ja noch was kommen. Heute fallen sie leicht mal einem genervten "Admin" zum Opfer - einem der rund 300 gewählten Administratoren, die offensichtlichen Unfug eigenmächtig löschen dürfen.

Ein eigener Artikel für jede einzelne "Simpsons"-Folge

Die Zeiten von Nachsicht und Milde sind, wie es scheint, vorbei. Ein harter Kern von Aktivisten zeigt sich zunehmend unduldsam - nicht nur gegen die Unzahl der Vandalen und Schmierer, die ihnen mit Einträgen wie "Arschgesicht" das Leben sauer machen, sondern auch gegen das unbeholfene Volk, das einfach einträgt, wofür es sich interessiert.

Die englische Wikipedia mit ihren gut drei Millionen Artikeln ist vergleichsweise liberal. Dort darf es für jede TV-Episode der "Simpsons" einen eigenen Artikel geben; vielleicht liest das Zeug sogar mal wer. In Deutschland ginge das nicht.

Aber selbst in der englischen Wikipedia haben es unerfahrene Autoren immer schwerer: Im Jahr 2008 fand jeder vierte Beitrag, den ein Wenigschreiber hinterlassen hatte, keine Gnade vor den Aktivisten. Noch 2005 traf dieses Schicksal nur jeden zehnten, ermittelte der Computerwissenschaftler Ed Chi vom Palo Alto Research Center der Firma Xerox.

Kein Wunder, wenn die Leute allmählich die Lust verlieren. Der spanische Netzforscher Felipe Ortega von der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid hat ermittelt, dass inzwischen in vielen Weltgegenden die Zahl der Autoren sinkt. Es hören mehr auf, als neue hinzukommen. Das gilt für jede der zehn größten Sprachversionen. Bei der englischen Wikipedia wanderten demnach im ersten Quartal dieses Jahres 49.000 Mitarbeiter ab; der Pool des deutschen Pendants schrumpft seit einem Jahr jeden Monat um ein- bis zweitausend Aktive.

Die Wikimedia Foundation hält mit eigenen Zahlen dagegen. Es könne höchstens von einer Stagnation die Rede sein, behauptet sie.

Wer Recht hat, ist schwer zu sagen. Ortega beobachtete mehr als drei Millionen Autoren, die mindestens einmal aktiv geworden waren; die Wikipedia selbst bezieht sich nur auf die eine Million Autoren, die mehr als fünf Beiträge geliefert hatten. Wenn beide Angaben stimmen, liegt immerhin eine Schlussfolgerung auf der Hand: Es steigt vor allem der Anteil derjenigen, die noch vor dem fünften Beitrag wieder aufhören.

Überraschend hohe Fluktuation

Unstrittig ist, dass der harte Kern der Aktiven seit drei Jahren nicht mehr wächst. Bei der deutschen Wikipedia sind das um die tausend Leute, überwiegend Männer. Mit ihrem Einsatz halten sie das vielgeliebte Wunderwerk am Laufen. Die Frage ist aber immer, wie lange sie diesen Arbeitsaufwand bewältigen. Der Verschleiß ist hoch - das ist einer der Befunde, auf die Felipe Ortega in seinen Daten stieß: In der Gruppe der Fleißigsten hält jeder zweite keine hundert Tage durch. Hinter der einigermaßen stabilen Gesamtzahl verbirgt sich also eine überraschend hohe Fluktuation.

"Das Klima in der Wikipedia wird feindseliger", sagte Ortega dem "Wall Street Journal". "Viele Leute fühlen sich zunehmend ausgebrannt, wenn sie über den Inhalt bestimmter Artikel wieder und wieder diskutieren müssen." Vor allem die endlosen Debatten um Löschungen können den stärksten Optimisten zerrütten. Aktive klagen, sie kämen vor lauter Wartungsarbeit kaum mehr zum Schreiben. Löscht einfach weniger, erwidert dann die Gegenseite; nach ihrer Meinung ist es gerade das Übermaß an Wartungseifer, das die kollektive Energie aufzehrt.

Zu einem ersten Aufruhr kam es Anfang November bei einer Spendenaktion für die Wikipedia. Dutzende trugen sich mit Kleinbeträgen auf der öffentlichen Spenderliste ein, nur um dort giftige Kommentare zu hinterlassen: "Raus mit den Löschtaliban" oder "99 Euro wegen fehlender Relevanz gelöscht".

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Forum - Vermüllt die Wikipedia?
insgesamt 222 Beiträge
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1.
IsArenas 30.11.2009
Zitat von sysopGibt es im Online-Lexikon zu viele Beiträge zu irrelevanten Themen? Oder sollte jedes Thema Zugang haben? Wer soll über Relevanz entscheiden?
Das wird im Konsens nach ebenfalls im Konsens gefundenen Kriterien entschieden. Die so genannten "Pfeiler" von Wikipedia unterliegen ja wie alle anderen Wiki-Einträge auch der ständigen Überarbeitung, im Ergebnis ist es demnach nie so ganz klar, was nun relevant ist und was nicht, und das sollte meiner Meinung nach auch so bleiben.
2.
takeo_ischi 30.11.2009
Zitat von sysopGibt es im Online-Lexikon zu viele Beiträge zu irrelevanten Themen? Oder sollte jedes Thema Zugang haben? Wer soll über Relevanz entscheiden?
Ja. Ja. Niemand. Es gibt zwar m.M.n. sehr viele Beiträge zu irrelevanten Themen. Diese scheinen aber nach Meinung von anderen Leuten durchaus Relevanz zu besitzen (sonst würden sie ja nicht erstellt). Dürfen also in unserer freien Gesellschaft nicht unterdrückt werden. Wenn sie für jemanden nicht relevant sind klickt er einfach nicht drauf, damit entscheidet jeder pesönlich über die Relevanz. So sollte es sein. Beiträge, die gegen Völkerrecht, Grundrecht verstossen oder sonst irgendwie kriminell sind müssen natürlich wieder entfernt werden. Ich habe aber den Eindruck dass gerade bei der deutschen Wiki schon deutlich zensiert wird. Wenn ein Thema oder eine Personenbeschreibung in D nicht durchkommt versucht man's einfach auf der englischen Seite und hat Erfolg. Was auch sehr bedenklich ist, sind die bezahlten Schönschreiber von Konzernen und Parteien, die gerne mal Lebensläufe tunen oder Sachverhalte verfälschen. Die produzieren den eigentlichen Müll der weg gehört. Aber ein Thema an sich ist niemals irrelevant.
3.
.tobi 30.11.2009
Zitat von takeo_ischi[…] Ich habe aber den Eindruck dass gerade bei der deutschen Wiki schon deutlich zensiert wird. Wenn ein Thema oder eine Personenbeschreibung in D nicht durchkommt versucht man's einfach auf der englischen Seite und hat Erfolg.[…]
Da zeigt sich, leider zum Erstaunen vieler, dass es das Internet nicht nur in Deutschland gibt. Wie unnütz es ist, in einem globalen Netz etwas lokal zu verbieten. Aber es ist Deutschland, es gibt eine Vorschrift und die wird natürlich strengstens befolgt. Darauf wollte ich jetzt aber gar nicht hinaus. Ich nutze die Wikipedia seit Jahren als naturwissenschaftliches Nachschlagewerk. Um einfach mal kurz an stoffliche Daten, wie Siedepunkte oder Farben von Substanzen zu kommen. Die Beiträge sind manches Mal ausführlicher als in Fachlexika, dafür ist dann als Quelle ein Link auf eine Arbeitsgruppe an einer Uni angegeben. Das halte ich für ziemlich faire Eigenwerbung. Fehler habe ich dabei noch keine bemerkt, aber die deutsche und die englische Version unterscheiden sich stark in der Vollständigkeit. Schade eigentlich, da es sich hierbei um simple Fakteninformationen handelt und diese der jeweils anderen Sprachversion vorenthalten werden. Es müsste sowas wie eine sprachliche Intelligenz geben, die einfach nur die Informationen kennt und sie in der jeweils nachgefragten Sprache widergeben kann. Und zwar wirklich richtig und nicht kaputtautomatisiert.
4. Was bei Wikipedia abgeht reflektiert ....
tjacob 01.12.2009
... nur den Zustand der deutschen Kultur ;) Der deutsche Hang zu Kontrolle, Überwachung, Regulierung findet auch in der DE-Wikipedia seinen Widerhall. Ich lese lieber die EN-Wikipedia, da steht mehr drin und das vorhanden Meinungsspektrum ist wesentlich breiter.
5.
huelin 01.12.2009
Zitat von .tobiEs müsste sowas wie eine sprachliche Intelligenz geben, die einfach nur die Informationen kennt und sie in der jeweils nachgefragten Sprache widergeben kann. Und zwar wirklich richtig und nicht kaputtautomatisiert.
Das versucht man ja schon seit Jahrzehnten, aber die Fortschritte hinken stets hinter den Erwartungen zurück... Zu Wikipedia: Ich sehe schon den Sinn gewisser Beschränkungskriterien. Bleibt die Frage, wie strikt die sein sollten. Eine Freiwillige Feuerwehr vom Dorf - bei allem Respekt, aber wer darüber wirklich etwas wissen will, dem reichen doch die Kontaktdaten der Lokalverwaltung des betreffenden Dorfes.
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