Kein Volk in Europa produziert mehr Verpackungsmüll als die Deutschen. Kein Volk in Europa liegt so im Clinch mit sich selbst wie die Briten. Und über kein Volk in Europa gibt es so wilde Mythen wie über die Wikinger. Die Themen im neuen SPIEGEL. Von Michael Sauga
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Die Lage am Samstag
Liebe Leserin, lieber Leser,

die spinnen die Briten, so tut derzeit wahrscheinlich ein Großteil der Europäer das irrsinnige Spektakel im einstigen Empire ab, das in den vergangenen Tagen einen neuen Höhepunkt, aber noch längst nicht sein Ende erreicht hat. Raus aus der Europäischen Union oder drinbleiben, weicher Brexit oder harter Schnitt: Die Frage ist nach einer Woche dramatischer Wendungen so ungeklärt wie zuvor. Fest steht nur, dass der Austrittsplan von Theresa May grandios gescheitert ist - eine verheerende Niederlage für die britische Premierministerin, eine Demütigung. Und doch ist es nun May, die einen Weg aus dem Schlamassel finden muss.

Unser Londoner Korrespondent Jörg Schindler erzählt die verstörenden Vorgänge auf der Insel als Psychodrama, das nur aus der verletzten britischen Seele zu verstehen ist, aus der tiefen Spaltung eines Landes, in dem Alt und Jung, Stadt und Land, Engländer und Schotten keine gemeinsame Basis mehr finden. Hinzu kommt ein Politikbetrieb, der sich kleingeistig und taktierend um sich selbst dreht und eine Premierministerin, die heillos überfordert wirkt. "Das Land hätte eine tatkräftige Visionärin und Vermittlerin gebraucht, aber es bekam eine zaudernde und kommunikationsunfähige Bürokratin", schreibt Schindler. "Statt Churchill erhielt es Chamberlain."

Britische Protestplakate
NurPhoto / ddp Images
Britische Protestplakate

Bleibt die Frage, ob der Brexit-Streit wirklich als rein britische Verirrung zu begreifen ist? Als nationale Tragödie, die tief in der komplizierten Geschichte des Vereinigten Königreichs wurzelt? Der deutsch-amerikanische Historiker Yasha Mounk ist anderer Ansicht. Für ihn ist das Londoner Drama Ausdruck eines grundlegenden Problems westlicher Demokratien, in denen der gewohnte Parlamentarismus auf genauso große Akzeptanzprobleme stößt wie die direkte Beteiligung des Volkes. "Die traditionellen Institutionen verlieren an Legitimität, und ein Ersatz ist nicht in Sicht", sagt er im Gespräch mit meinem Washingtoner Kollegen Christoph Scheuermann.

Die Recycling-Lüge

Wenn es um die gefährliche Plastikflut in den Weltmeeren geht, beruhigen sich die Deutschen gern mit ihrem Ruf, die eifrigsten Mülltrenner und Wiederverwerter der Welt zu sein. Das Problem ist nur: Das Image ist falsch, wie die Titelgeschichte dieser Ausgabe zeigt. Danach haben die Deutschen zwar ein höchst kompliziertes Entsorgungssystem rund um den sogenannten gelben Sack aufgebaut. Sie spülen den Joghurtbecher aus, bevor sie ihn in den Müll werfen und tragen ihre PET-Flaschen brav zum Getränkehandel.

Doch die angeblich statistisch unterlegte Behauptung, hierzulande würden knapp 40 Prozent der Plastikabfälle wiederverwertet, ist nicht mehr als ein schönes Märchen. Denn ein Großteil des Mülls wird in Wahrheit auf verschlungenen Wegen ins Ausland geschafft, wo er am Ende am Strand, in ungesicherten Deponien oder im Meer landet. In einigen Jahrzehnten, so sagen Experten, könnten in den Ozeanen mehr Plastikteile als Fische schwimmen.

Ein Team von SPIEGEL-Reportern ist der Spur des Plastiks gefolgt. Zu deutschen Recycling-Experten, rumänischen Müllunternehmern und französischen Entsorgungsforschern. Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Gegen die weltweite Plastikflut, die nicht zuletzt aus Deutschland stammt, helfen am Ende nur moderne Techniken und schärfere Gesetze.

Im Video: Animation - Die Deutschen und der Müll

Die Organe und der Tod

Die Bereitschaft, nach dem Tod seine Organe zur Transplantation freizugeben, ist hierzulande in jüngster Zeit leicht angestiegen. Trotzdem gibt es noch immer weit mehr Patienten, die auf eine Leber oder Niere warten als Spender. Und so hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn schon vor Monaten eine Neuregelung vorschlagen, nach der alle Bürger als potenzielle Spender behandelt werden sollen, wenn sie zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen haben. Im Bundestag aber halten viele Abgeordnete den Spahn-Vorschlag für falsch. Sie plädieren für andere Wege, über die noch in diesem Jahr abgestimmt werden könnte. Es ist eine schwierige Debatte über die letzten Fragen von Leben und Tod, die in diesem SPIEGEL, sozusagen stellvertretend für uns alle, der frühere DGB-Chef Michael Sommer und seine Frau Ulrike führen. Beide sprechen aus besonderer Betroffenheit, denn er hat ihr seine Niere gespendet. Trotzdem ist das Ehepaar beim Spahn-Vorschlag völlig unterschiedlicher Meinung. Er sagt: "Jeder soll als Spender bereitstehen, das ist ein Dienst an der Gemeinschaft." Sie sagt: "Der Mensch hat nicht das Recht, vorzeitig zu entscheiden, ob ein anderer tot ist."

Meine Kolleginnen Christiane Hoffmann und Cornelia Schmergal haben ein berührendes Streitgespräch protokolliert. Über das Geschenk des Lebens, wie es im Vorspann heißt, und die Last der Dankbarkeit.

Michael Sommer und seine Frau Ulrike
Roman Pawlowski / DER SPIEGEL
Michael Sommer und seine Frau Ulrike

Die Orban-Connection der FDP

Eigentlich müsste Victor Orbán eine ideale Zielscheibe im Europa-Wahlkampf der FDP sein. Der ungarische Ministerpräsident hat die Freiheitsrechte von Medien, Wissenschaft und Justiz eingeschränkt und bezeichnet sich als Freund der illiberalen Demokratie.

Umso merkwürdiger ist es, dass FDP-Generalsekretärin Nicola Beer, zugleich designierte Spitzenkandidatin der Partei für die Europawahl, den umstrittenen Ungarn auffällig schont. In ihren Reden kommt er oft nicht vor; dafür bremst die Freidemokratin, wenn ihre liberalen Parteifreunde in Brüssel Aktionen gegen den Autokraten starten wollen.

Recherchen meiner Berliner Kollegen Markus Feldenkirchen und Christoph Schult legen nahe, dass Beers Beißhemmung mit den Aktivitäten ihres Ehemanns zu tun haben könnte, einem Rechtsanwalt, der seit Jahren enge Kontakte zur Regierung in Budapest pflegt. Ende Januar soll Beer offiziell als Spitzenkandidatin ausgerufen werden. In der FDP gibt es daran erste Zweifel, die nach Erscheinen dieser SPIEGEL-Ausgabe jedenfalls nicht kleiner geworden sind.

Wie wütend waren die Wikinger?

Wikingerdarstellung in der Serie "The Last Kingdom"
Hollywood Picture Press / Action Press
Wikingerdarstellung in der Serie "The Last Kingdom"

Sie gelten als muskelbepackte Krieger, die mit Äxten und Lanzen auf ihre Gegner einschlugen und wegen ihrer Berserkerwut als unbesiegbar galten. Bis heute ranken sich viele Mythen um die skandinavischen Krieger, die bis heute in Kinofilmen und TV-Serien weitergesponnen werden.

Der archäologischen Forschung freilich halten die Geschichten um die zur See fahrenden Rüpelkrieger nur selten stand. Nach den Erkenntnissen meines Kollegen Frank Thadeusz, der die einschlägigen Forschungsbeiträge ausgewertet hat, waren die Wikinger keine Superhelden, sondern eher Kriegsversehrte, die wegen ihrer schweren Traumatisierungen besonders zur Gewalt neigten. Nach ihren Raubzügen freilich führten die Veteranen oft ein trauriges Leben am Rande der Gesellschaft, wurden mit Knüppeln erschlagen oder in die Einöde Islands verbannt. Die Wikinger, schreibt Thadeusz, seien "ein Beispiel dafür, was passieren kann, wenn Historiker einen Mangel an Fakten mit einem Überschuss an Fantasie kompensieren".

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

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Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.

Ihr Michael Sauga

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