Von Christoph Schäfer
Frankfurt am Main - Schimpansen gelten als extrem gesellig. Doch seit dem Tod seiner Partnerin Kilo vor drei Jahren ist Toto mutterseelenallein. Der 45-jährige Schimpanse vereinsamt zusehends. "Nachdem er allein war, wurde er zunächst apathisch, dann suchte er den Kontakt mit Zoobesuchern und den Tierpflegern. Er wird von ihnen gekrault und sie reden viel mit ihm. Trotzdem kann das einen echten Artgenossen natürlich nicht ersetzen", sagt der stellvertretende Zoodirektor Rudolf Wicker.
Deshalb habe die Leitung des Zoos auch direkt nach dem Tod von Totos Partnerin angefangen, eine angemessene Unterkunft für den Schimpansen-Opa zu suchen. "Wir haben keinen Zoo in ganz Europa ausgelassen, der in Frage kommt. Doch erstens sind alle Zoos sehr beengt, und zweitens würde es sich niemand antun, ein älteres Schimpansenmännchen in eine funktionierende Gruppe zu integrieren", bedauert Wicker. In der neuen Gruppe würde Toto von den jüngeren Schimpansen-Männern angegriffen werden, die "von der neuen Konkurrenz in Sachen Fortpflanzung gar nicht begeistert wären".
Damit Toto seinen Lebensabend trotzdem nicht weiter allein in seinem 30-Quadratmeter-Käfig verbringen muss, will ihn die Zoodirektion in etwa sechs Wochen nach Afrika in die sambische Auffangstation Chimfunzi bringen lassen. Dort leben bereits 80 Schimpansen in unterschiedlichen Gruppen. Zudem bietet die Auffangstation nach Aussage Wickers optimale räumliche und klimatische Bedingungen.
Auf seinem Flug nach Sambia wird Toto von seinem alten Pfleger Carsten Knott und einem Tierarzt begleitet. Beide bleiben in den ersten zwei Wochen bei ihm, um ihm die Zeit der Umstellung zu erleichtern. "Und dort bleibt Toto dann auch die nächsten fünf, zehn oder fünfzehn Jahre bis zu seinem Lebensende", sagt Knott. Der Zoo hat in Sambia extra ein circa 600 Quadratmeter großes Gehege für Toto bauen lassen. "Mit Anschluss an andere Gruppen", betont Knott. Toto könne seine Artgenossen sehen, hören, riechen - und vielleicht sogar noch einmal Anschluss an eine Gruppe finden.
Für die Flugtickets für den Schimpansen und seine zwei Begleiter und für sämtliche Kosten, die in Sambia anfallen, kommt der Frankfurter Zoo auf - bis an Totos Lebensende. Dennoch hat sich der Tiergarten mit der Umsiedelung Totos nicht nur Freunde gemacht. Die "Bild"-Zeitung mutmaßt, Toto solle "ausgewildert werden", um Platz für ein neues Menschenaffenhaus zu schaffen.
Seither rufen stündlich empörte Bürger bei Pfleger Knott an. Der versichert, von Auswilderung könne keine Rede sein: "Toto auszuwildern wäre völlig absurd. Totaler Quatsch. Wir wollen Toto nur umsiedeln, weil er hier immer passiver wird und schlichtweg eingeht."
Berichte über Totos Schicksal in der Frankfurter Presse haben auch besorgte Tierfreunde auf den Plan gerufen: Sie bieten dem ausgewachsenen Schimpansen Asyl an - in ihrer Wohnung.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH