Von Henryk M. Broder
Wenn man an so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit glaubt, dann kann einen das Schicksal von Uschi Glas nicht wirklich überraschen. Seit über 30 Jahren spielt sie die perfekte Hausfrau, die makellose Mutter, die tadellose Berufstätige, mal in der bayerischen Provinz, mal unter karibischer Sonne. Immer gut gelaunt, picobello angezogen und ohne ein Gramm Übergewicht rollt sie durch eine Inszenierung, der sogar Mutter Teresa auf die Dauer nicht gewachsen wäre.
Denn hinter der Fassade aus totalem Glück und ewiger Unschuld warten immer Abgründe darauf, entdeckt zu werden. Was in einem Groschenroman ein Klischee wäre, das ist im wahren Leben die Wirklichkeit, und nun ist die Wirklichkeit auch in das Leben von Uschi Glas eingebrochen: plötzlich und unerwartet, aber eben nicht unverdient.
Eine Woche lang hat die "Bild"-Zeitung mit der Affäre getitelt, mal aus der Sicht von Uschi, mal aus der Perspektive ihres Mannes Bernd Tewaag. Nach und nach wurden die Kreise weiter gezogen, bis endlich auch Klausjürgen Wussow zu Wort kam und Uschi den Rat "bitte, hör auf!" gab, womit es der eingebildete Klinikarzt nicht nur auf die Titelseite der "Bild", sondern auch ins RTL-Magazin "Extra" schaffte. Vorgestellt als "einer, den keiner gefragt hatte", nannte er die Kollegin "zu dünn und zu zickig" und lieferte eine messerscharfe Analyse der Situation: "Da ist irgendwas gelaufen, was nicht stimmte."
Ja, treffender hätte es nicht einmal der Psychoanalytiker Horst E. Richter sagen können. Nur muss der Satz im Präsens statt im Perfekt stehen. "Da läuft irgendwas, was nicht stimmt." Während im seriösen Feuilleton eine Debatte über die Frage tobt, ob man Berlin-Brandenburg "Preußen" nennen soll, obwohl es auf absehbare Zeit zu keiner Zusammenlegung von Berlin und Brandenburg kommen wird, die ganze Debatte ebenso überflüssig wie irreal ist, wird im bunten Teil des Infotainments die Trennung von Uschi und Bernd vorweggenommen. Die einen kommen nicht zusammen, die anderen bleiben es nicht.
Rudolf und Jutta Scharping (1995): "Was macht eigentlicht...?"
Am vorläufigen Ende der nach unten offenen Skandal-Skala wuseln dann die Dani und ihr Karim herum, die allen RTL-Zuschauern mitteilen müssen, dass sie doch noch zusammen bleiben, obwohl der Karim die Dani mit einer Stripperin betrogen hat, die ihrerseits aus einer Table-Dance-Bar ins Fernsehen umgezogen ist.
Haben wir es hier mit Exhibitionisten zu tun, wie sie früher in Parks und Fußgängerzonen lauerten, um vorübergehende Passanten zu erschrecken? Nur mit dem Unterschied, dass in der ehemaligen Männerdomäne inzwischen auch Frauen mitmischen? Die demonstrative Lust, mit der Promi-Frauen bei Vagina-Monologen über ihre Intimzonen Auskunft geben, spricht für diese Annahme, auch wenn es für den kriminaltechnischen Begriff "Gliedvorzeiger" kein weibliches Gegenstück gibt.
Jenny Elvers und Alex aus der BB-Kiste: Kein weibliches Gegenstück zu "Gliedvorzeiger"
Die Träger des Phänomens sind Mutanten, ständig auf der Jagd nach dem Rohstoff ihres Lebens. So wie Zuckerkranke täglich ihre Dosis Insulin benötigen, brauchen sie die Öffentlichkeit. Und wie Vampire, die bei Anbruch der Dämmerung ihre Verstecke verlassen, gehen auch die Mutanten meist am späten Nachmittag und frühen Abend auf die Piste - zuerst bei "Blitz", dann bei "taff", etwas später bei "exclusiv" und "explosiv", schließlich bei "extra" und "akte 02", manche beenden die Tour erst bei Stefan Raab oder Harald Schmidt.
Deswegen mögen Mumien wie Klausjürgen Wussow keine Gelegenheit verpassen, auch wenn sie nur als Kommentatoren fremden Unheils kurz auf die Rampe dürfen. Nur wer im Fernsehen vorkommt, lebt noch. Alle übrigen warten darauf, eines Tages in der "Stern"-Serie "Was macht eigentlich...?" vorgeführt zu werden.
Ab und zu allerdings gibt es doch noch einen Funken richtigen Lebens im falschen Film. Dass sich ein älterer Mann in eine jüngere Frau verliebt, ist so banal wie nachvollziehbar. Dass es eine Würstlverkäuferin sein musste, zeigt nur, wie das Sein den Schein besiegen kann. Da hat einer keine Lust mehr auf die Aids-Galas und die Bambi-Feiern, die Charity-Bälle und die Luxus-Kreuzfahrten. Er will mehr vom Leben haben als die übliche Doppelseite in der "Bunten". Ein Stück echten Leberkäs und eine Wurst, die nicht im Diätplan stehen. Das Leben kann so schön sein.
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