Von Thomas Tuma
as Geheimprojekt trug den Decknamen "Comedy Pilot", hatte aber allenfalls mit unfreiwilliger Komik zu tun. Nur ein kleiner Kreis verschworener RTL-Mitarbeiter war eingeweiht. Und selbst die von mehreren Casting-Agenturen angeschleppten Kandidatinnen rätselten anfangs, auf welche Art von "Fernsehshow" sie sich eigentlich eingelassen hatten.
Das RTL-Paar Gerti und Thomas: "Wir sind getäuscht worden"
RTL hätte den Kuppel-Krawall auch vor den Zuschauern geheim halten sollen. Denn was dann am vergangenen Mittwoch ebenso kurzfristig wie live ins Abendprogramm gewuchtet wurde, ließ selbst "Tutti Frutti"-Girlies im Nachhinein wie Bannerträgerinnen der Frauenbewegung aussehen.
In Halle 32 des Kölner Studio-Komplexes Coloneum ging es vorwärts in die Vergangenheit niedrigster Privat-TV-Urinstinkte. Das wirkliche Debakel sollte erst zwei Tage später stattfinden, aber das wusste zu diesem Zeitpunkt noch niemand.
Die Spielregeln waren schnell erklärt: Anonymer Geldsack sucht attraktives Aschenputtel. Oder, wie Moderator Werner Schulze-Erdel es formulierte: "Sie alle glauben an ein modernes Märchen."
Das war übrigens einer der wenigen unfallfreien Sätze, die der Show-Dinosaurier zu Stande brachte. Den Rest der langatmigen zwei Stunden säftelte er sich wie ein angetrunkener Tanzcafé-Kellner durch die Lüster-Deko. Professionalität? Bestenfalls im Promillebereich messbar.
US-"Millionär" Rockwell: Kleiner Hochstapler statt Großverdiener
Wenn es so etwas wie einen Schutzengel der Fernsehunterhaltung gäbe, hätte der Fleisch gewordene Altherren-Witz Schulze-Erdel spätestens da von höheren Mächten in den Orkus gespült werden müssen. Doch als sein Millionärsdarsteller, der schleswigholsteinische Geschenkartikel-Händler Thomas Tepe, 47, schlussendlich hinterm Paravent hervorstolperte, gab der Moderator ihm auch noch ein Taschentuch mit auf den Weg ins Glück: "Sie schwitzen so schön."
Gewinnerin Gerti Friedrichs, 37, wartete unverschwitzt mit Brautkleid. Später gestand sie: "Es roch schon sehr nach Fleischbeschau." Wer oder was genau stank, erfuhr zunächst niemand, weil das "Traumpaar" in einen zehntägigen "Traumurlaub" nach Florida entschwinden musste. Für Traumquoten war ohnehin gesorgt. 8,1 Millionen Zuschauer (60 Prozent des Publikums waren weiblich) folgten dem absolut geschmack-, geist- und witzlosen Kuppel-Manöver, das offenkundig nur dreierlei unter Beweis stellen wollte: 1. Frauen sind geldgeil. 2. Mit Kohle kriegst du jede. 3. Wer zuerst kommt, den belohnt die Quote.
Denn die Geheimhaltungs-Marotten von RTL hatten einen Grund: Seit Spätsommer prahlte die Konkurrenz von Sat.1, eine identische Show namens "Wer heiratet den Millionär?" vorzubereiten – rutschte dabei jedoch von einer Panne in die nächste.
Das Problem war nicht, genügend verrückte Frauen aufzutreiben. Das Problem war, einen richtigen Reichen zu finden, der eloquent, gut aussehend und blöd genug ist, so einen Auftritt zu riskieren.
Den ersten Millionärskandidaten schickte die Sat.1-Redaktion nach Hause – zu zwielichtig. Der zweite sprang kurz vor der Aufzeichnung von sich aus ab – frisch verliebt. Dann verabschiedete sich der Moderator Jörg Wontorra – genervt und anderweitig engagiert. Dauernd mussten neue Sendetermine in die Welt geblasen werden, bevor am Ende der 7. Januar feststand.
Zumindest diese Blöße öffentlich-demonstrierter Unfähigkeit wollte sich RTL nicht geben und frickelte in aller Stille am Überholmanöver. Erst zwei Tage vor der Show konnten Marketing und Werbewirtschaft, Medien und damit Zuschauer mobilisiert werden. "Bild" ließ sich auf das Spiel ein und titelte neben ein grob gerastertes Foto des "reichen Mr. X", das der Sender zur Verfügung stellte: "Wer gewinnt diesen Millionär?"
Allzu oft dürfe man solche Experimente nicht machen, heißt es bei RTL. Aber das "moderne Märchen" habe sich ja gelohnt. Da war die wirkliche Katastrophe nur noch wenige Stunden entfernt.
Sat.1 mutmaßt, dass interne Querelen bei den Kölnern für den Rache-Schnellschuss verantwortlich seien: "Die kommen mir vor wie angesäuerte Liebhaber", sagt der Sprecher des Senders, Dieter Zurstraßen. Immerhin hatte Sat.1 das Format ausgerechnet beim holländischen Produzenten John de Mol gekauft, der sonst vorwiegend RTL mit Quoten-Garanten wie "Big Brother" und "Wer wird Millionär?" beliefert.
Die Urheberfrage im internationalen TV-Geschäft ist zwar ein Witz ohne Pointe, denn was erfolgreich ist, wird heutzutage sofort und hemmungslos abgekupfert. Doch RTL behauptet nun seinerseits, die einzig wahren Originalrechte schon viel früher gekauft zu haben – beim US-Sender Fox, der die Millionärschose Mitte Februar erstmals ausgestrahlt hatte.
Nach der dortigen Premiere stellte sich heraus, dass der vermeintliche Großverdiener Rick Rockwell ein kleiner Hochstapler war, der einst seine Ex-Verlobte verprügelt haben soll. Der eilige Bund fürs Leben mit einer Krankenschwester wurde nach einigen Wochen annulliert. Um noch größeren Imageschaden zu vermeiden, setzte Fox das Spektakel nach der ersten Folge ab.
In Deutschland ist mit einem juristischen Nachspiel der beiden Brautschauen nicht zu rechnen. Zu frech hatte Sat.1 im vergangenen Jahr selbst die Konkurrenz kopiert: Günther Jauchs RTL-Quiz ebenso wie die von RTL II produzierte "Expedition Robinson". Damals war Sat.1 mit dem "Inselduell" schneller und räumte prompt die besseren Quoten ab. RTL-II-Chef Josef Andorfer zeterte und tobte, zog vor Gericht und verlor.
Am Ende zählt nur eines: Wer zuerst da ist. "Der Kampf wird ruppiger", sagt RTL-Sprecherin Ingrid Haas, "jedoch weniger gegen andere Kanäle als um gute Show-Ideen, die rarer denn je sind."
Am Donnerstagabend, 24 Stunden nach dem RTL-Quotensieg, zeichnete Sat.1 die eigene Paarungsvariante auf. Werner Schulze-Erdel hieß Franklin Schmidt. Und statt 45 Damen warteten 50 auf das eine Jawort. "Wir haben die besseren Frauen", ließ Zurstraßen allen Ernstes verlauten.
Am gleichen Tag warnte der rheinlandpfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) – natürlich via "Bild" und obligatorisch bestürzt –, hier werde "ein weiterer Tabu-Bruch inszeniert". Beck mag mittlerweile etwas von Selbstinszenierung als Medienwächter verstehen. Den Trend hat er nicht begriffen.
Die letzten Tabus sind schon in den Nachmittags-Talkshows gebrochen worden. Jetzt sind die Werte dran.
Brautschau im Fernsehen begann einst harmlos-spielerisch mit "Herzblatt". Darauf folgte die "Traumhochzeit", wo real existierende Paare gegeneinander antraten, um am Ende die eigenen Flitterwochen finanziert zu bekommen. Nun wird für nichts als Geld geheiratet.
Die Ehe als nackte Finanzpartnerschaft. "Normale" Prostitution hat es in Deutschland schwerer, gesellschaftlich akzeptiert zu werden.
Auf Sat.1 bekamen die Zuschauer am Sonntag dennoch nicht das vorab angedrohte Jawort zu sehen. Getraut werden sollte ad hoc, Standesbeamter inklusive, als letzter Kick für ein bereits überreiztes Publikum. Leider kniff der Millionär, ein smarter Düsseldorfer namens Raymond, 44. Seine Wahl-Bekannte, die 21-jährige Bürokauffrau Stephanie aus München, war sprachlos. Beim Dubai-Kurzurlaub wolle man sich erst mal kennen lernen.
Sat.1 und "Bild" gehören zum Einflussbereich des gläubigen Katholiken Leo Kirch. RTL gehört zum Medienkonzern Bertelsmann, dessen Vorstandschef Thomas Middelhoff viel und gern über Verantwortung und Medien-Ethik philosophiert. Der Vorwurf mag altmodisch klingen, aber bislang mischte sich keiner der beiden in die bizarre Entwicklung ein. Das Geschäft läuft wohl einfach zu gut.
Und in den TV-Redaktionen heißt es seit "Big Brother" allenfalls reflexhaft: Das seien alles Erwachsene, jeder wisse, worauf er sich da einlasse etc. Nein, sie wissen es nicht. Sie können es gar nicht abschätzen, durch welchen medialen Fleischwolf sie dabei gedreht werden. Umgekehrt verlieren auch die Sender völlig die Kontrolle.
Bei RTL träumten manche schon von einer Fortsetzung der Hochzeitsshow, falls sich Thomas und Gerti wirklich mögen sollten. Ein Kamerateam begleitete das Paar in die Florida-Flirt-Ferien. Jeder zwischenmenschliche Fortschritt des "modernen Märchens" sollte in täglichen Dosen fürs Boulevard-Magazin "Explosiv" festgehalten werden.
Doch am Freitag schwenkte nicht nur "Bild" überraschend um. Plötzlich war von frischen Lügen und alten Offenbarungseiden des Millionärs Tepe die (Nach-)Rede.
Vor allem ging es um Gerüchte, das Paar sei schon lange vor der Show liiert gewesen: "Haben der Lügen-Millionär und seine falsche Spontan-Braut uns alle belogen?" Es war die dritte Story am dritten Tag. Und sie war richtig.
Am Nachmittag musste RTL-Unterhaltungschef Matthias Alberti auf einer schnell einberufenen Pressekonferenz zugeben, dass sein ganzer Sender einem Kuppel-Komplott aufgesessen war. "Wir sind von Herrn Tepe und Frau Friedrichs getäuscht worden." Die Imagepleite: Tepe hatte Friedrichs Anfang Dezember kennen gelernt und selbst ins Auswahlverfahren bugsiert. Das Paar werde umgehend nach Hause fliegen. Wer sonst noch fliegt, wird sich zeigen.
Die "Braut" muss ihren 20 000-Mark-Brillantring zurückgeben. Und RTL hat den Schaden samt Gratis-Spott obendrauf: Sat.1 beeilte sich mitzuteilen, dass man Tepe durchs eigene Casting geschleust habe. Und als dubios ablehnte. Das sind moderne Märchen.
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