Am nettesten waren noch die Leute auf der Bank in Radolfzell. Sie hatte vorher ja nicht mal ein eigenes Konto. Wenn Frau Grabherr die glücklichsten Momente ihres Lebens einordnen müsste, dann gehörte der Tag der Überweisung "nach ganz oben".
Plötzlich war sie da: die Eins mit sechs Nullen auf dem Konto.
Aus der Küche grunzt Edgar Unverständliches. Er muss erst übermorgen wieder zur Schicht. Sieben Tage in der Schweiz. Drei Tage zu Hause. "Millionen-Marlene" hat viel Zeit.
Der Küchentisch ist übersät von einem Berg ausgefüllter Kreuzworträtsel. Sie tippt Lotto, bekam aber schon mal für fünf Richtige nur ein paar hundert Mark. Beim Telefonspiel einer Show von Frank Elstner hat sie vor Jahren 10 000 Mark gewonnen.
Sie sieht überhaupt viel fern. Eigentlich den ganzen Tag. Die ganze Woche. Auf dem Tisch liegen zwei Programmzeitschriften, daneben drei Fernbedienungen für Videorecorder, Pay-TV-Decoder und den mattschwarzen TV-Container, den sie schon vor dem großen Reichtum gekauft hat.
Neulich hat sie sich eine brillantbesetzte goldene Armbanduhr gegönnt, die sie aber nicht beim Juwelier sah, sondern im Versandhauskatalog, auf dessen Segnungen sie noch leidenschaftlicher schwört, seit sie eine öffentliche Frau geworden ist. Rausgehen bedeutet Erkanntwerden. Erkanntwerden ist nicht immer schön.
Gab schon genug Ärger. Mit der Verwandtschaft zum Beispiel. Zweiter Mann ihrer Mutter. Böse Geschichte. Dieser plötzliche Neid. Will sie lieber nicht mehr drüber reden, wie die ihr zugesetzt haben. Seither herrscht auch an der Familienfront Funkstille.
Oder als ihr unterstellt wurde, sie sei in jungen Jahren ein Mann gewesen und habe sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen. Genaues weiß Frau Grabherr nicht, müssen aber Nachbarn gewesen sein. "Da lauern die Neider", lauerte "Bild" mit, der sie davon erzählt hatte wegen Medien-Einmaleins und so. Aus der Küche dröhnt Edgars Raucherhusten.
Demnächst ziehen die Grabherrs aus der Mietwohnung aus. Zehn Kilometer weit weg in ein Fertighaus, das mit dem 471-Quadratmeter-Grundstück 472 000 Mark kostete. Der Rest wurde angelegt. Festverzinslich. Ein paar Aktien. Edgar hustet wieder, und es klingt wie "So viel ist eine Million eben auch nicht".
Nach Las Vegas würde "Millionen-Marlene" auf jeden Fall noch gern. Vielleicht zeigt sich RTL noch mal spendabel. Die restlichen Träume hängen ausgeträumt über der Couch. Es wird sich nichts ändern: Edgar wird weiter husten und Schicht arbeiten. Sieben Tage weg, drei Tage da. "Millionen-Marlene" wird weiter fernsehen. Ihr Leben hat nur ein paar Nullen mehr.
Am Abend kommt auf RTL "Hinter Gittern", diese Frauenknast-Serie. Die schaut sie sich gern an. Warum? Sie weiß nicht. So halt. Wie Jauch, der am Freitag wieder startet mit der neuen Staffel von "Wer wird Millionär?". Sie wird keine Folge verpassen.
Bingo glotzt argwöhnisch, als der RTL-Mann mit vorsichtigem Ja-dann-wolln-wirmal-wieder-Gesicht aufsteht. Draußen im Garten vertrocknet das Gemüse unter sengender Nachmittagssonne. "Millionen-Marlene" schwitzt.
Ihren neuen Alfa Romeo (190 PS) hat sie sich deshalb mit Klimaanlage gekauft. Das Ferrari-rote Monstrum mit dem Riesenheckspoiler steht kochend auf dem verwaisten Hof. Der Mercedes SLK, mit dem ihr Edgar neuerdings zur Schicht fährt, kühlt in der Garage. Es ist zwar kein Lamborghini, aber Angst vor Reifenschlitzern hat Edgar dennoch.
Wenn "Millionen-Marlene" so weitermacht, verliert sogar "Bild" bald das Interesse an ihr. Sie bittet darum, dass die Nummernschilder auf Fotos nicht zu erkennen sind und der Ortsteil von Gottmadingen nicht genannt wird, in dem sie lebt. Medien-Einmaleins und so.
Der Grabherr-Beauftragte von RTL wirkt erleichtert. Die Haustür seiner Gewinnerin ist wieder zu, bevor der Besuch vom Hof fährt. Eher unwahrscheinlich, sagt er, dass sein Sender noch den Las-Vegas-Urlaub sponsert.
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