Von Sabine Hoffmann, Dublin
Es ist Sonntagmittag. Thomas Rattigan muss nicht arbeiten und in wenigen Stunden wird er in dicke Tortenstücke beißen und Sekt schlürfen. Party ist angesagt. Der Rattigan-Clan hat Männer und Frauen, Kinder und Alte aus allen Teilen Irlands zusammengetrommelt. Bald werden sie mit ihren Caravans in Fingles, einem Vorort Dublins, eintreffen, um den 40. Geburtstag von Thomas Rattigans Bruder John zu feiern.
Thomas Rattigan hat sich ein frisch gewaschenes hellgrünes Hemd übergestreift, das Gesicht ist glattrasiert und duftet nach Aftershave. Sein vierjähriger Sohn Thomas Junior weigert sich, Hosen anzuziehen. Nur mit einem roten T-Shirt bekleidet flitzt er über den ordentlich gekehrten Betonboden.
Thomas Rattigan sagt, er sei Traveller, weil man beim Reisen "interessante Leute" kennenlerne. Er sei "angestellt", könne lesen und schreiben - und seine Kinder sollten dies auch lernen. Ehefrau Kathleen bürstet Tochter Fallon das Haar. Die Siebenjährige geht in die zweite Klasse. Alle paar Monate, wenn die Familie von einem Stellplatz zum nächsten zieht, wechselt sie die Schule.
Zwar gibt es in Irland zwei Schulen speziell für Traveller-Kinder und eine davon liegt in Dublin, nur wenige Kilometer vom Stellplatz der Rattigans entfernt. Doch Fallons Klassenkameraden sind Mädchen und Jungen, deren Familien einen festen Wohnsitz haben. Zusammen brüten sie über kniffligen Rechenaufgaben, lesen Märchen und freuen sich, wenn die Pausenglocke schellt.
So gut wie Fallon geht es den wenigsten Traveller-Kindern. Thomas Rattigans Nichte Shannon spritzt den Betonboden noch einmal mit einem Wasserschlauch ab. Wie viele Traveller haben Shannons Eltern nie eine Schule von innen gesehen. Ihre Tochter haben sie nicht zum Unterricht geschickt. Im Training Center in Tallaght Village lernt die 15-Jährige nun, wie "curriculum" - Stundenplan - geschrieben und akzentfrei gesprochen wird. Denn wie früher sprechen die Traveller auch heute noch vor allem "Gammon" oder "Shelta", eine aus dem Gälischen abgeleitete Geheimsprache.
In der Schule werden die Traveller-Kinder deshalb oft von Klassenkameraden gehänselt. Michael, ein Nachbarsjunge, geht in die fünfte Klasse der St. Ann's School in Tallaght und sitzt dort in der letzten Reihe - alleine. In der Pause beschimpfen ihn seine Klassenkameraden, weil sie glauben, dass er Pferde tötet und im Dreck wühlt.
Erwachsenen Travellern geht es nicht viel besser: Wie eine von der irischen "Citizen Traveller Campaign" in Auftrag gegebene Umfrage ermittelte, würden 70 Prozent der Iren nicht akzeptieren, wenn ihr Freund ein Traveller wäre. In Supermärkten werden die irischen Nomaden oft verdächtigt, gestohlen zu haben. Wollen sie in Pubs ein Bier bestellen, kann es passieren, dass der Kellner antwortet: "Traveller bedienen wir nicht."
Die irische Regierung versprach nach der Veröffentlichung eines Berichts einer "Task Force" im Jahre 1995 binnen fünf Jahren rund 2200 neue Stellplätze zu errichten. Bislang wurden jedoch lediglich 111 gebaut. Mit einem Gesetz namens "trespass law" will die irische Regierung nun sogar verhindern, dass Traveller ohne festen Stellplatz weiter durch Irland tingeln und in Wohnwagen am Straßenrand nächtigen: Parkt Michael Mongan sein Heim künftig länger als 24 Stunden auf privatem oder öffentlichen Gelände, muss er 3000 Euro Strafe zahlen oder ins Gefängnis.
Michael Mongan klettert in seinen Wohnwagen setzt sich auf das Sofa am hinteren Ende. Süßlicher Tabakgeruch liegt in der Luft. In der Schlafnische im vorderen Teil scheitelt Mary-Ellen Mongan ihr braunes Haar und steckt es mit einer Nadel hoch. In einem Glaskasten über dem Sofa stehen gerahmt die Hochzeitsfotos: Die 20-Jährige Mary-Ellen in weißem Spitzenkleid Hand in Hand mit ihrem zwei Jahre älteren frischgetrauten Mann Michael. Auf einem Sideboard stehen Madonnen-Figuren und ein Bild von Padre Pio und anderen Heiligen. Auf einem schwarz-weiß-Foto an der Wand sitzen zwei Enkel in Jeans und Karo-Hemd im Stroh.
Mit dem rechten Zeigefinger deutet Michael Mongan auf ein Bild von einem alten Planwagen. "Noch vor 35 Jahren bin ich mit meinen Eltern auf einem Pferdewagen durch Irland gefahren", sagt er und blickt aus dem Fenster auf die Zufahrt des Parkplatzes. "In 20 Jahren wird es uns nicht mehr geben."
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