Horst-Eberhard Richter exklusiv für SPIEGEL-ONLINE
Es ist Mode, Generationen psychologisch zu porträtieren, etwa die Kübelwagen-Generation, die Flakhelfer, die 68er, die 89er. Dann gibt es Versuche, - die Philosophen Eduard Spranger und Carl Jaspers hatten damit angefangen - "die geistige Situation einer Zeit" zu beschreiben.
Neuerdings studiert man den Wandel von Befindlichkeiten und sozialen Einstellungen der Bevölkerung mit periodischen psychologischen Befragungen. Dabei kommt in der Tat heraus, dass die Menschen von Zeit zu Zeit anders fühlen und denken. Jede Etappe produziert einen eigenen Zeitgeist und erkürt Leitfiguren, die diesen in hervorragender Weise repräsentieren.
Boris Becker ist eine dieser Figuren, markanter Idealtypus der Schlussetappe des 20. Jahrhunderts, aber, wie es aussieht, weniger passend für eine Hauptrolle in dem Stück, an dem eine neue Epoche gerade schreibt.
Noch gibt er den Ton an: Boris Becker
Boris, wie er leibt und lebt. Keiner machte wie er mit diesen Eigenschaften vor aller Augen eine einzigartige Star-Karriere. Nicht dass er auf dem Tennis-Court oft die Beherrschung verlor, seinen Ärger ungestüm abreagierte und mit den Schiedsrichtern haderte! Gerade weil er seinen Emotionen derart freien Lauf ließ, eroberte er die Herzen der Massen.
So wird man die Alten los
Mit forschem Eigensinn machte er der jungen Ich-Generation vor, wie man die bevormundenden Alten los wird - so wie er erst den treu sorgenden Trainer Bosch, dann seinen Instruktor und Manager Tiriac kühl abservierte.
Auch die Art seiner Siege passte zum neuen Zeitgeist: Kein langes Hin und Her, sondern Kanonenaufschlag - ans Netz, Volley, Bum, aus. Was machte es, dass er auf den langsameren Sandböden den wendigeren Tenniskünstlern regelmäßig unterlag. Auf den schnellen Belägen, wie in seinem Wohnzimmer Wimbledon, schoss er sie - so der Fachjargon - fast alle ab.
Stich machte er nieder
Stich von Becker geschnitten
So geziemt es sich für den Helden der Ich-Gesellschaft: heroische Einsamkeit mit einem durch die Idealisierung von Millionen aufgeblähten Ego - eine massenpsychologische Wechselwirkung, wie sie schon Sigmund Freud 1921 in "Massenpsychologie und Ich-Analyse" skizziert hatte. Die Lichtgestalt absorbiert das Ich-Ideal der Massen. Irgendwann fängt der Gefeierte an, sich damit zu verwechseln, was man in ihn hineinsieht. Was ihm auch alles an höheren Gaben, allein schon an Erwachsenheit fehlen mag, - er wird für sich und die anderen der Größte, der "moderne Siegfried", wie ihn der Soziologe Haase taufte.
Keinerlei Selbstzweifel
Längst scheint er tatsächlich von keinen hemmenden Selbstzweifeln mehr angekränkelt. Es ist schon beachtlich, wenn er in einem Interview immerhin zubilligt, nicht der einzige "Botschafter des neuen Deutschland" zu sein. Gern redet er von sich in der dritten Person, als besichtige er sich von außen aus der Perspektive seiner Kult-Gemeinde. Selbst die eitelsten Medien zehren von seinem Ikonen-Image. Und die mächtigsten Konzerne wetteifern um seine Gunst für ihre Werbefeldzüge.
Noch Mitte der neunziger Jahre bescheinigte die nächste Gießen-Test-Umfrage den Westdeutschen, dass sie sogar in gesteigertem Maße noch immerfort beim Tanz um das goldene Kalb ihres Ichs verweilten: Individualistische Selbstverwirklichung obenan, abgekühlte soziale Gefühle, noch weniger Anteilnahme an den Sorgen anderer. Unverändert also spiegelte der triumphale Egozentriker Boris Becker genau den Zeitgeist.
Ein Grund für die Journalisten, seine allmählich spärlicheren Siege auf dem Court um so blumenreicher zu loben. Die Heirat von Babs hatte das Publikum einen Moment den Atem stocken lassen. Aber schnell war alles wieder gut, als sichtbar wurde, dass die Angetraute den Gatten offenbar nicht der Power beraubte, zumindest noch die Vorrunden der großen Turniere zu bestehen. Staunend hörte man ihn die neue Ehe gar "etwas Heiliges" nennen. Konnte man das glauben? Aber es war schon wunderbar, es nur zu hören.
Symptome infantiler Hilflosigkeit
Doch nun das bedrückende banale Ende der Geschichte. Dazu die exhibierte Besenkammer-Affäre mit allen unappetitlichen Details à la Clinton. Das gestreute Gerücht von dem mafiösen Komplott des "Samenraubs". Die entwürdigende Bloßstellung der Mutter seiner neuen Tochter. Dann die Scheidung als öffentliches Trauerspiel mit allen Symptomen infantiler Hilflosigkeit. Ein Vater, der immer nur von seinen und nicht von unseren Kindern redet. Ein Mann, der seine Trennungen - jetzt von seiner Frau wie früher von seinen Partnern - als biologische "Häutungen" erklärt, als wäre es nur selbstverständlich, dass die im Stich Gelassenen sich automatisch mithäuten sollten.
Becker nach der Trennung
Beckers Beliebtheit wird schrumpfen
Der neue Trend geht in die Richtung: weniger soziale Distanz, weniger Rivalisieren, dafür mehr Verlässlichkeit und Loyalität im Zusammenleben. Zum sich abzeichnenden neuen Leitbild passt also nicht mehr der sich locker häutender Egoist, sondern der Beziehungsmensch, der sich bindet und seine Versprechen einhält.
Der erkennbare Wandel verläuft natürlich nicht sprunghaft. Das dauert. Wenn er aber anhält, wonach es aussieht, wird er die Sympathie-Werte einiger Massen-Lieblinge von ausstrahlender narzisstischer Großartigkeit schrumpfen lassen, zum Leidwesen mancher Medien und Werbeagenturen, denen die voyeuristische Lust gerade an solchen Figuren ideal ins Geschäft zu passen pflegt. Aber vorerst wird noch vieles getan werden, um die etablierten grandiosen Zugnummern hochzuhalten.
Boris und Barbara
Trotz aller sich wandelnden Strömungen und Moden pflegen viele an ihren Idolen festzuhalten, die sie sich einmal als Stütze ihres Selbstwertgefühls einverleibt hatten. So wird es eine ewige Becker-Gemeinde geben. Andere aber werden sich vielleicht wieder deutlicher an vergleichbar erfolgreiche, aber weniger mythisierte Tennis-Champions erinnern, wie an die einzigartige Stefanie Graf oder an den ebenso großen wie bescheidenen Gottfried von Cramm.
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