Zynisches Spiel 100.000 Dollar für digitale Wiederholung des Kennedy-Mordes

Das neueste Produkt der schottischen Gameschmiede Traffic ist ein kalkulierter Skandal: Wer den Mord an US-Präsident John F. Kennedy möglichst genau wiederholt, kann bis zu 100.000 Dollar gewinnen. Wer Jackie erschießt, bekommt Punktabzug. "Ekelhaft" sei das, sagt Edward Kennedy. Ein "Doku-Spiel" sei das, sagen die Macher.


Wortspiel: Verweist "Reloaded" auf die "Wiederholung" des Kennedy-Mordes - oder auf Oswalds Gewehr?

Wortspiel: Verweist "Reloaded" auf die "Wiederholung" des Kennedy-Mordes - oder auf Oswalds Gewehr?

War Lee Harvey Oswald wirklich der Mörder von US-Präsident John F. Kennedy - und wenn: agierte er allein? Seit mehr als 40 Jahren ranken sich um diese Fragen zahlreiche Debatten und Verschwörungstheorien. In akademischen wie populären Büchern, in Dokumentationen wie Spielfilmen gaben zahlreiche Autoren darauf ihre eigene Antwort. Jetzt, argumentieren die Macher von "JFK Reloaded", liege eben einmal eine Antwort in Form eines Videospiels vor.

Ein "Doku-Spiel" nennen das die schottischen Game-Entwickler von Traffic, "ekelhaft" nennt es der US-Senator Edward Kennedy - letzter Überlebender der politisch aktiven Kennedys seiner Generation. Ihm schickten die Macher von "JFK Reloaded" vorab Informationen zu dem Spiel. Kommentieren will Kennedy die vermeintliche Dokumentation im Spiel jedoch nicht weiter - abgesehen davon, dass er seinem Abscheu Ausdruck verlieh.

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Skandalspiel "JFK Reloaded": Mord für Hobby-Historiker

Traffic-Chef Kirk Ewing trifft das nicht: "Ich glaube nicht, dass wir hier irgendetwas ausnutzen, abgesehen von neuen Technologien." Das Spiel habe eine historisch und durch den Untersuchungsbericht der US-Regierung gestützte These über die Ermordung Kennedys, die der Spieler aus der Perspektive des Präsidentenmörders spielerisch nachvollziehen und überprüfen könne. Ewing: "Wir glauben fest daran, dass es keine Verschwörung gegeben hat."

22. November 1963: John F. Kennedy mit Ehefrau Jackie, kurz vor den tödlichen Schüssen
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22. November 1963: John F. Kennedy mit Ehefrau Jackie, kurz vor den tödlichen Schüssen

Angeblich, um zu beweisen, dass Oswalds Schüsse eben doch möglich gewesen seien, tritt nun das Mordsspiel "JFK Reloaded" an: Darin sieht man Kennedys Wagenkarawane aus verschiedenen Perspektiven, vor allem aber eben durch Oswalds Zielfernrohr vorbeiziehen. Dem Spieler ist freigestellt, wann und auf wen er feuert, jedoch belohnt das Spiel historisch korrektes Verhalten, während es Abweichungen von der Vorlage bestraft. Logisch, dass es da Punktabzug gibt, wenn man neben JFK auch Jackie Kennedy erschießt.

Zum Konzept des nur Online verkauften, 9,99 Dollar teuren Spielchens gehört es, dem historischen Mord so nahe wie möglich zu kommen. Zu diesem Zweck kann der Spieler all seine Mordversuche über das Internet mit einem speziellen Server abgleichen, der so nicht nur eine der üblichen "Best of"- oder "Hall of Fame"-Listen aufbaut, sondern sogar einen Preis zu vergeben hat: Traffic verspricht, dass der virtuelle Präsidentenmörder, der Oswalds Schüsse in Timing, Position und Wirkung bestmöglich nachvollziehe, bis zu 100.000 Dollar Preisgeld einstreichen könne.

Zwei Tage später, der Beginn aller Verschwörungstherorien: Jack Ruby erschießt den angeblichen Präsidentenmörder Lee Harvey Oswald (24. November 1963)
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Zwei Tage später, der Beginn aller Verschwörungstherorien: Jack Ruby erschießt den angeblichen Präsidentenmörder Lee Harvey Oswald (24. November 1963)

Denn der geglückte "Oswald-Schuss" sei nichts als der mit elektronischen Mitteln, aber nach allen Regeln der Physik und Ballistik erbrachte Beweis dafür, dass Oswald eben durchaus allein gehandelt haben könnte. Um zugleich kursierende Verschwörungstheorien über einen zweiten Täter zu entkräften, bietet "JFK Reloaded" auch die Möglichkeit, den Präsidenten aus anderen Perspektiven zu erschießen.

Jetzt rumst es erst einmal in der US-Presse. Die Regeln des "Spiels" wie die Tatsache, dass es von Traffic erstens überraschend und zweitens am Tag vor dem 41. Jahrestag von JFKs Ermordung veröffentlicht wurde, halten die meisten Kommentatoren für einen zynischen Marketing-Trick, um die schottische Gameschmiede Traffic ins Gespräch zu bringen. Wenn das so ist, wäre es wieder einmal gelungen: Nachdem unter anderem die Nachrichtenagenturen Reuters und AP die Geschichte um die Welt trugen, macht sie überall Schlagzeilen.

Dass "JFK Reloaded" wenige Stunden nach seiner Veröffentlichung bereits Hunderte negativer Presseberichte erntete, braucht die Produzenten nicht zu kratzen: Jeder Bericht, heißt es unter PR-Fachleuten, ist ein guter Bericht. Hauptsache, man kommt ins Gerede.

Traffic-Chef Ewing versichert, er und seine Firma hätten es nicht auf billige Publicity abgesehen. "Wir haben den höchsten Respekt vor Kennedy und seiner Geschichte."

Deren Ende kann man sich in ihrer virtuellen Aufbereitung nun weit genauer ansehen, als je zuvor: Jeder Schuss kann in Zeitlupe mitverfolgt werden, per Mausklick mit oder oder spritzendes Blut, und auch die Wege der Kugeln durch Kennedys digital erzeugten Körper kann man nachvollziehen. Historisch verbriefte, wie selbst gesetzte.

Frank Patalong



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