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03.02.2001
 

Reality-TV

Hemdchen hoch, Quote runter

"Big Brother 3", "Girlscamp", "House of Love" ­ die Fernsehmacher haben sich mit ihrer Reality-Offensive verkalkuliert. Die Zuschauer reagieren verschreckt: Auf einmal gibt es alles zu häufig, zu schnell, zu schamlos.

S

tellen wir uns eine Programmkonferenz in der Sat.1-Zentrale vor. Nur mal so. Draußen dämmert Berlin in herbstzeitloser Agonie. Drinnen dämmern die Götter, wie sie "Big Brother" Paroli bieten sollen.

Girlscamp: Warten auf den "Boy of the Week"
SAT.1/SCHUERLE

Girlscamp: Warten auf den "Boy of the Week"

Das Rezept ist schnell geklärt: nacktes Leben. Da sind zehn rattenscharfe Mädels auf jeden Fall besser als zwölf großflächig tätowierte Prolls. Dazu Schampus für alle. Luxus statt Baumarkt. Und eine schicke Insel. Scharfe Kerle. Offene Duschen. Gib mir alles! Wie früher beim Camping-Urlaub nach der zweiten Flasche Apfelkorn. Titel? Klare Sache: "Girlscamp".

Seit vorvergangener Woche haben wir nun den Bildersalat, in dessen Eigenwerbung immer ein pralles Brustpaar im nassen T-Shirt aus einem Pool stieg und eine Girlie-Band schnaufte: "Gib mir 100 Prozent von dir."

Wie das mit der Realität so ist, sie ist manchmal furchtbar fad. Die Damen finden alles "total toll" und schlurchen mit Puschen an den Füßchen und Kippe im Mundwinkel verschlafen um den Pool herum. Tristesse banale. Wasser und Wetter sind trübe, die nackten Tatsachen auch.

Gleich werde man "Birgit beim Duschen sehen", ködert der Vor-Ort-Reporter Kena Amoa. Birgit hat schon verlauten lassen, dass sie Katja für "gut betittet" halte. Später ist Birgit ein paar Sekunden nackt, worauf Herr Amoa sagt: "Da kann man doch nicht meckern, oder?"

Segensreich für den Nachwuchsmoderator, dass ihm kaum einer zuschaut. Am ersten Abend waren es 1,8 Millionen. Am zweiten 1,4. Das ist zur besten Sendezeit keine Quote. Das ist ein Loch, das man mit der Ausstrahlung eines Testbildes billiger gestopft hätte.

So saßen die Strategen von Sat.1 vergangene Woche wieder zusammen. Sehr nüchtern. Sehr unglücklich. Von "notwendiger Optimierung" war die Rede. Von "nicht zufrieden stellend". Dabei hatten sie eigentlich an alle Ingredienzen eines Quotenerfolgs gedacht. Woran also lag's?

"Auch an der Konkurrenz", glaubt Sat.1-Sprecher Dieter Zurstraßen. Zeitgleich setzen die Privatsender auf jene inszenierte Wirklichkeit, die sie mal "Reality-TV" nennen, mal "Echte-Menschen-Fernsehen" (RTL-Chef Gerhard Zeiler):

  • RTL startete die dritte Staffel von "Big Brother". Mit allerlei frischen Nicoles und Joergs und Karinas.
  • Außerdem schickte der Sender einen Thilo mit fünf paarungsbereiten Frauen für vier Nächte in einen Hormon-Bau namens "House of Love", wo der 27-Jährige jeden Tag zwischen Wasserbett und Hummerschwänzen eine Dame rauswählen musste. Als Erstes flog übrigens die einzige allein erziehende Mutter, die dem Thilo vielleicht doch zu authentisch war. Irgendwie.
  • Auf RTL II eröffnete "to club" ­ der Versuch, mit 13 Laien in ebenso vielen Wochen einen Berliner Szeneclub zu gründen. Wer nix wird, wird Wirt. Und wer zum Wirt noch zu blöd ist, geht eben zu RTL II. Pech, dass schon in der ersten Woche die Technik zusammenbrach und deshalb am Mittwoch und Donnerstag Konserven gezeigt werden mussten.

"Es geht ja nicht um Leben und Tod", versichert Matthias Trenkle von RTL II. "Es ist nur Fernsehen." Dennoch jagte eine Krisensitzung die nächste.

Noch vor zwei Wochen prophezeite die "Welt am Sonntag", "Girlscamp" werde "die neue Erfolgs-Show". "Bild"-Klatschbase Katja Keßler wollte nach dem Probewohnen auf der Insel El Hierro gar nicht mehr weg. Und der "Stern" irrte frivol vernebelt hinterher: "Hose runter, Quote rauf".

Das ist natürlich Quatsch. Die Rechnung konnte nicht aufgehen. Reality-TV ist eben doch nicht die billige Gelddruckmaschine, an die seit "Big Brother" viele glaubten. Nun frisst die Evolution ihre Kinder.

Vor einem Jahr war das Laienspiel noch auf wenige Ausfall-Erscheinungen wie Zlatko, Jürgen und Sabrina begrenzt. Selbst der auf Brüste, Bier und Ballermann abonnierte RTL-II-Fan konnte noch zehn Namen auseinander halten. Dann kamen "Expedition Robinson", "Inselduell" und die Fahrschul-Wahrheiten von "You drive me crazy". Dann kamen die zweite "BB"-Staffel und "Der Frisör", der auch täglich schnippelt, aber schlecht abschneidet.

Weil klar war, dass alle bald das Gleiche machen würden, mussten sich die Sender unterscheiden. Womit unterscheidet man sich am besten? Man produziert Skandale. Was schafft die sichersten Skandale? Sex. Damit begannen die Missverständnisse.

Allein am "Big Brother"-Interieur lässt sich wunderbar ablesen, was von den Kandidaten erwartet wird: In Teil eins reichte noch die Kamera hinter der verschlossenen Duschtür als Attraktion. Für Teil drei wurden die Einzelbetten durch eine Matratzenlandschaft ersetzt. Die Dusche hat keine Tür mehr. Davor steht eine Badewanne ohne Vorhang, und im Garten wartet die Sauna für Schwitzspaß aller Art. Werden in der nächsten Staffel Vibratoren gereicht und im Hühnerstall rund um die Uhr Hardcore-Videos gezeigt, um das nötige Triebhaus-Klima zu schaffen?

Die Mitspieler, die zwar vertraglich alle Menschenrechte an der Container-Garderobe abgeben, sind bemüht, einen letzten Rest an Intimität zu bewahren. Doch die TV-Manager von RTL, RTL II und Sat.1, die sich wie hormonbehandelte Landschulheim-Ausflügler benehmen, warten auf Vollzug. Wann passiert es endlich? Sind auch genügend Kameras installiert? Stört der Jugendschutz?

Primäre Geschlechtsorgane würden alle gern zeigen, dürfen sie aber nicht, weil es unters Pornografieverbot fiele. Also werden Scham- und Schmerzgrenzen der Sittenwächter jede Woche neu ausgelotet. Prompt war schon lange nicht mehr derart viel verschwurbeltes Spießertum im hiesigen Fernsehen zu bewundern ­ und gleichzeitig so viel Angst, die Zuschauer könnten zur Konkurrenz wechseln.

Zappen und Beischlaf. Nur darum schien es noch zu gehen. Und weil Letzteres eben nicht gehen darf, müssen Sekundärtugenden herhalten.

Üppige Brüste im "House of Love". Brodelnde Geständnisse im "Girlscamp", wo Birgit sich Sex auch mal mit einer Frau vorstellen könnte, worauf Katja (die "gut Betittete") leicht erschrickt. Und eine junge Dame, die sich in "Big Brother" unter der Dusche das Schamhaar rasiert. Es gab schon elegantere TV-Aphrodisiaka.

"Wir haben auch Rasierte dabei", prahlt Jörg Hoppe von der TV-Firma MME, die unter anderem "Girlscamp" produziert. "Die dürfen wir nur nicht zeigen." Allenfalls nachts. Im Internet.

MME ist eine börsennotierte Aktiengesellschaft. Seit "Girlscamp" reagieren sogar Kleinanleger geschmackssicher. Der Kurs rauschte in den Keller, während die vereinte Leitkultur aus Wissenschaftlern und Politikern, Kirchen und Verbänden, Arte-Anhängern und Medienrechtlern zwischen Abwarten und Analyse laviert, zwischen Resignation und Die-ignorier-ichnicht-Mal.

Aktuelle Lieblingsargumente: 1. Wer sich aufregt, hat schon verloren. 2. Schaut nämlich eh keiner hin.

Stimmt auch: Selbst die Quoten der Trend-Ikone "Big Brother" füllten immer nur eine Nische, wenn auch für einen Nischenkanal wie RTL II durchaus erfolgreich. Eher selten, dass mal mehr als drei Millionen Zuschauer gleichzeitig in die Baracke spannen. Wozu also die Hysterie?

Interessanter sind die Zielgruppen, denn die sind so jung wie sonst allenfalls bei "Gute Zeiten, schlechte Zeiten". Was für ein Welt-und-Werte-Bild vermittelt ein Sender wie RTL mit Sendungen wie "Big Brother", "Ich heirate einen Millionär" und "House of Love"? Mach dich nackig, wir machen den Rest!

Big-Brother-Moderatoren: Ende der Erfolgsstory in Sicht?
DPA

Big-Brother-Moderatoren: Ende der Erfolgsstory in Sicht?

Man muss mal zwischen den Köln-Hürther NOB-Studios und der Container-Siedlung gestanden haben, um zu wissen, was in der "Generation BB" abgeht. Man muss in die verständnislosen Teenie-Fan-Gesichter dort sagen: "Ich würd da nicht reingehen." Prompt kommt die Antwort: "Hey, quatsch nich, ey. Die machen disch berühmt. Und wennste gut bist, kommste sogar zum Stich."

Das sich rhythmisch bewegende Duo Daniela und Karim hat es bewiesen. Jedes grobkörnig-infrarote Bettdeckengeraschel der beiden wurde dutzendfach wiederholt. RTL hat dafür die so genannte Info- und Magazin-Schiene von "Punkt 12" bis "Explosiv". Deren Aufgabe ist es neuerdings, das Wenige, was passiert, als künftige Möglichkeit und Appetithäppchen zu potenzieren.

Das dient nicht nur dazu, auf die gerade laufende Show aufmerksam zu machen. Es soll aus den dortigen Akteuren "Stars" machen. Nur Stars verkaufen CDs, Bücher und Baseballkappen. "BB" ist eine Art Homeshopping-Show geworden, in der die Kandidaten nur mehr Präsentatoren des vorauseilenden Merchandising sind. Vielleicht sollte man die nächste Runde ganz in die Bettenabteilung eines Kaufhauses verlegen.

Aber "Stars" wie Hanka, jene ostdeutsche Abrissunternehmerin, die in der zweiten Staffel nur die Hexe mit den roten Strähnchen war, werden nicht dadurch anbetungswürdiger, dass sie nun von einer Gameshow zum nächsten Friseurtermin gehetzt werden.

Wer kann sich noch an Despina erinnern? An den stillen Thomas? Oder an Verena, die es auch mal erfolglos mit einer Platte probierte? Alle weg.

"Die Kids haben begriffen, dass die alle nicht mehr unbeschwert vor der Kamera agieren, sondern nur noch berühmt werden wollen", sagt Uli Weissbrod, Chefredakteur des Zentralorgans "Bravo". Jede Woche lässt er 1000 Leser nach deren Lieblingssendungen befragen. "BB" rutschte in der Lesergunst schnell ab.

Dennoch erklärt RTL II seit bald drei Monaten den Weg zum Ziel und nennt diesen real existierenden Show-Schwachsinn "Popstars". Akteure: ein paar tausend hungrige Teens, die der Traum eint, die deutschen Spice Girls zu werden. Woche für Woche wurden die Fortschritte gezeigt: von den Castings bis zur nun kompletten Girlie-Band, die auch eine CD hat, aber noch keinen Erfolg. Niemand kennt die Damen. Und niemand braucht sie.

Es klappt einfach nicht. Eine Zlatko GmbH lässt sich nicht planen. Und der Sex? "Ist beim Echte-Leute-Fernsehen nicht der Quotenbringer", ahnt RTL-Sprecherin Ingrid Haas. Langsam erkennt ihr Sender, dass die Kernzielgruppe von "BB" wie auch von Seifenopern junge Frauen sind. Und die stößt das aufwendig arrangierte Gefummel eher ab.

"Girlscamp"-Aufseher Dieter Zurstraßen möchte in den nächsten Folgen "mehr auf authentisches Miterleben" setzen. Küchengespräche statt Fleischbeschau? Bisher war das einzig Authentische in seinem Zehn-Mäderl-Haus die peinliche "Traummann"-Beichte von Kandidatin Claudia, 19: "Ich stehe auf diesen arischen Typ: groß, blond, blauäugig." Das solle aber nicht irgendwie rassistisch klingen oder so. Nein, allenfalls ziemlich bekloppt.

Anfangs war all die vermeintliche Authentizität ein Ereignis, das "Event-TV" genannt wurde. Nun ist es eine Inflation, die Trend heißt, sich aber bereits selbst kannibalisiert. Der Voyeurismus, den die Sender noch bieten, ist ein Missverständnis. Der Exhibitionismus, zu dem die Kandidaten bereit sind, ebenso.

Missverstanden fühlt sich vor allem der Zuschauer, der seit "Girlscamp" nicht mal mehr ab-, sondern gar nicht erst einschaltet. Vielleicht entdeckt er das eigene Leben wieder. Kommt übrigens echt gut ­ garantiert Realtime und in 3-D-Qualität.

OLIVER GEHRS, THOMAS TUMA

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