Zweifel an Altersangaben Blogger sammeln Indizien gegen Teenie-Turnerin

"Ich bin 16", sagt sie selbst - doch viele Blogger glauben ihr nicht: Web-Nutzer fahnden nach Indizien gegen die chinesische Starturnerin He Kexin, die bei Olympia Gold gewann. Laut archivierten Dokumenten ist He erst 14 - stimmt das, hätte sie in Peking gar nicht antreten dürfen.

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Chinas Starturnerin He Kexin ist 1,42 Meter hoch, wiegt weniger als 35 Kilo und soll 16 Jahre alt sein. Das betonen die chinesischen Behörden und belegen es mit Ausweisen der Goldmedaillengewinnerin. Denn sollte He jünger sein als 16, hätte sie gar nicht an dem Wettbewerb teilnehmen dürfen.

Als vorige Woche wieder einmal Zweifel an den offiziellen Angaben zu He laut wurden, sagte Arne Ljungqvist, Vorsitzender der medizinischen Kommission des Internationalen Olympischen Komitees, Altersmanipulationen seien schwer nachzuweisen. Tests könnten nur Ungenauigkeiten von bis zu zwei Lebensjahren aufweisen.

Beweise für eine Alterfälschung sind tatsächlich schwer zu finden. Indizien allerdings nicht. Einige recht starke Hinweise präsentiert der US-Blogger Mike Walker, Mitarbeiter der Sicherheitsfirma Intrepidus Group - nach ein paar Stunden Web-Recherche.

Falsches Geburtsdatum in drei Regierungsdokumenten?

Demnach ist He laut verschiedenen Dokumenten auf chinesischen Regierungsseiten am 1.1.1994 und nicht wie offiziell dargestellt am 1.1.1992 geboren worden. Interessantes Detail: Die Dokumente mit dem 1994er-Datum wurden von den chinesischen Regierungsservern gelöscht.

Ausgangspunkt von Walkers Suche war offenbar ein Bericht der "New York Times". Das Blatt schrieb Ende Juli, dass online verfügbare Dokumente mit offiziellen Anmeldelisten des Sportministeriums als Hes Geburtsdatum den 1.1.1994 angeben. Die "Times" verlinkte ihre Quellen allerdings nicht.

Dokumente verschwinden von Regierungsserver

Walker spürte diesen Dokumente nach, erst mal mit einer Google-Anfrage: Er suchte nach allen Dokumenten im Excel-Tabellenformat auf Seiten im chinesischen Adressraum, die He Kexins Namen (in chinesischen Schriftzeichen) und die Jahreszahl 1994 enthalten. Er erhielt als Treffer eine Excel-Tabelle mit Sportlernamen und Geburtsjahren aus dem Jahr 2006, die auf den Seiten den chinesischen Sportministeriums abgelegt gewesen war - früher einmal.

Google spuckt das Suchergebnis zwar noch aus, auf den chinesischen Servern ist die Datei allerdings gelöscht. Google speichert von vielen Seiten Zwischenkopien auf den eigenen Servern - von diesem Dokument allerdings nicht.

Erstaunlicherweise wird man auf der Suche nach dieser Tabelle bei der großen chinesischen Suchmaschine Baidu fündig: Die Suchmaschine hat drei Tabellen im Excel-Format auf den Seiten des chinesischen Sportministeriums mit Hes Namen und Geburtsdatum erfasst. Es sind sogar Sicherheitskopien auf den eigenen Servern gespeichert. Am Donnerstagvormittag waren sie noch abrufbar.

In den drei zuvor auf den Servern des Sportministeriums gespeicherten Tabellen ist neben He Kexins Namen der 1.1.1994 als Geburtsdatum verzeichnet:

Warum die Dokumente von den Ministeriumsseiten gelöscht wurden, ist unklar. Die erste Tabelle ist mit "Anmeldeliste des nationalen Turnwettbewerbs" übertitelt. Hier werden Spalten für Name, Geschlecht, Geburtsdatum und Ort samt Provinz und Sportverein aufgeführt. He Kexin stammt demnach aus Wuhan, ihr Sportverein heißt Liu Chen Hui Jiao Liu - und sie wurde am 1.1.1994 geboren, nicht 1992.

Blogosphäre sichert Indizien

Wie lange diese Dokumente noch im Zwischenspeicher der Suchmaschine Baidu zu finden sein werden, bleibt abzuwarten. Blogger Walker prognostiziert: "Von der Veröffentlichung meines Blogeintrags an tickt die Uhr, bis Kexins wahres Alter für immer aus dem Baidu-Cache getilgt wird. Es liegt an euch Blog-Lesern, Beweisfotos zu machen und zu veröffentlichen."

Diesem Aufruf folgen die Leser von Walkers Blog - und die zigtausend Web-Nutzer, die durch Links auf populären Empfehlungsseiten wie Digg und Slashdot überhaupt erst auf diese Geschichte aufmerksam geworden sind. Unter Walkers Blogeinträgen finden sich nun schon Dutzende Links zu Bildschirmfotos der Dokumente, die von den Servern des chinesischen Sportministeriums verschwunden sind. Selbst wenn die Sicherungskopien der Suchmaschine Baidu nun auch bald verschwinden - die dezentrale Dokumentation in der Blogosphäre bleibt.

Viele Indizien, keine Beweise

Leser ergänzen Walkers Indiziensammlung um neue Quellen. So ist zum Beispiel auf den Seiten zu einem Sportwettbewerb in Chengdu vom 27. Januar 2006 als Hes Geburtsdatum auch der 1.1.1994 angegeben. Diese Seite ist auf dem chinesischen Regierungsserver nicht mehr abrufbar - in Googles Zwischenspeicher allerdings schon.

Diese Indizien beweisen nicht, dass He oder chinesische Behörden lügen. Die sorgsam von Bloggern dokumentierten Screenshots der Tabellen von den Seiten des Sportministeriums belegen nur, dass es widersprüchliche Angaben zu Hes Alter gibt - und offensichtlich in drei verschiedenen offiziellen Dokumenten dasselbe, angeblich falsche Geburtsdatum genannt wird, der 1.1.1994.

Dem entgegen steht die Aussage der Sportlerin He, die bei einer Olympia-Pressekonferenz erklärte: "Ich bin 16. Es ist mir egal, was andere sagen." In Hes Pass, den chinesische Offizielle der "New York Times" und dem Turn-Weltverband vorlegten, steht als Geburtsdatum auch der 1. Januar 1992.

Ausgestellt wurde der Pass am 14. Februar 2008.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
SpieFo, 21.08.2008
1. Wer sie gesehen hat, der
hat die Altersangabe eh nicht geblaubt. Das ganze drumrum um die Olympiade ist doch lächerlich, aus chinesischer Sicht: Die Wirklichkeit wird so zurechtgebogen, daß sie der Parteilinie passt: Fußstapfenfeuerwerk per Computeranimation, Playback während des Eröffnungsliedes, Demonstationsfreiheit im Park, aber erst nach Genehmigung, die offensichtlich gefälschte Altersangabe, etc und dazu ein absolut hilfloses, weil schweigendes, IOC, das sich damit zum Komplizen der chinesischen Propaganda macht. Und das mit dem Europäer Rogge als Vorsitzenden, der unsere "westlichen Werte" dadurch verraten hat und alle anderen unglaubwürdig macht, die sich darauf beruhen Wir im Westen mit unseren Ansprüchen machen sich in China doch nur lächerlich, siehe SPON heute, 21.8.08: http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,573181,00.html, "Choreograf der Olympia-Eröffnung: Chinesischer Starregisseur spottet über westliche Kultur" Danke den Bloggern, gut für die Geschichtsbücher, aber wie der Bayer schon sagt: "Wos hots eam gnutzt?"
leser_24 21.08.2008
2. Schulbildung
Die Frage ob sie 14 oder 16 Jahre alt ist, läßt sich in ihrer Schulbildung beantworten. Ist sie 14, dann müßte sie 2 Klassenstufen weniger als die 16jährigen besucht haben. Genauso gilt für 16jährigen, sie besuchen 2 Klassenstufen höher als die 14jährigen. Angenommen sie sei 16 und besucht für ihr Alter z.B. nicht die 9. Klasse, sondern die 7. Klasse. Dann wurde sie 2mal nicht versetzt.
thunderhand 21.08.2008
3. Wen interessiert eigentlich noch
die derzeitige 3Affen-Dopiade? Oder kann man das überhaupt anders bezeichnen? Tip: Fernseher aus-in den Nachrichten bei Olympia Berichten wegschalten und auch sonst die Berichte darüber bis auf wirklich kritisches auf die Ignore-Liste. Interessant ist doch nur,wie menschenverachtend sich der Sport präsentiert,und was Sportler dazu treibt,dennoch teilzunehmen-nämlich purer Egoismus. Sportlich wäre es gewesen,am Eröffnungstag geschlossen und demonstrativ abzureisen-PUNKT!
Mockingbird 21.08.2008
4. Alles so einfach!
Zitat von leser_24Die Frage ob sie 14 oder 16 Jahre alt ist, läßt sich in ihrer Schulbildung beantworten. Ist sie 14, dann müßte sie 2 Klassenstufen weniger als die 16jährigen besucht haben. Genauso gilt für 16jährigen, sie besuchen 2 Klassenstufen höher als die 14jährigen. Angenommen sie sei 16 und besucht für ihr Alter z.B. nicht die 9. Klasse, sondern die 7. Klasse. Dann wurde sie 2mal nicht versetzt.
Selbst wenn Sportler dieselbe Schullaufbahn durchlaufen würden wie alle anderen Kinder, und selbst wenn das chinesische Schulssystem annähernd vergleichbar mit dem deutschen wäre: Ich vermute, Schüler kann man nach belieben hochversetzen und diese Versetzung vertuschen, wenn es Qualifikationszwecken dient. Mal ganz abgesehen davon, daß da ja auch noch die berüchtigten Sportinternate sind, in denen solche Aktionen vermutlich noch ein wenig leichter durchzuführen sind.
Hans58 21.08.2008
5. Schlagender Beweis
Zitat von leser_24Die Frage ob sie 14 oder 16 Jahre alt ist, läßt sich in ihrer Schulbildung beantworten. Ist sie 14, dann müßte sie 2 Klassenstufen weniger als die 16jährigen besucht haben. Genauso gilt für 16jährigen, sie besuchen 2 Klassenstufen höher als die 14jährigen. Angenommen sie sei 16 und besucht für ihr Alter z.B. nicht die 9. Klasse, sondern die 7. Klasse. Dann wurde sie 2mal nicht versetzt.
DAS ist DER durchschlagende Beweis...Schulklassen!!! Sofort nach China und die Klassenbücher einsehen. Die junge Dame hat einen chin. Pass, der sie als 16-jährige ausweist. Oh Gott, der Pass ist gefälscht...von wem wohl....??
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