Mittwoch, 10. Februar 2010

Panorama



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29.04.2002
 

Amoklauf in Erfurt

"Lawinen lassen sich auch nicht verhindern"

Nach dem Amoklauf in Erfurt wächst die Angst vor möglichen Nachfolgetätern. Der Kriminologe Werner Greve warnt allerdings vor Panikmache: Es gebe keine Amerikanisierung deutscher Verhältnisse.

Trauer in Erfurt: "Sicherheit gegen Amokläufe gibt es nicht"
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DPA

Trauer in Erfurt: "Sicherheit gegen Amokläufe gibt es nicht"

Hamburg - Mit einer Pistole löschte er die Leben von 17 Menschen aus: Der Erfurter Ex-Schüler Robert Steinhäuser ("Steini"). Nun sorgen sich Lehrer, Schüler und Eltern um mögliche Nachahmer, die Angst vor einem neuen Mord in einer anderen Schule nimmt zu. Viele treibt die Frage um: Gibt es sie, die von der Tat fasziniert sind und nun im stillen Kämmerlein eine ähnliches Blutbad planen?

"Echte Erkenntnisse darüber gibt es nicht", sagt Werner Greve, Psychologe am Kriminologischen Forschungsinstitut in Niedersachsen. Eine einheitliche Typologie von Amokläufern sei nicht erkennbar. Es handele sich jeweils um vollständig andere Taten. "Das gemeinsame an Amokläufern ist der Amoklauf."

Zum Inbegriff blutiger Massenmorde wurde in den vergangenen Jahren der amerikanische Ort Littleton: Bei einem Terrorüberfall auf ihre Schule im US-Bundesstaat Colorado töteten im April 1999 zwei Jugendliche mit Schusswaffen und Sprengsätzen zwölf Mitschüler und einen Lehrer. 23 Personen werden verletzt. Die Attentäter begingen nach der schrecklichen Tat Selbstmord.

Von Meißen bis Eching

Doch auch Deutschland blieb in der Vergangenheit von blutigen Taten wie dieser nicht verschont: Im November 1999 erstach ein 15-jähriger Gymnasiast in Meißen seine 44-jährige Lehrerin vor den Augen von 24 Klassenkameraden. Als Motiv gab der Jugendliche Hass auf die Lehrerin an.

Im März 2000 erschoss ein 16-jähriger Schüler im oberbayerischen Brannenburg den Internatsleiter und unternahm danach einen Selbstmordversuch. Die Internatsleitung hatte den Schüler am Vortag wegen "ungebührlichen Verhaltens" von der Schule verwiesen - wie auch beim Erfurter Massenmörder.

Im Februar 2002 schließlich geschah der vorerst letzte Vorfall dieser Art hierzulande: In einer Dekorationsfirma in Eching schoss ein Amokläufer mit seiner Waffe gezielt auf den Betriebsleiter und einen Vorarbeiter, anschließend erschoss er den Direktor einer Wirtschaftsschule. Der Täter sprengte sich danach in der Schule mit einer selbst gebastelten Rohrbombe in die Luft.

Naturkatastrophen sind unvermeidbar

Rache und Vergeltung als Motive? Lassen sich Taten wie diese also verhindern? Kriminologe Greve winkt ab: Es gebe Tausende Menschen mit Rachegelüsten, die aber mit ihren Empfindungen anders umgingen. Amokläufer sind, sagt er, "im Vorhinein nicht identifizierbar." Bei ihnen funktionierten normale Mechanismen im Kopf nicht mehr. Es sei daher ausgeschlossen, dass Amokläufe zu ganz normalen Tagesdelikten würden - wie etwa Diebstahl.

Eine Sicherheit vor diesen Taten kann es aus Sicht des Kriminologen nicht geben. "Amokläufe sind so wenig vermeidbar wie Naturkatastrophen." Was er damit meint, macht er am Beispiel von Lawinen deutlich: Nur weil es Erkenntnisse über Lawinen gebe, könnten sie in Zukunft noch lange nicht verhindert werden, so Greve. Ähnlich verhielte es sich mit Amokläufen.

Eine Amerikanisierung der Verhältnisse in Deutschland, wie sie einige Boulevardmedien zurzeit beschwören, kann Greve nicht erkennen. "Das ist definitiv nicht der Fall." Das Gegenteil treffe zu: Schwere Gewaltverbrechen wie Mord, Totschlag und Vergewaltigung gingen in Deutschland zurück. Auch gebe es keine Anzeichen für eine Brutalisierung an deutschen Schulen. Die Jugendgewalt sei rückläufig.

Eine Aufrüstung der Sicherheitsmaßnahmen an den Lehranstalten ist aus Sicht Greves daher nicht sinnvoll: Durch bewaffnete Sicherheitskräfte etwa werde die Gewalt an den Schulen erst sichtbar und "omnipräsent", warnt er. "Das macht keinen Sinn."

Hingegen würde eine Verschärfung des Waffengesetzes die Sicherheitslage erhöhen. "Jede Waffe, die nicht im Verkehr ist", betont Greve, "ist ein Stück mehr Sicherheit."

Von Marion Kraske

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