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29.04.2002
 

Gewaltprävention

Psychologe fordert Soziales Lernen als Schulfach

Münster - Der Amoklauf von Erfurt schreit nach Ansicht des Diplompsychologen Steffen Fliegel nach gesellschaftlichen und schulischen Veränderungen. "Denn Aggressionen sind nicht angeboren, sondern Ergebnis von Lernprozessen", sagte der Experte von der Gesellschaft für Klinische Psychologie und Beratung in Münster. "Worten müssen jetzt Taten folgen. Sonst bleibt Erfurt kein Einzelfall", warnte der promovierte Psychotherapeut.

"Soziales Lernen zum Beispiel gehört ebenso unabdingbar auf den Stundenplan der Schulen wie Mathe und Deutsch." Überdies müsse Gewalt auf allen Ebenen mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden, sagte Fliegel. "Das gilt für gewaltbereite Gruppen und Parteien ebenso wie für Gewaltvideos, Gewalt in den Medien, auf dem Schulhof und in der Familie."

Fliegel nannte es gefährlich, sich bei der Motivsuche nur auf den Täter zu beschränken. "Wir müssen uns klar machen, dass es sich auch bei einem öffentlich tolerierten Schulverweis um eine aggressive Handlung handelt. Wenn sie nicht begleitet und aufgearbeitet wird, kann sie zu unvorhersehbaren Handlungen führen", sagte Fliegel und versicherte zugleich, dies sei kein Vorwurf an die Erfurter Schule. "Schulische Strafmaßnahmen aber und der Umgang mit ihnen müssen eingehend überdacht werden. Dabei muss man wissen, dass drastische Strafen ohne Alternativen in der Regel nicht zu Verhaltensänderungen führen."

Gewalttaten in der Schule seien nach Ansicht von Fachleuten häufiger geworden, wenngleich hierfür keine empirischen Daten verlägen. Gewalt in der Schule gedeihe auf vorbereitetem Boden. "Mobbing unter Schülern, gegen Lehrer, aber auch von Lehrern zu Schülern sind keine Seltenheit." Nach Expertenschätzung gingen 20 Prozent der Selbsttötungen Jugendlicher auf schweres Mobbing zurück.

"Zur Erlangung besser Schulleistungen gehören individuelle Förderung - das ist etwas anderes als Anforderung -, ein warmes Schulklima und auf humane und gegenseitigen Respekt abzielende Beziehungen in Schule und Familie", betonte Fliegel. Für das Training im Rahmen des von ihm geforderten Unterrichtsfachs Soziales Lernen stünden genügend ausgebildete Fachleute zur Verfügung.

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