Sie spielten die Profis in einem Guerrillakrieg, den sie mit "frühreifer Raffiniertheit" ("Time") planten und umsetzten. Ihr Waffenarsenal darunter Schnellfeuergewehre, kurzläufige Revolver, eine Magnum sowie eine doppelläufige Derringer-Pistole hätte gereicht, einen Sabotagetrupp der "Special Forces" auszurüsten. Einsatzziel: die Westside Middle School, Jonesboro, US-Staat Arkansas. Angriffstermin: 12.35 Uhr. Einsatzsignal: die Feueralarmklingel.
Wie erwartet, flohen die Kinder auf den Schulhof, 90 Meter von der Stellung der mit Tarnanzügen bekleideten Schützen entfernt für diese Veteranen ein Kinderspiel. Sie waren auf dem Schießplatz gedrillt worden. Immer wieder dieselbe Prozedur entsichern, durchatmen, den Abzugshebel sanft durchdrücken, den Rückschlag abfedern, Treffer. Andrew Golden und Mitchell Johnson kannten sich aus im Schießkrieg. Der eine war 11, der andere 13 Jahre alt, beide treffsicher: 14 Mädchen, die das Tack, tack, tack als das Geknall von Feuerwerkskörpern mißdeutet hatten, brachen unter den 22 Schüssen zusammen. Eine Lehrerin, die eines ihrer Mädchen mit ihrem Körper schützen wollte, wurde tödlich getroffen, ebenso wie vier der Kinder, 11 und 12 Jahre alt.
Die Kugeln der Kid-Killer trafen die Seele, die Selbstgefälligkeit Amerikas, das mit den Börsenkursen fieberte und sich an der Penis-Power des Präsidenten erregte. Nicht irgendwelche dunkelhäutigen "wetbacks", illegale Einwanderer aus Mexiko, oder crackumnebelte Nichtsnutze aus schwarzen Ghettos, nein, Kinder aus dem weißen, heilen Amerika waren zu Mördern geworden. Und dazu noch in einem Flecken, in dem Alkohol öffentlich nicht serviert wird und die Bürger kaum einen Gottesdienst versäumen. Doch von ihren Waffen (von denen in den USA etwa 235 Millionen privat gehortet werden) wollen diese Gerechten nicht lassen.
Sechs Jahre alt war Andrew Golden, als ihm der Weihnachtsmann das erste Gewehr brachte. Die Mutter von Mitchell Johnson bildete ihren Kleinen selbst zum Schützen aus. Väter und Söhne testen gemeinsam das Schießzeug, als hätten sie es mit elektrischen Eisenbahnen zu tun. Sie verweisen auf die Verfassung, ihre Rechte auf Selbstverteidigung, die Tradition, die Jagd und ihre Überzeugung, wonach bei einer kollektiven Entwaffnung nur noch die Verbrecher schießen könnten.
Kein Wort gilt den Kids, die immer häufiger ihre Wut, Isolierung oder psychopathischen Wahn über ihre Waffen entladen, an Schulen unter anderem in Pearl (Mississippi), West Paducah (Kentucky), Jonesboro (Arkansas), Springfield (Oregon) Orte ohne Geschichte, in der Mehrheit von Weißen bewohnt.
Mitleid für die knapp 20 000 Bürger, die jährlich in Amerika ermordet werden, hält sich in Grenzen, weil es meist die anderen waren, die Verlierer. Bis eben Kids ihre Klassenkameraden ins Visier nahmen, immer öfter.
Rund 6000 Kinder wurden im vergangenen Jahr von den Schulen verwiesen wegen illegalen Waffenbesitzes. Von den 52 Millionen US-Schülern sind nahezu eine Million mindestens einen Tag bewaffnet in die Klassenzimmer getreten, die Mehrheit war weiß und nahm Drogen. Der vom Erziehungsministerium im März veröffentlichte Bericht "Gewalt in den öffentlichen Schulen 1996/97" registrierte 4000 Vergewaltigungen, 7000 Raubüberfälle sowie 11 000 Konfrontationen, wie etwa Auseinandersetzungen mit Waffen.
Auch Kipland Kinkel, 15, war ein Waffennarr, dem die Eltern ein "Ruger"-Schnellfeuergewehr anvertrauten, obwohl der Junge zu Depressionen neigte und bereits angeklagt war, weil er von einer Brücke Steine auf fahrende Autos gekippt hatte. Einen Tag nachdem er wegen Waffenbesitzes von der Thurston High School in Springfield, Oregon, verwiesen worden war, trat der Junge morgens kurz vor acht Uhr in die Cafeteria. Wahllos schoß er um sich: 24 Kinder wurden verletzt, zwei davon starben.
Kinkels Eltern waren Lehrer, respektiert, sozial engagiert. Die Kripo eilte nach der Tat zu ihrem Haus. Die Polizisten wollten Antwort auf die Frage, die sich die Nation nach jedem solchen Drama stellt: Warum? Zu spät: Kipland Kinkel hatte am Abend zuvor Mutter und Vater getötet.
Mehr als 1,5 Millionen Amerikaner unter 15 sind, so das National Institute of Mental Health, schwer depressiv wie Kinkel. Sie werden gehänselt von Mitschülern, abgewiesen von Mädchen, verachtet wegen ihrer körperlichen Schwächen oder ihres Übergewichts. Isoliert und verbittert reagieren sich viele in brutalen Videogames ab oder trösten sich über ihre Ohnmacht mit Hollywood-Produktionen wie "Natural Born Killers", in denen die Hauptdarsteller das Töten zum Spaß stilisieren. Vom Bildschirm zur Realität ist es dann nur noch ein kleiner Schritt, denn ein Kind kann sich in den meisten US-Bundesstaaten leichter eine Waffe besorgen als eine Flasche Bier.
Statt endlich Waffengesetze zu erlassen, die in anderen zivilisierten Ländern selbstverständlich sind, ergeht sich Amerika ebenso routiniert wie scheinheilig in Trauer, wenn mal wieder ein Kind gemordet hat. Es gibt Ansprachen, Aussprachen, Solidarität, kostenlose Grabstätten, Blumengebinde auf dem Schulhof, Tränen und Gottesdienste, in denen der Vater des Killers gemeinsam mit den Eltern der Opfer zum Gebet auf die Knie fällt all das zur besten Fernsehzeit.
Nach jedem Attentat werden neue Gesetzentwürfe debattiert: Kinder, die auf dem Schulgelände mit einer Waffe entdeckt werden, sollen etwa fortan 72 Stunden festgesetzt und psychiatrisch untersucht werden. Oder: Die Abzugshebel von Waffen sollen kindersicher gemacht werden.
Feine Ideen, aber: Gut ausgebildete Schieß-Profis wie die Kinder Mitchell und Johnson werden sich durch solche Spielereien kaum irritieren lassen. Angehörige von Opfern wollen jetzt die verklagen, die aus dem Wahnsinn Profit schlagen: die Waffenhersteller.
Helmut Sorge
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH