Zukunft von Wikipedia: Lustverlust in der Lexikon-Maschine
Die deutsche Wikipedia hat bald eine Million Artikel - und ein Problem. Wie führt man eine Gemeinschaft von dieser Größe? Das Wachstum des populären Lexikons stößt an seine Grenzen: Endlosdebatten und Regelungswut frustrieren Neulinge, zwei Lager kämpfen um die künftige Strategie.
Fast hätte es bei der Wikipedia einen Artikel "Professorin" gegeben. Er hätte von den ersten Frauen auf Lehrstühlen gehandelt, von der Geschichte ihrer Nachfahrinnen, hübsch aufbereitet mit Beispielen und Statistiken. Dazu eine Sammlung possierlicher Begründungen aus noch gar nicht so alten Quellen, warum Frauen für solche akademischen Würden keineswegs geschaffen seien.
Debora Weber-Wulff, selbst Professorin für Medieninformatik in Berlin, hatte sich viel Mühe gegeben mit ihrem Artikel. Er schaffte es dennoch nicht in die Online-Enzyklopädie. Es kam zu einer der gefürchteten "Löschdebatten". Denn so was sei kein eigenes Stichwort wert, meinte am Ende die Mehrheit der beteiligten Aktivisten.
Ein paar Überbleibsel von Weber-Wulffs Fleißarbeit stehen jetzt, stark gekürzt, mitten in dem ellenlangen Artikel zur "Professur". Beiträge über einzelne Pionierinnen wurden komplett abgelehnt. "Es hieß, die kennt doch niemand", sagt Weber-Wulff. "Aber das wollte ich ja gerade ändern."
Die Wikipedia, Weltwunder der Selbstorganisation, wurde mit der freiwilligen Arbeit Zehntausender groß. Doch sie macht es ihren Autoren zunehmend schwer. Was drin steht, soll "relevant" sein. Das galt zwar schon immer, aber es lässt sich immer schwerer entscheiden, was am Ende hinein darf. Die naheliegenden, unstrittigen Themen sind alle längst abgehandelt.
Deshalb kommt es nun immer häufiger zu zermürbenden Kleinkriegen um den Grenzverlauf: Ist die "Professorin" weniger relevant als die "Kleine Laber" (Zufluss der "Großen Laber"), die man eines Eintrags für würdig befand?
Außenstehende begreifen solche Debatten nicht leicht. Denn hat ein Lexikon im Internet nicht allen Platz der Welt?
Am Ende entscheidet ein Administrator
Eine starke Fraktion unter den Aktivisten sieht das nicht so. Im Namen der Relevanz wird allseits gelöscht oder gesperrt, was nach Meinung ihrer eifrigsten Hüter nicht in eine Enzyklopädie gehört. Und weil bei der Wikipedia jeder mitreden darf, gibt es vor jedem Urteil eine Art Plebiszit - oft sind das lange, zerrüttende Debatten. Am Ende entscheidet ein Administrator aufgrund der schriftlich dokumentierten Diskussion, möglichst neutral.
Viel zu oft finde sich unter den Diskutierenden aber eine Mehrheit fürs Löschen, klagt Weber-Wulff, die schon seit 2004 dabei ist: "Manchmal habe ich darauf echt keine Lust mehr."
Für Neulinge ist das strenge Regiment der Relevanz erst recht nicht ermutigend. Sie stellen einen Eintrag ein über einen schönen Wanderweg, und wenig später ist alles weg, weil Wanderwege gemäß dem Kriterienkatalog erst ab zehn Kilometern Länge als relevant gelten. Oder sie probieren es mit drei Sätzen über eine halb vergessene Comicfigur - in der Hoffnung, dass jemand anderes damit weitermacht. Und wenn sie später nachsehen, ist alles weg.
Früher waren solche Stummelartikel, genannt "stubs", gelitten; es konnte ja noch was kommen. Heute fallen sie leicht mal einem genervten "Admin" zum Opfer - einem der rund 300 gewählten Administratoren, die offensichtlichen Unfug eigenmächtig löschen dürfen.
Ein eigener Artikel für jede einzelne "Simpsons"-Folge
Die Zeiten von Nachsicht und Milde sind, wie es scheint, vorbei. Ein harter Kern von Aktivisten zeigt sich zunehmend unduldsam - nicht nur gegen die Unzahl der Vandalen und Schmierer, die ihnen mit Einträgen wie "Arschgesicht" das Leben sauer machen, sondern auch gegen das unbeholfene Volk, das einfach einträgt, wofür es sich interessiert.
Die englische Wikipedia mit ihren gut drei Millionen Artikeln ist vergleichsweise liberal. Dort darf es für jede TV-Episode der "Simpsons" einen eigenen Artikel geben; vielleicht liest das Zeug sogar mal wer. In Deutschland ginge das nicht.
Aber selbst in der englischen Wikipedia haben es unerfahrene Autoren immer schwerer: Im Jahr 2008 fand jeder vierte Beitrag, den ein Wenigschreiber hinterlassen hatte, keine Gnade vor den Aktivisten. Noch 2005 traf dieses Schicksal nur jeden zehnten, ermittelte der Computerwissenschaftler Ed Chi vom Palo Alto Research Center der Firma Xerox.
Kein Wunder, wenn die Leute allmählich die Lust verlieren. Der spanische Netzforscher Felipe Ortega von der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid hat ermittelt, dass inzwischen in vielen Weltgegenden die Zahl der Autoren sinkt. Es hören mehr auf, als neue hinzukommen. Das gilt für jede der zehn größten Sprachversionen. Bei der englischen Wikipedia wanderten demnach im ersten Quartal dieses Jahres 49.000 Mitarbeiter ab; der Pool des deutschen Pendants schrumpft seit einem Jahr jeden Monat um ein- bis zweitausend Aktive.
Die Wikimedia Foundation hält mit eigenen Zahlen dagegen. Es könne höchstens von einer Stagnation die Rede sein, behauptet sie.
Wer Recht hat, ist schwer zu sagen. Ortega beobachtete mehr als drei Millionen Autoren, die mindestens einmal aktiv geworden waren; die Wikipedia selbst bezieht sich nur auf die eine Million Autoren, die mehr als fünf Beiträge geliefert hatten. Wenn beide Angaben stimmen, liegt immerhin eine Schlussfolgerung auf der Hand: Es steigt vor allem der Anteil derjenigen, die noch vor dem fünften Beitrag wieder aufhören.
Überraschend hohe Fluktuation
Unstrittig ist, dass der harte Kern der Aktiven seit drei Jahren nicht mehr wächst. Bei der deutschen Wikipedia sind das um die tausend Leute, überwiegend Männer. Mit ihrem Einsatz halten sie das vielgeliebte Wunderwerk am Laufen. Die Frage ist aber immer, wie lange sie diesen Arbeitsaufwand bewältigen. Der Verschleiß ist hoch - das ist einer der Befunde, auf die Felipe Ortega in seinen Daten stieß: In der Gruppe der Fleißigsten hält jeder zweite keine hundert Tage durch. Hinter der einigermaßen stabilen Gesamtzahl verbirgt sich also eine überraschend hohe Fluktuation.
"Das Klima in der Wikipedia wird feindseliger", sagte Ortega dem "Wall Street Journal". "Viele Leute fühlen sich zunehmend ausgebrannt, wenn sie über den Inhalt bestimmter Artikel wieder und wieder diskutieren müssen." Vor allem die endlosen Debatten um Löschungen können den stärksten Optimisten zerrütten. Aktive klagen, sie kämen vor lauter Wartungsarbeit kaum mehr zum Schreiben. Löscht einfach weniger, erwidert dann die Gegenseite; nach ihrer Meinung ist es gerade das Übermaß an Wartungseifer, das die kollektive Energie aufzehrt.
Zu einem ersten Aufruhr kam es Anfang November bei einer Spendenaktion für die Wikipedia. Dutzende trugen sich mit Kleinbeträgen auf der öffentlichen Spenderliste ein, nur um dort giftige Kommentare zu hinterlassen: "Raus mit den Löschtaliban" oder "99 Euro wegen fehlender Relevanz gelöscht".
- 1. Teil: Lustverlust in der Lexikon-Maschine
- 2. Teil: 70 Seiten zum Thema "Oberleitungsbus"
- 3. Teil: "Wir sind längst das wichtigste Nachschlagewerk"
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- Dienstag, 01.12.2009 – 11:12 Uhr
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- Ortega-Blog: Wikipedia-Bearbeiterzahlen
- Wikipedia: Oberleitungsbus
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- Wikipedia: Themenportal "Hund"
- Wikipedia: Themenportal "Bergbau"
- Wikipedia: Relevanzkriterien
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