Der Mittag naht, die Talkmeister öffnen ihre Palaverstuben. Sechs Talkshows insgesamt greifen nach den jüngeren Zuschauern und erreichen an diesem Dienstag bei den unter 49-Jährigen einen Marktanteil von 18 Prozent.
Es wird nicht geschlagen, gekratzt oder getreten. Das historische Verdienst des seit mehr als einem Jahrzehnt durch die Privatsender etablierten Genres ist unbestritten: Sie lassen solche Jugendlichen zu Wort kommen, die das bildungsbürgerliche öffentlich-rechtliche System in der Regel auszusperren pflegte: genitivunsichere Menschen ohne Abitur, die sich scheuen, von dünkelhaften älteren Moderatoren gegängelt zu werden.
Die Öffnung aber hatte ihren Preis. Statt um Begriffe geht es beim heutigen Talk um die Darstellung von Positionen. Es zählt nicht das Florett, sondern der Säbel. Es fallen Späne, ohne dass zuvor sonderlich viel an den Themen gehobelt wurde. Kleidung und Frisur werden zum Argument erhoben, die Achtung des anderen ist so unwichtig wie die Einhaltung von Minimalregeln der Höflichkeit.
Junge, eigentlich lernfähige Menschen bestärkt die Talkinszenierung, in der eigenen Meinung wie in einer Festung zu leben. Der andere hat immer Unrecht. Die gefährliche Eigenbrötlerei und die damit einhergehende Unfähigkeit, der sozialen Isolation zu entrinnen, wird so bestärkt.
Auch die soziale Passivität: Nicht die Gäste, sondern die Planer hinter den Kulissen vergeben die Rollen für das Stück, das gerade aufgeführt werden soll. An diesem Dienstag werden Spiele inszeniert, die oft auf dem Talkspielplan stehen. Franklin (Sat.1) und Oliver Geissen (RTL) bitten zum bitter-süßen Schwank: Ich bin gern asozial, na und? Die junge Mutter Ronja sie lebt nur von der Sozialhilfe will sich ausschließlich um ihr Kind kümmern. Sie findet keine Gnade. Was habe das Kind davon, wenn sich die Mutter "verloddern" lasse, wird sie angeklagt. Schnell ist Ronja platt.
Bei Geissen kriegen die Sozialverweigerer noch härter aufs Dach. 500 Euro bekommt Meike, 17, von ihren Eltern und gibt sie fröhlich aus, ohne sich selbst um Arbeit zu bemühen. Eine Vertreterin der Moral mit thüringischem Akzent würzt ihre Anklage durch einen verächtlichen Blick auf das rundliche Glückskind: "Wurstpelle krieg ich beim Fleischer billiger." Zwei andere Sozialverweigerer müssen sich als "faule Sau" und hirnlose Schönlinge beschimpfen lassen.
Trotzdem gibt es doch noch so etwas wie eine Reaktion auf Erfurt. Die amtsmüde RTL-Moderatorin Bärbel Schäfer im Herbst will sie in seriösere Gefilde wechseln spielt an diesem Dienstag die Versöhnerin. Schäfer führt getrennte Verwandtschaft zusammen, mustert den verlorenen Sohn auf ihre Art und freut sich: "Jetzt sind die Tränen da."
Von 14.00 Uhr an stellen sich die wahrscheinlichen Nachfolger der TalkshowDompteure vor: Die Psychologin Angelika Kallwass und Fernsehrichterinnen und -richter wie Barbara Salesch, Ruth Herz und Alexander Hold. Das ist kaum mehr als ein Hoffnungszeichen für die Kommunikationskultur.
17.15 Uhr ist die Zeit des Boulevardmagazins der ARD "Brisant". Der erste Filmbericht: Ein offenbar durchgeknallter Mexikaner fährt mit seinem Pick-up absichtlich in eine Gruppe kleiner Kinder, die auf einer Wohnstraße gerade eine Parade proben. Ein Amateurvideo dokumentiert die Szene. Nur der direkte Aufprall ist nicht zu sehen, aber dann schreiende und blutige Kinder auf dem Asphalt. Zwei von ihnen sterben. Es sind die grauenhaftesten Bilder dieses Fernsehtags, auch sie aus dem realen Leben. Der Fahrer, den die aufgebrachten Mütter lynchen wollen, kommt ins Gefängnis. Dort sagt er ungerührt ins Mikrofon, die Kinder hätten die Straße blockiert. Er habe so handeln müssen. Vorhang zu und alle Fragen offen.
Zeit, mit den Gräuelbildern fertig zu werden, bleibt dem Zuschauer nicht. Der News-Flash in "Brisant" zeigt Bilder vom Amoklauf eines 61-jährigen Sportschützen im Kreis Bad Segeberg, bei dem ein Polizist verletzt wurde.
Was aber lehrt die Wanderung durchs Programm eines ganz normalen Fernsehtags? Es ist das Medium an sich, das junge wie ältere Zuschauer rund um die Uhr mit zweifelhaften Vorbildern und Gewalt konfrontiert; eine Kontrolle der TV-Bilderwelt, wie sie Politiker derzeit gern fordern, ist kaum zu bewerkstelligen; auch die Appelle an die Selbstverantwortung der Fernsehmacher sind wohl bald wieder vergessen.
Wirksam bannen jedoch lässt sich die Bilderwelt des Fernsehens ebenso wenig: Totale Fernsehabstinenz für Kinder und Jugendliche wäre in den meisten deutschen Familien nicht nur schwer durchzusetzen, letztlich würde sie angesichts anderer Zugangswege zu Gewaltdarstellungen etwa per Internet auch wenig nützen, vermuten Experten wie der Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer: "Gewalt ist faszinierend, erregend, letztlich für jeden Menschen."
Die Verantwortung der Erwachsenen bestehe vor allem darin, "Kontakt zu halten", also mit den jungen Zuschauern über das zu reden, was sie in der Glotze sehen, so Schmidbauer: "Von Verboten halte ich nichts."
NIKOLAUS VON FESTENBERG, REINHARD MOHR, MARIANNE WELLERSHOFF
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