Von Matthias Gebauer
Berlin - Schon am Donnerstag hatte der Berliner "Tagesspiegel" über die vermeintliche Terror-Spur in die Hauptstadt berichtet. Demnach habe der Berliner Staatsschutz im Oktober 2001 Ermittlungen wegen Terror-Verdachts eingeleitet, weil den Fahndern zwei verdächtige Flüge einer einmotorigen Cessna über einem Forschungsreaktor im südlichen Berliner Bezirk Zehlendorf im Oktober 2001 aufgefallen waren. Am Freitag dann schrieb das Blatt "Terrorverdacht bestätigt - al-Tawhid-Hauptverdächtiger forschte Hahn-Meitner-Institut aus" und behauptete, dass die Spur aus Berlin zu den jetzt festgenommenen Männern in Essen, Bayern und Sachsen geführt habe. Der Berliner Innensenator Ehrhart Körting bestätigte in einem Interview die Flüge, wollte jedoch keine Details nennen.
War also die jetzt im Ruhrgebiet ausgehobene Zelle um den 36-jährigen Mohammed Abu D. alias Jassir H. alias "Abu Ali"in Berlin aktiv? Wollten Terroristen versuchen, den Forschungsreaktor mit einem Flugzeug anzugreifen? Die beteiligten Staatsschützer wiegelten am Freitag jedoch energisch ab, die Zeitung habe Zusammenhänge "in den falschen Hals bekommen", so ein leitender Beamter aus dem LKA gegenüber SPIEGEL ONLINE. Eine Verbindung zwischen den beiden "zunächst rätselhaften Flügen" und der Essener Zelle habe man bis heute nicht ermitteln können. "Die Geschichte liest sich wie aus der 1002. Nacht", ärgerte sich ein anderer Ermittler über den Bericht.
Merkwürdige Flugbewegungen
Tatsächlich aber herrschte bei den Staatsschützern vom Landeskriminalamt im Oktober 2001 Alarmstimmung. Kurz nach den Anschlägen in den USA vom 11. September waren alle Landesbehörden beauftragt worden, jedes noch so verdächtige Detail aus ihrem Bereich weiter zu melden. Als dann die Meldung kam, dass am 6. und am 18. Oktober jeweils ein Kleinflugzeug für rund eine halbe Stunde zumindest nahe dem Hahn-Meitner-Institut in Zehlendorf gekreist war, wurden die Ermittler sofort aktiv. Nicht ohne Grund, denn in dem Institut befindet sich ein Forschungsreaktor, an dem Experimente mit radioaktiven Isotopen durchgeführt werden. Er enthält zwar nicht viel strahlendes Material, trotzdem gilt das Institut ausdrücklich und besonders nach den Anschlägen in den USA als sicherheitsrelevanter Bereich.
Die Ermittler recherchierten daraufhin die Piloten und eventuelle Begleiter. Beim ersten Flug gab es schnell Entwarnung, denn der deutsche Pilot führte Anfang Oktober routinemäßig Kartografierungsflüge durch, die angemeldet waren. Beim zweiten Flug am 18. Oktober aber wurden die Fahnder schnell misstrauisch, denn neben dem Leipziger Piloten der privaten, einmotorigen Sportmaschine saß ein arabischer Geschäftsmann aus Braunschweig. Grund genug für die Staatsschützer, um weiter zu recherchieren, ob der Mann nicht vielleicht Aufnahmen für eine Terror-Planung gemacht hatte.
Fotos von Golfplätzen statt Anschlagsplanungen
Die Spur erkaltete jedoch "recht schnell", wie ein Ermittler sagt. Bei einer Befragung gab der arabische Geschäftsmann an, dass er bei den Flügen Golfplätze fotografieren wollte. Das belegten nach Aussage der beteiligten Ermittler auch die Filme, die das Landeskriminalamt am gleichen Tag aus seiner Kamera zog. Auf den Fotos sind weder das Institut mit dem Reaktor noch andere Gebäude zu sehen, sondern nur der Golfplatz im Vorort Kleinmachnow. Trotzdem ermittelten die Berliner weiter und durchleuchteten Geschäftsverbindungen und eventuelle Kontaktleute des Geschäftsmannes - ohne Ergebnis. "Wir haben den Fall bis zu Ende ermittelt, und da war nicht der Hauch eines Verdachts", sagte ein mit den Ermittlungen vertrauter LKA-Beamter. Mit den Ermittlungen zu der al-Tawhid-Zelle habe der Fall von Beginn an nie etwas zu tun gehabt, so der Fahnder.
Die Verbindung der beiden Fälle hat jedoch einen plausiblen Hintergrund, denn in der Tat wurde in Karlsruhe am 19. Oktober - also einen Tag nach dem zuerst rätselhaften Flug über Berlin - das Ermittlungsverfahren gegen die Essener Zelle um Jassir H. beim Generalsbundesanwalt eröffnet. "Offenbar", so schätzt der LKA-Beamte, "wurden diese beiden Daten bei der Zeitungsgeschichte zusammengebracht, obwohl sie nichts miteinander zu tun haben." Die Sprecherin der Bundesanwaltschaft bestätigte dies am Freitag noch einmal offiziell: "Zwischen den beiden Vorgängen gibt es bisher keine Verbindung", sagte die Oberstaatsanwältin Frauke Scheuten SPIEGEL ONLINE auf Anfrage.
Hysterie bei Presse und Polizei in der Hauptstadt
Und auch ein weiterer Beleg für die angeblich Verbindung ist offenbar nicht so heiß wie angenommen. Der "Tagesspiegel" schreibt als Beleg für die angebliche Terror-Spur, dass die Ermittlungen zu den Flügen im Berliner Landeskriminalamt unter dem Stichwort "Abu Ali" geführt wurden. "Abu Ali" wiederum ist der Decknahme des am vergangenen Dienstag festgenommenen Jassir H. aus Essen, welcher der mutmaßliche Kopf der al-Tawhida-Zelle im Ruhrgebiet sein soll. Diese Ermittlungen, so die Zeitung, "führten dann offenbar zu den bundesweiten Festnahmen und Durchsuchungen."
Das Berliner LKA bestätigte am Freitag, dass es in dem Zeitraum wegen eines Tipps von einem anderen Dienst eine Ermittlung unter dem Stichwort "Abu Ali" gab - mit den Flügen hatte dieser Vorgang jedoch nichts zu tun. Außerdem hätten sich in dem gesonderten Fall die Verdachtsmomente auch nicht erhärtet. Die beiden Durchsuchungen in der Hauptstadt, die am Dienstag im Zuge der deutschlandweiten Großrazzia gegen die al-Tawhida-Gruppe durchgeführt wurden, seien demnach wegen Hinweisen aus dem Ruhrgebiet veranlasst worden. Das LKA hatte am Dienstag einen Autohändler und die Wohnung eines weiteren Verdächtigen durchsucht.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH