Zwischenruf 30 Jahre Microsoft

Vor drei Jahrzehnten war Microsoft das, was man später ein "Start-up" nannte: Eine kleine Tüftlerschmiede, betrieben von ziemlich haarigen Nerds. Es sollte nicht lange dauern, bis sie zu einem festen Bestandteil des Alltags unzähliger Menschen wurde - und zu einem der mächtigsten Unternehmen der Welt.

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Ritter Bill Gates (2004 von der Queen geadelt): IT-Unternehmer, Mäzen und Wohltäter einerseits, Konkurrentenschreck und eisenharter Geschäftsmann anderseits
Microsoft/SPIEGEL ONLINE [M]

Ritter Bill Gates (2004 von der Queen geadelt): IT-Unternehmer, Mäzen und Wohltäter einerseits, Konkurrentenschreck und eisenharter Geschäftsmann anderseits

Hier die Meldung: Microsoft wird 30 Jahre alt. Sollen wir singen?

Hätte man die Frage vor 20 Jahren gestellt, wäre sie weniger irritierend gewesen. Singen für Microsoft? Warum nicht?

Bill Gates war ein Held, ein Idol. Wie Asterix der Gallier hatte er mit seiner kleinen Garagenklitsche Microsoft den Usurpatoren der IT-Welt die Stirn geboten und sein Firmchen zu einem respektablen Unternehmen aufgebaut. Noch besser: Big Blue, der wankende Gigant, der die Computerwelt so lange beherrscht hatte, musste dafür die Zeche zahlen: Weil IBM völlig verschlafen hatte, dass die Zeit des Heim-Computers gekommen war, hatte Gates sein DOS an die Riesenfirma lizenzieren können. Jetzt floss mit jedem Rechner des "IBM Industriestandards" Geld in Gates Taschen. Cool.

Gegründet worden war Microsoft 1975 von Gates und seinem Kumpel Paul Allen, die gemeinsam die Programmiersprache BASIC für den Ur-Heim-PC Altair 8800 umschrieben. Sechs Jahre lang wuchs Microsoft respektabel, aber moderat - und immer im Schatten dieses anderen, nach einem Obst benannten Start-ups.

Denn Apple setzte die innovativen, selbstentwickelten Trends und schickte sich Anfang der Achtziger an, den keimenden Markt der Heim-PCs aufzurollen. Das weckte IBM - und der Riese hatte zwar eine Menge technischen Muskel, aber nichts fürs noch kleine Computerhirn.

Da konnte Microsoft helfen. "DOS" hieß damals alles, was Diskettenlaufwerke oder Festplatten zum Laufen brachte, doch sollte es MS-DOS sein, das den Weg von den Büros in die Wohnungen bis hinein ins Kinderzimmer fand. Die Lizenz an IBM sorgte dafür, dass Microsoft zum Teil des mit großer Marktmacht forcierten "Industriestandards" wurde. Apple mochte das bessere Produkt haben, doch Microsoft hatte die bessere Nase: Microsoft als Profiteur an IBMs Trägheit begann die größte Erfolgsstory der IT-Geschichte.

"Winzigweich" wird eisenhart

Microsofts Ruhm blieb, trotz verspäteter Innovationen, unzähliger Abstürze, instabiler erster Windows-Versionen und zunehmender Aggressivität am Markt, lange makellos. Wann mutierte der Popstar, der dürre Nerd mit den großen Turnschuhen, in den Augen der Öffentlichkeit zum gefürchteten IT-König William H. Gates III.?

Als die EDV-Hippies der MS-Gründertage plötzlich alle aussahen, als würden sie beim Betreten des Firmengebäudes Ganzkörpergegelt? Als die Reden von MS-Bossen auf Messen und Kongressen begannen zu klingen, als wollten religiöse Seelenfänger die Heiden bekehren? Als Gates ultraspitze Ellenbogen bekannt wurden, mit denen er Geschäftspartner klein und abhängig hielt und Konkurrenten unfair aus dem Markt boxte?

So what? Auch das ist Industriestandard, wenn man so will: Als warmherzige Sympathen sind auch Gates alte Konkurrenten Scott McNealy, Steve Jobs oder Larry Ellison nicht gerade verschrien. Mies benehmen können sie sich in ihrem eisenharten Konkurrenzkampf alle gut.

Vielleicht begann der Imagewandel vom cleveren Kleinunternehmen zum mächtigen IT-Moloch schlicht mit dem Neid auf so viel Macht und Reichtum: Mitte der Neunziger hatte sich die einstige Garagenfirma endgültig zu einem Multimilliardenkonzern gemausert.

Und heute?

Heute bekommt Google zunehmend vorgeführt, dass Größe in diesem hart umkämpften, mit so viel Meinungsmacht verbundenen Markt mit Imageverlusten einhergeht. Microsoft derweil scheint ein wenig weniger bedrohlich, seit es endlich wieder die so lang eingeforderte Konkurrenz bekommt.

Rational zu begründen ist das alles kaum.

Denn eigentlich ist Microsoft heute ja mächtiger als je zuvor. Der Jahresumsatz von Microsoft entspricht dem Bruttosozialprodukt von Staaten wie Kuba, Kenia, Lybien oder Costa Rica. Über 140 Nationen dieser Welt erwirtschaften im Jahr weniger Geld als Microsoft. Und natürlich wären wir überrascht, wenn Bill Gates plötzlich nicht mehr reichster Mann der Welt wäre.

Das wichtigste aber ist die Allgegenwart von Microsoft-Produkten in unserem Leben. Völlig egal, ob Apple nun nach wie vor die "besseren" Produkte produziert, Linux die IT-Welt emanzipiert, Mozilla weniger Sicherheitsprobleme als der MS-Browser hat, Google und Yahoo die besseren Internet-Lösungen entwickeln, im Großen und Ganzen muss man eingestehen, dass diese von so vielen gehassliebte Marke der digitalen Welt ihren Stempel aufgedrückt hat.

Microsofts Fehler fanden lange mehr Beachtung als die der Konkurrenz, weil sie die Fehler waren, mit denen wir, die Mehrheit der PC-Nutzer, uns herumschlagen mussten. Microsofts Geschichte ist auch unsere, die wir Rechner nutzen gelernt haben und darauf auch nicht mehr verzichten wollen. Die Meilensteine der MS-Firmengeschichte markieren immer auch "Meilensteine" in unserer privaten Auseinandersetzung mit dem Computer.

Happy Birthday also, Microsoft: Dir ein Lied zu singen ist, als sänge man sich selbst auch eines. Nicht immer schön, nicht immer harmonisch, aber durch und durch vertraut. Wirtschaftsunternehmen muss man ja nicht lieben, aber ihre Leistung darf man respektieren. Ab morgen hauen wir dann wieder, wenn es was zu hauen gibt.



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