Von Birgit Schwarz, Johannesburg
Niemals hätte Michael Waqunga Dlamini geglaubt, dass ausgerechnet die Liebe seinem kleinen, aber wehrhaften Volk im Süden Afrikas zum Verhängnis werden könnte. Freilich ist Dlamini mit 55 Jahren nicht mehr der Jüngste. Als er seine Sturm-und-Drang-Zeit durchmachte, wachten die Stammesältesten noch streng über die Moral der Jugend. Selbst beim gemeinsamen Baden im Fluss hätte er es nicht gewagt, einem noch so hübschen Mädchen den Hof zu machen. Die Mädchen hätten dies auch kaum geduldet. Swasilands Frauen galten als Sittenwächterinnen der Nation eine Rolle, die sie ernst zu nehmen pflegten.
Dass es damit längst vorbei ist, hat Dlamini schon oft bedauernd feststellen müssen in den 15 Jahren, die er bereits die größte gemischte Schule des Zwergstaats im Süden des südafrikanischen Krüger-Nationalparks leitet. Viel zu schnell würden sich die jungen Mädchen heute auf Abenteuer einlassen, rügt er.
Zwei Teenagerschwangerschaften pro Monat waren bis vor kurzem noch die Regel an "Mhlatane High", der von Dlamini geleiteten Oberschule von Pigg's Peak im Hochland von Swasiland. Doch weil der Rektor weiß, dass es wegen der jugendlichen Freizügigkeit schlecht bestellt ist um den Fortbestand der Nation, hat er dem zersetzenden Einfluss der Moderne den Kampf angesagt. Seither führt er einen Kreuzzug gegen die Leichtlebigkeit, gegen Werteverlust und Sittenverfall, kurzum gegen all das, was Menschen seines Alters und Schlags für unmoralisch halten.
Bestärkt in diesem Entschluss hat ihn ein entfernter Verwandter, König Mswati III. Seit Aids sich selbst in dessen konservativem Reich ausbreitet, drohen dem Monarchen die ohnehin nicht sehr zahlreichen Untertanen auszusterben. Unter den 15- bis 49-Jährigen ist jeder Vierte mit dem HI-Virus infiziert; Zehntausende hat die Immunschwächekrankheit bereits dahingerafft. Weder feindselige Stämme noch koloniale Mächte, weder Studentenrevolten noch Arbeiteraufstände haben der gut 900 000 Einwohner zählenden Dynastie der Dlaminis je so zusetzen können wie die Krankheit, gegen die es kein Heilmittel gibt.
König Mswati III., Swasilands junger Monarch, tat das, was einem macht- und traditionsbewussten Herrscher wohl als das Naheliegendste erscheinen musste. Er beschloss, die Seuche der Moderne mit Mitteln der Vergangenheit zu bekämpfen und ordnete an, was schon zu Zeiten seines Vaters die Nation vor moralischem Verfall bewahren sollte: ein Sex-Verbot für unverheiratete Frauen.
Fünf Jahre lang ist den jungen Bürgerinnen Swasilands jeglicher Körperkontakt mit dem anderen Geschlecht verboten. Nicht einmal flirten sollen sie dürfen und weder Hosen noch Miniröcke tragen. Dafür aber ein Accessoire anlegen, das zuletzt vor 20 Jahren Mode war: Wollquasten, "umcwasho" genannt, die, am Hinterkopf befestigt, Freier abwehren sollen wie ein Pferdeschweif die Fliegen. Wer sich an ein solches Mädchen heranwagt, muss zahlen: eine Kuh oder einen für viele Swasis kaum erschwinglichen Geldbetrag.
An der Oberschule von Pigg's Peak ist der königliche Eingriff in die junge Mode ein willkommener Anlass, die Keuschheit zur Schülerpflicht zu erklären: Kein Mädchen wird mehr zum Unterricht zugelassen, das nicht eine modernisierte Form des "umcwasho" trägt zwei Kränze aus Perlen und damit seine Bereitschaft ausdrückt, auf Flirt und Freund zu verzichten.
Doch so recht will das Experiment nicht gelingen zumal sich der König selbst nicht an die Regeln hält. Eine ganze Woche lang hat die Oberschülerin Ncamsile Masilela rebelliert, weil sie nicht einsehen wollte, wieso es dem Regenten erlaubt ist, eine zur Keuschheit verpflichtete 17-Jährige zu seiner neunten Frau zu küren, während sie selbst jenem jungen Mann den Laufpass geben soll, dem sie seit zweieinhalb Jahren die Treue hält. Die Polygamie sei eine Pflicht des Herrschers, hatte der Rektor erklärt, sie verbrüdere die Clans und schweiße die Nation zusammen. Doch auch das hat die 21-Jährige nicht überzeugen können.
Der 34-jährige Mswati III. war der Versuchung beim Schilftanz erlegen. Bei diesem Fest zu Ehren der grauen Eminenz hinter dem Thron, der Königinmutter, sammeln die "Blumen der Nation" genannten unverheirateten Mädchen des Landes Röhricht für den Kral der Regentin. Von jeher dient das Ritual dem Sohn als Brautschau. Denn im Anschluss an die Schilfernte stellen die jungen Schönen, lediglich einen Lendenschurz um die Hüften und Wollquasten zwischen den Brüsten, ganz ohne Scham ihre Unschuld zur Schau. Doch die jüngste Wahl des Monarchen erboste die weibliche Jugend des Landes: Mehrere hundert junge Swasis zogen im Protest vor den Palast und warfen ihre Quasten ab.
Der König zahlte zwar dafür, dass seine Lust stärker war als seine Prinzipien. Doch bei Masilela und ihren zur Enthaltsamkeit angehaltenen Schulkameradinnen verfehlt sein Dekret seither seine Wirkung: Sie treffen ihre Freunde jetzt heimlich.
Zwar schrecke die Androhung von Strafe ihren Geliebten derzeit noch davon ab, sie zum Beischlaf zu drängen, räumt Masilela ein. Und tatsächlich sind die Teenagerschwangerschaften an Dlaminis Schule um die Hälfte zurückgegangen, seit er das Tragen der Perlenschnüre verordnet hat.
Doch sollte das Verlangen nach Sex mit der Zeit größer werden als die Angst vor Strafe, dann dürfte die tödliche Seuche, die beim Liebesakt übertragen wird, unter den Teenagern von Pigg's Peak so manches neue Opfer finden: Denn Kondome wagen sie nun nicht mehr zu kaufen; sie wären überführt.
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