Mittwoch, 10. Februar 2010

Panorama



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06.07.2002
 

Irische Traveller

Ein Leben am Straßenrand

Von Sabine Hoffmann, Dublin

Sie sind die Nomaden Irlands. Seit Jahrhunderten ziehen die Traveller über die grüne Insel - erst in Planwagen, jetzt in Wohnwagen. Die Sesshaften strafen sie deshalb mit Ächtung, und die Regierung versucht, die größte ethnische Minderheit des Landes sesshaft zu machen.

Traveller Michael Mongan vor seinem Wohnwagen
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Traveller Michael Mongan vor seinem Wohnwagen

Dublin - Seit sechs Monaten lebt Michael Mongan auf einem öffentlichen Parkplatz in Tallaght, im Süden Dublins - illegal. Nur drei Meter von seinem Caravan entfernt ist ein grüner Metallzaun in den Boden gerammt. An den Stäben hängen ein paar schwarze Jeans und zwei T-Shirts zum Trocknen. Aus einem schwarzen Schlauch, der aus der Erde ragt, sprudelt Wasser - die Dusche. Spanplatten lehnen am Zaun - die Toilette.

Thomas Rattigan hat sein eigenes Dixie-Klo. Rund acht Kilometer von Michael Mongans Camp entfernt steht das blaue Häuschen unmittelbar neben seinem Wohnwagen. Dahinter ist ein Wasserhahn in eine Mauer einbetoniert, neben diesem steht ein Feuerlöscher in einem Glaskasten. Nur einige Meter entfernt rasen Autos und Lastwagen auf der Schnellstraße N81 von Dublin in Richtung Südwesten. Vorbei am "Temporary Residential Caravan Park", den zeitlich befristeten Lagerplatz, auf dem Thomas Rattigan seit drei Monaten wohnt.

Thomas Rattigan mit seiner Familie
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Thomas Rattigan mit seiner Familie

Wie Michael Mongan weiß Thomas Rattigan nicht, wie lange er bleiben wird. Beide sind Traveller - irische Nomaden. Die Wurzeln ihrer Vorfahren reichen mehrere Jahrhunderte zurück: Im 17. Jahrhundert verjagte Oliver Cromwell Tausende irischer Bauern. Die meisten starben oder mussten nach Amerika auswandern. Die übrigen kramten Hab und Gut zusammen, packten alles auf einen Pferdewagen und flohen.

Später reisten die Traveller von einer Grafschaft zur nächsten, bauten Wasserkessel und flickten Teekannen, schliffen Scheren, schmiedeten Hufeisen und handelten mit Pferden. Sie erzählten den Bewohnern der Dörfer Märchen, sangen Volkslieder oder verrieten ihnen den neusten Klatsch.

Mit rund 30.000 Angehörigen sind die Traveller heute die größte Minderheit Irlands. Die meisten von ihnen sind junge Leute: Nach einer Studie des irischen "Economical and Research Institute" wird nur ein Prozent der Traveller älter als 65 Jahre. 80 Prozent der irischen Nomaden sind jünger als 25, jeder zweite ist noch keine 15 Jahre alt. Wie Michael Mongan leben etwa 1200 Familien illegal am Straßenrand - ohne Strom, fließendes Wasser und sanitäre Anlagen. Rund 2000 Familien haben wie Thomas Rattigan zeitlich befristet einen Platz auf einer öffentlichen Lagerstelle ergattert.

Die Dusche der Familie Mongan
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Die Dusche der Familie Mongan

Auf einem kargen Acker hinter Michael Mongans Stellplatz türmen sich ausgeleierte Matratzen, kaputte Waschmaschinen und ausrangierte Sofas. Mongan steht vor einem weißen Mercedes 207 Transporter. Über seinen dicken Bauch spannt sich ein grünes Polo-Shirt. Das Gesicht ist kugelrund mit einem kleinen Bärtchen am Kinn und über der Oberlippe. In seinen rundlichen Fingern hält Michael Mongan eine Feile und schabt Rost vom Kotflügel des Autos.

Sein Vater sei ein "tinsmith" - ein Zinnmeister gewesen, erzählt der 51-Jährige. Er brachte ihm bei, wie Milchkannen und Wasserkessel gemacht werden. Zur Schule ist Michael Mongan nie gegangen, lesen und schreiben hat er bis heute nicht gelernt. Noch vor zwanzig Jahren zog Michael Mongan als Kupferschmied mit seiner Frau und den zwölf Kindern durch Irland.

Holzplanken liegen auf dem Boden vor den Caravans der Mongans
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Holzplanken liegen auf dem Boden vor den Caravans der Mongans

Doch nachdem das Plastik auch die entlegensten Dörfer und Gemeinden erobert hatte, gab Michael Mongan sein Handwerk auf und verscherbelte sein Werkzeug. Eine Zeit lang versuchte er sich noch als Kaminfeger und handelte mit Schrott. Weil das aber nicht reichte, um eine Großfamilie durchzufüttern, beantragte Mongan Sozialhilfe.

Keiner seiner Söhne sei ein Kupferschmied, sagt Michael Mongan mit trauriger Stimme. Seine samtigen braunen Augen wandern von links nach rechts. Am Fahrbahnrand stehen acht Caravans dicht aneinander gereiht. Sie gehören seinen Söhnen und Töchtern. Teller, Tassen und Gläsern stapeln sich auf der Ablage hinter dem Fenster eines Wohnwagens.

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