Von Michael Sontheimer, London
Elizabeth II.: Seit 50 Jahren im Amt
London - Mittag für Mittag drängen sich Hunderte von Schaulustigen am schmiedeeisernen Zaun um den Buckingham Palace im Zentrum der britischen Hauptstadt. Mit Kameras aller Art bewaffnet warten sie vor der Londoner Residenz der Queen darauf, dass die unter Mützen aus Bärenfell-Imitat schwitzenden Irischen Garden zur Wachablösung aufmarschieren: Changing of the Guard.
Bei den Schaulustigen des mit Tschingderassabumm akustisch untermalten Rituals handelt es sich durchweg um Touristen; die Londoner eilen ungerührt an dem Spektakel vorbei. Die Briten gelten nicht zu Unrecht als ruhige, vernunftbegabte Zeitgenossen, und diese Eigenschaften prägen auch ihr Verhältnis zur Monarchie.
Glaubt man den Demografen und ihren Umfragen, so haben die Untertanen Ihrer Majestät einen ausgesprochen abgeklärten Blick auf die Windsors. Für die notorische Familienquerelen der "Firma", wie Prinz Philip seine Sippe titulierte, interessieren sich nur weniger als ein Drittel; fast ebenso viele finden die Kabale der TV-Cartoon-Familie "The Simpsons" interessanter.
Abgehoben, abgeschafft
Die Mehrheit hält die Royals für abgehoben vom Leben gewöhnlicher Menschen auf der Insel, findet zwar die Monarchie keine schlechte Sache, aber rechnet dennoch damit, dass sie in 50 Jahren abgeschafft sein wird. Was bei den Umfragen besonders auffällt, sind die alterspezifischen Differenzen: Je jünger die Befragten, umso gleichgültiger sind ihnen die Royals.
Politischen Einfluss haben die ohnehin nicht mehr. Den haben die britischen Monarchen - um dem unschönen Schicksal ihrer französischen oder russischen Kollegen zu entgehen - immer mehr aufgegeben. Was bleibt, ist Repräsentanz, Symbolik und Nostalgie.
Doch auch dabei ist der Abstieg und Ansehensverlust der auf das Königtum von Wessex im 6. Jahrhundert zurückgehenden englischen und später britischen Monarchie unaufhaltsam. Mit der Queen Mother, der letzten Kaiserin von Indien und standhaften Patriotin im Zweiten Weltkrieg, sank die letzte Repräsentantin der großen Zeiten des Empire ins Grab.
Ihre Tochter Queen Elizabeth II. findet zwar allgemeinen Respekt dafür, dass sie bald 50 Jahre brav ihre Pflicht als Staatsoberhaupt tut, aber ansonsten wird die fanatische Tierfreundin für langweilig befunden. Ihr teilweise in Deutschland aufgewachsener Gatte Philip fällt höchstens durch dumme Sprüche mit rassistischem Unterton auf. Unlängst fragte er bei einem Staatsbesuch in Australien einen Vertreter der Ureinwohner: "Bewerft ihr euch eigentlich noch immer mit Speeren?"
Der umstrittene Prinz
Thronfolger Charles ist nach wie vor eine umstrittene Figur. Zwar konnte der mit seinen Pflanzen sprechende Prinz nach dem Ehe-Desaster mit Diana sein Ansehen wieder verbessern. Ob er aber die geschiedene Camilla heiraten und diese Prinzessin werden kann, bleibt sowohl unter Monarchieexperten als auch bei den Untertanen, die sich für solche Fragen interessieren, höchst umstritten.
Manche Briten sähen lieber gleich seinen ältesten Sohn auf dem Thron. Wie erst unlängst bekannt wurde, hatte auch ein einflussreicher Berater der Queen ihr auf dem Höhepunkt der Diana-Krise vorgeschlagen, Charles einfach zu überspringen und nach ihrer Abdankung oder ihrem Tod gleich Prinz William zum König krönen zu lassen. Die Queen jedoch lehnte diesen geradezu revolutionären Gedanken nach längerer Überlegung ab.
Zum Glück für William, der so noch ein paar Jahre vor sich haben sollte, in denen er nicht das öde Leben eines gekrönten Staatsoberhauptes fristen muss. Auch jetzt setzen ihm die Reporter und Fotografen schon genug zu. Als er unlängst einen Paparazzi aufforderte, ihn gefälligst in Ruhe zu lassen, tat er das mit einem schlichten "Fuck off".
Die Steuerverschwender
Das geziemt sich zwar in keiner Weise für einen Thronfolger, aber gefällt den meisten Briten. Sie meinen ohnehin, William sollte einen ordentlichen Beruf lernen, statt wie seine Großeltern dem Steuerzahler mit jährlich 7,2 Millionen Pfund (11,7 Millionen Euro) auf der Tasche zu liegen.
Gleichzeitig schätzen die Engländer - von Napoleon nicht ohne Grund als "Nation of Shopkeepers" verspottet - die Funktion der Windsors als Devisenbringer. Wer könnte besser ausländische Touristen auf die verregnete Insel locken - die dann vor dem Buckingham Palace die Irischen Garden belagern.
Auf die Jungs mit ihren roten Jacken und monströsen Mützen muss sich die Queen allerdings im Ernstfall nicht verlassen. Unter dem Buckingham Palast mit seinen 900 Räumen findet sich ein königlicher, atomsicherer Bunker.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH