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04.12.2001
 

Der amerikanische Taliban-Kämpfer

Von Malcolm X zu den Gotteskriegern

Als Jugendlicher trat John Walker zum Islam über. Seine Faszination für die Religion führte ihn schließlich zu den Taliban. Für die Gotteskrieger griff er sogar zur Waffe.

John Walker alias Abdul Hamid: Freiwillig zu den Taliban
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AP

John Walker alias Abdul Hamid: Freiwillig zu den Taliban

Washington - Während sich andere Jungen seines Alters mit Fußball und Autos beschäftigten, schmökerte John in seinen Büchern und setzte sich mit den Weltreligionen auseinander. Der junge Mann, der als Katholik erzogen worden war, den seine Eltern jedoch dazu ermutigten, seinen eigenen spirituellen Weg zu gehen, studierte sie alle: Buddhismus, die indianische Religion, Hinduismus.

Als der Islam sein Herz und seine Seele eroberte, machte er sich auf zu einer Reise, die erst am Wochenende endete, als er in Nordafghanistan als Kämpfer der Taliban gefangen genommen wurde.

John Walker, der sich selbst Abdul Hamid nannte, wurde am Dienstag als einer derjenigen Taliban-Kämpfer identifiziert, die sich in der Stadt Masar-i-Scharif in einem Tunnel des dortigen Gefängnisses verbarrikadiert hatten, berichtet die "New York Times". Nach tagelangen Gefechten, bei denen Hunderte Soldaten getötet wurden, verließen die Taliban fluchtartig den Tunnel, als dieser schließlich geflutet wurde.

Bis Johns Eltern ihren 20-jährigen, erbärmlich aussehenden Sohn Sonntag Nacht im amerikanischen Fernsehsender CNN wiedererkannten, hatten sie nicht die leiseste Ahnung, wo er sich aufhielt - auch nicht, ob er überhaupt am Leben war.

Das religiöse Kind

John wurde in Washington geboren, verbrachte seine Kindheit aber in den Vororten von Maryland. Damals war Vater Frank Lindh im Justizministerium tätig, Johns Mutter arbeitete als Pflegekraft, die Patienten zu Hause betreute. John war das mittlere von drei Geschwistern. Seine Eltern nannten ihn nach ihrem großen Idol John Lennon. Seine Erziehung , so beschreibt es eine Freundin der Familie, sei "intellektuell privilegiert" gewesen. 1991, als John zehn Jahre alt war, zog die Familie schließlich ins begüterte Marin County, wo der Junge eine Schule besuchte, die als alternative Einrichtung für "motivierte, selbstbewusste" Schüler galt.

In Marin County war John als das stille, religiöse Kind bekannt, das mit den anderen nicht spielte. Mit 16 wurde John Muslim. Ausschlaggebend dafür, berichtet sein Vater heute, sei die Biografie von Malcolm X gewesen. Das Buch habe seinen Sohn stark verändert. Seine Mutter Marilyn Walker, eine Buddhistin, und er, der Katholik, hätten John bei seiner Entscheidung unterstützt.

Keine Mädchen, kein Alkohol

Sie seien zwar etwas beunruhigt gewesen, jedoch sei John intellektuell immer auf der Höhe gewesen und habe einen wundervollen Humor besessen. Das habe sich auch nach seinem Übertritt zum Islam nicht geändert. "Er war sehr fromm und nahm seine Studien sehr ernst.", sagt Vater Lindh. "Er war sehr keusch, ohne Mädchen und ohne Alkohol."

In dem islamischen Center, das John besuchte, waren die meisten Muslime Indianer. Auf Grund seiner Überzeugungen wechselte er damals seinen Namen in Suleiman al-Lindh und überzeugte seine Eltern, ihn auf eine islamische Schule im Jemen zu schicken.

Zwei Jahre später, im Februar 1999, besuchte John seine Eltern zu Hause und erzählte ihnen, dass er vorhabe, in die Vereinigten Staaten zurückzukommen. Er wolle dort eine medizinische Ausbildung machen und regelmäßig nach Pakistan reisen, um dort seinen spirituellen Weg fortzusetzen und den Armen zu helfen.

Befreundete Muslime berichten, John habe Marin County, das für seine progressive Politik und seine Millionäre bekannt ist, verlassen, weil er dort keine Möglichkeiten sah, den Islam angemessen zu praktizieren. "Er wollte seine Heimat verlassen und in einem islamischen Land leben", berichtet Abdullah Nana, der damals seinen minderjährigen Freund zur Moschee fuhr und heute sagt, er sei nicht erstaunt gewesen, als er gehört habe, John habe sich den Taliban angeschlossen.

Die letzte E-Mail

Wie der junge Muslim von seinem eigentlichen Weg schließlich abkam, ist nicht klar. Seine Eltern verloren im Mai dieses Jahres den Kontakt. Das vorerst letzte Lebenszeichen war eine E-Mail, die er aus dem Nordwesten Pakistans schickte, wo er an einer islamischen Schule studierte. Damals kündigte er an, er werde irgendwo hingehen, wo es im Sommer etwas kühler sei. Ihm war nicht klar, sagt Vater Lindh, dass sein Sohn sich in Afghanistan aufhielt.

"Wir dachten, er sei die ganze Zeit in Pakistan gewesen", berichtet er. Nach dem 11. September sei er mit dem Foto seines Sohnes zu den Moscheen in der Umgebung gegangen, um etwas herauszufinden. Keiner habe jedoch etwas gewusst.

"Wir wollen John jetzt auf der Stelle sehen", sagt Johns Vater. "Er hat eine schreckliche Tortur hinter sich." Die Eltern des jungen Taliban-Kriegers, die seit drei Jahren getrennt leben, beraten nun mit dem FBI und anderen offiziellen Stellen, wie sie schnellstmöglich zu ihrem Sohn gelangen können. Bekannte und Freunde berichten, beide Elternteile seien am Boden zerstört angesichts des Zustandes, in dem sich ihr Sohn befindet, und angesichts seiner Zugehörigkeit zu den Taliban. Mutter Walker habe John seit Monaten verzweifelt gesucht. Nachdem bekannt wurde, dass der 20-Jährige in den Reihen der Gotteskrieger gekämpft habe, erhalte die Familie Morddrohungen. John selbst erklärte am Wochenende im Fernsehsender CNN, dass er den Taliban als Freiwilliger beigetreten sei. Nachdem er ihre Bewegung studiert habe, habe sein Herz an ihnen gehangen. Er sei, so der 20-Jährige, in einem Trainingscamp gewesen, in dem mehrere Male auch Osama Bin Laden aufgetaucht sei.

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