Von Ralf Hoppe
Die Marks gingen ins Kino.
Dieser Film, irgendwas mit Weltall und einem Außerirdischen, man musste ihn wohl gesehen haben. Ihre beiden Jungs Darin war damals 16, Dale gerade 15 redeten schon seit Tagen über nichts anderes. Aber wohin mit Sian?
Sie war erst sechs, ein niedliches Ding mit dicken Zöpfen. "Sian", fragte Mr. Marks, "wenn wir dich mitnehmen ins Kino, versprichst du uns, dass du keine Angst bekommst?" "Klar", sagte Sian, "und was ist Kino?"
Mrs. Marks steckte eine Packung "Walkers Oatflake Biscuits" ein, als Trost für Sian, falls der Film gruselig würde. Und so saß Sian im Parkett des Kinos von Coventry, vergessen waren Eltern, Brüder, Haferkekse, denn von der ersten Sekunde an flog sie auf und davon, verschwand, magisch angezogen, in den Bildern.
Freundlicher Besucher aus dem Weltall: E.T.
"Warst tapfer, Sian", sagte Mr. Marks, als sie das Kino verließen, "hast keine Angst gehabt?"
"Ich will ins Kino", sagte Sian, "zurück zu E.T."
Die Brüder lachten, die Eltern lächelten. Aber Sian meinte es ernst.
20 Jahre vergingen, "E.T." brach alle kommerziellen Rekorde. 750 Millionen Dollar spielte der Film ein; auf 43 Millionen bringt es allein die überarbeitete "Anniversary Edition", die jetzt überall läuft als nostalgisches Revival.
Auch Sian brach Rekorde. Erst ließ sie sich von ihren Eltern unentwegt ins Kino führen; schließlich ertrotzte sie sich ihr erstes Video. 773-mal, schätzt sie, hat sie den Film seither gesehen. Im Schnitt einmal in neun Tagen. Macht 88 895 Minuten oder 1482 Stunden oder 62 Tage nonstop.
Kann man einen Film derart lieben? Oder ist Sian, die auf den ersten Blick handfest und sympathisch wirkt, vielleicht doch ein Fall für den Psychiater?
"Es gab Andeutungen", sagt sie zögernd, "von Freunden, ob ich nicht ein bisschen übertreibe, ob ich nicht mal zum Psychologen oder so gehen sollte." Aber wozu? Sian verstand nicht. Wo doch dieser Film schlichtweg wunderbar war; wo doch immer genau das Richtige geschah, so anders als im Leben.
Während Spielberg aufstieg zu einem der Götter Hollywoods, während Drew Barrymore abstieg in die Drogenhölle, blieb Sian in Rugby. Nach der Schule fand sie einen Job bei der Gefängnisverwaltung, heiratete George Thurkettle, der ihr Karatelehrer gewesen war. Er wusste, worauf er sich einließ. Er brachte eine Katze mit in die Ehe, sie einen Außerirdischen. Sie kauften ein Reihenhaus.
Campbell Road 2a, roter Backstein, im Hinterhof ein Garten, keine Kinder. Dafür 300 E.T.-Figuren, Uhren, Bettwäsche, alles, was die Ramschindustrie auf den Markt wirft. "Aber wichtiger", sagt Sian, "sind die Kassetten." Davon gibt es sieben: Drei Videos sind abgenutzt, zwei im ständigen Gebrauch, zwei als Reserve. "Ich habe immer neue Lieblingsstellen entdeckt, die Geschichte ist sehr vielschichtig."
Ein Männlein aus dem Weltall, versehentlich zurückgelassen, stolpert auf dem Planeten Erde umher; ein kleiner Junge, einsam und ohne Vater, sehnt sich nach einem Freund: "E.T." erzählt die Geschichte dieser Freundschaft. Wie die beiden sich begegnen und begreifen, dass das Fremde nicht zwangsläufig böse sein muss. Die Kinder-Welt wird zum Utopia der Unschuld: Nur hier, wo das Gefühl entscheidet, findet E.T. Zuflucht vor den Erwachsenen, die ihn fürchten oder unter den Scanner der Wissenschaft zerren wollen.
Dank der Kinder gelingt E.T. sogar die Auferstehung vom Tod, eine kühne Anleihe Spielbergs bei der Bibel. Am Ende helfen die Kids ihrem hutzeligen Heiligen endlich nach Hause, doch das heißt: Abschied für immer.
Die Kraft der Bilder, die Macht der eingewobenen Mythen Spielberg erzählt eine völlig neue, eine "gute", humanistische Alien-Geschichte und lässt dabei die großen Themen anklingen: Freundschaft, Glaube, Verzicht. So kann man den Film, dieses alchimistische Meisterwerk der Rührung, aus allen biografischen Perspektiven sehen. Kinder bejubeln das Abenteuer, Großmütter fühlen sich wie in der Kirche, hartgesottene Kerle schniefen ob der verlorenen Kindheit. Weit mehr als 100 Millionen Menschen haben "E.T." bis heute gesehen.
Aber von allen Fans der Welt ging nur Sian Thurkettle aus Rugby, Mittelengland, einen Schritt weiter. Einen unmerklichen, aber entscheidenden Schritt. In ihrem Leben zeigt Hollywood, diese Weltmacht des Gefühls, was es vermag. "Vielleicht bin ich romantischer oder empfänglicher als andere." Sian nahm das Wunder mit ins Leben, sie verfiel dem Film.
Die Dialoge sind ihr Mantra, sie hat gleichsam ihre eigene Sekte gegründet, in ihrem Backsteinreihenhaus in der Campbell Road 2a, und sie brauchte weder Poona noch Scientologen, ein Videorecorder genügte.
Sian hat jetzt Spielberg einen Brief geschrieben, die Antwort steht noch aus. Kann sein, dass er stolz ist auf seinen Erfolg, vielleicht aber auch entsetzt.
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