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12.07.2002
 

Affäre um Schweizer Botschafter

Der Millionen-Poker des Thomas Borer

Von Matthias Gebauer

Nachdem seine vermeintliche Sex-Gespielin urplötzlich jeden erotischen Kontakt mit ihm abstreitet, will der Schweizer Ex-Botschafter Thomas Borer mit einer millionschweren Schadensersatzklage Rache am Verlag des Boulevardblattes "Blick" nehmen. Doch die Kehrtwende der Kronzeugin wirft viele Fragen auf.

Ex-Botschafter Thomas Borer kämpft zur Zeit um Genugtuung und bekommt sie offenbar auch
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Ex-Botschafter Thomas Borer kämpft zur Zeit um Genugtuung und bekommt sie offenbar auch

Berlin/Bern - Am Mittwoch Abend muss sich der Ex-Botschafter Thomas Borer richtig gut gefühlt haben. Sein Potsdamer Villen-Nachbar Günther Jauch hatte den skandalumwitterten Schweizer und Neu-Potsdamer zu sich ins "Stern TV"-Studio nach Köln einfliegen lassen. Dort durfte Borer endlich seine Weste rein waschen. Er sei ein "Ehrenmann" gab Borer zu Protokoll, doch nun sei der "medienethische Super-GAU" ja zum Glück aufgeklärt. Selbst für seine angebliche Geliebte Djamila Rowe aus Berlin hatte Borer noch ein gütiges Wort übrig. Das "Botschafts-Luder" sei in der ganzen Affäre ja nur ein "willenloses Werkzeug" des Schweizer Ringier-Verlags gewesen.

So steht Ex-Botschafter Borer als Sieger da. Am Freitag sah ihn "Bild"-Reporter Martin S. Lambeck bereits schon wieder auf dem Weg in die Schweizer Diplomatie. "Sieg in der Sex-Affäre" schrieb das Boulevard-Blatt, dessen Führung Borer mehr als freundschaftlich verbunden ist. Als Fast-Nachbarn im Potsdamer Edelviertel am Heiligen See kennen sich auch die Springer-Witwe Friede und der Neu-Potsdamer Borer recht gut.

Der Schweizer Außenminister Joseph Deiss holte Borer wegen der Affäre aus Berlin zurück nach Bern
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Der Schweizer Außenminister Joseph Deiss holte Borer wegen der Affäre aus Berlin zurück nach Bern

Borer selbst schließt die Annahme eines neuen Botschafterpostens unter dem derzeitigem Außenminister Joseph Deiss freilich aus. Schließlich hatte der ihn nach der Sex-Affäre um Ostern herum geschasst - vor allem deshalb, weil er sich weigerte, wegen der Gerüchte um ihn und die Berliner Visagistin seinen Urlaub auf Mauritius zu unterbrechen. Mittlerweile träumt Borer bereits davon, dass die Wende in der Affäre seinen Ex-Chef den Posten kosten könnte. Da der auch wegen anderer politischer Konstellationen im Eidgenossen-Staat unter Druck steht, könnte sich diese Hoffnung sogar erfüllen.

"Truppe von Anwälten"

"SonntagsBlick" hob "Borer und die nackte Frau" auf den Titel
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"SonntagsBlick" hob "Borer und die nackte Frau" auf den Titel

Zugleich kämpft Borer mit allen Waffen, die ihm das Recht und seine "Truppe von Anwälten" (Borer) an die Hand geben, um Genugtuung. Dazu hat er mittlerweile den Berliner Entschädigungsexperten Andreas Schulz aus Berlin engagiert, der den Schlag gegen den "Blick"-Herausgeber Michael Ringier strategisch aufbaute. Dessen Zeitungen "Blick" und "SonntagsBlick" hatten um Ostern herum auf Grund von schummerigen Fotos und einer eidesstattlichen Verischerung von Djamila Rowe über die angebliche Affäre von Borer und der Visagistin berichtet und offen dessen Demission gefordert.

Mit einer gewagten Metapher beschreibt Anwalt Schulz nun die Taktik der Juristen. Er würde wie mit einem Greenpeace-Boot einen großen Tanker angreifen und müsse aufpassen, dass er nicht in die Bugwelle gerate, sagte er SPIEGEL ONLINE. Gut möglich, dass Borer und seine Frau nach der Wende in der Affäre eine millionenschwere Schmerzensgeld-Abfindung vom Ringier-Verlag einstreichen. Aus Verlierern würden Gewinner.

Ringier entlässt seine Redakteure

Mathias Nolte, Chefredakteur des "SonntagsBlick" musste am Donnerstag den Posten räumen
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Mathias Nolte, Chefredakteur des "SonntagsBlick" musste am Donnerstag den Posten räumen

Den ersten Sieg konnte Thomas Borer bereits am Donnerstag feiern. Der Ringier-Verlag schasste kurzerhand die verantwortlichen Redakteure des "Blick" und des "SonntagsBlick" wegen ihrer Berichterstattung über die vermeintlichen Stelldicheins Borers in der Berliner Landesvertretung des Alpenstaats. Selbst Chefredakteur Mathias Nolte musste seinen Hut wegen der Artikel über Borer und das "Botschafts-Luder" nehmen. Wie in solchen Situationen üblich wurde von "gestörten Vertrauensverhältnissen" zwischen dem Verlag und den Redakteuren und beiderseitigem Einverständniss über die Demission von Chefredaktuer Nolte und Gesellschaftskolumnistin Alexandra Würzbach gesprochen.

Begonnen hatte die Wende in der Affäre schon am vergangenen Samstag mit einem Anruf bei der "Bild am Sonntag". Ein Reporter solle schnell zum Borer-Anwalt Andreas Schulz in seine Kanzlei am Kurfürstendamm kommen, forderte der Anrufer. Dort hielt der Strafverteidiger in der Tat Überraschendes bereit. Er präsentierte die bisherige Kronzeugin für die Sex-Gerüchte mit einer neuen eidesstattlichen Versicherung. In dem fünfseitigen Papier und einem Video leugnete Djamila Rowe plötzlich jeden sexuellen Kontakt zu Borer und unterstellt dem Ringier-Verlag eine Inszenierung der Geschichte mit dem erklärten Ziel, Borer aus dem Amt zu jagen.

Die Zeugin wechselte die Seiten

Djamila Rowe wurde von der Zeugin für angebliche Stelldicheins nun zur Kronzeugin der Anklage gegen den Ringier-Verlag
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Djamila Rowe wurde von der Zeugin für angebliche Stelldicheins nun zur Kronzeugin der Anklage gegen den Ringier-Verlag

Aus der Zeugin der Anklage gegen den Ex-Botschafter wurde so urplötzlich die Kronzeugin für Borer gegen den Ringier-Verlag. Bisher hatte es sich Djamila Rowe nicht nehmen lassen, vor jedem Mikrophon zu behaupten, sie habe "puren Sex" mit dem Botschafter gehabt und das sogar im Bett des Ehepaars Borer-Fielding. Wortreich und ohne Insistieren hatte sie kurz nach Ostern auch SPIEGEL ONLINE die ganze Affäre mit Einzelheiten und Zeugen genannt - ohne dafür Geld zu verlangen. Ihr jetziger Anwalt Stephan Jellacic, der dritte nach Beginn der Affäre, sagt dazu nur, sie sei vom Ringier-Verlag mit "einer Gehirnwäsche" zu diesen Aussagen gebracht worden.

Mit dem Dementi der Zeugin holen die Borer-Anwälte nun zum großen Gegenschlag aus. Denn der Ringier-Verlag steht schlecht da. In der Schweiz brechen dem Zeitungshaus wegen des schlechten Images schon jetzt die Zeitungsanzeigen weg. Und so haben die Rechtsanwälte Schulz und Prinz einen schwachen Gegner gefunden. Seit Tagen wird mit den Juristen des Verlags intensiv über eine millionenschwere Schmerzensgeld-Summe verhandelt, bisher ohne Erfolg. Borer selber kündigte vollmundig an, der Verlag müsse "eine Lektion" erhalten, die er nicht aus der Portokasse zahlen könne.

Drohung mit US-Klage

Der Berliner Rechtsanwalt Andreas Schulz will die Klage Borers zur Not nach Amerika tragen
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Der Berliner Rechtsanwalt Andreas Schulz will die Klage Borers zur Not nach Amerika tragen

Als Druckmittel gegen Ringier hat sich Borer mit dem Berliner Andreas Schulz ganz bewusst einen Kenner der amerikanischen Rechtssprechung ins Boot geholt. Und der Berliner "Star-Anwalt" ("Bild") droht auch schon ganz offen mit einem Gang in die USA, wo erfolgreiche Schmerzensgeldklagen erfahrungsgemäß mit weit höheren Zahlungen enden als in Europa. Schließlich, so die Argumentation, habe Borers Frau und US-Bürgerin Shawne Fielding wegen der Affäre um ihren Mann das ungeborene Baby kurz nach Ostern verloren. Da die Geschichte vom Ringier-Verlag bewusst erfunden worden sei, werde Schmerzensgeld für das erlittene Leid fällig.

Ein Auftritt von Shawne Borer-Fielding vor einem Gericht in ihrer Heimat, wo sie einmal den Titel Miss Texas trug, könnte die US-Geschworenen zu Tränen rühren und auch deren Entscheidungsfindung beschleunigen. Die Berliner Kanzlei von Schulz hat für alle Fälle ein Gutachten über das Schwangerschaftsende ihrer Mandantin in ihren Akten.

Borers Traum von den Millionen

Shawne Borer-Fielding soll wegen der ganzen Aufregung kurz nach Ostern eine Fehlgeburt erlitten haben
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Shawne Borer-Fielding soll wegen der ganzen Aufregung kurz nach Ostern eine Fehlgeburt erlitten haben

Wieviel Geld Borer von Ringier als Schmerzensgeld fordert, lassen die Anwälte im Dunkeln. "Es muss eine USA-kompatible Summe sein", sagte Andreas Schulz lediglich. Aus dem Ringier-Verlag war in den vergangenen Tagen immer wieder zu hören, dass das Unternehmen zahlen will. Bisher aber ist ein Ende des Millionen-Pokers nicht in Sicht.

Was die Wahrheit ist, spielt in dem Verfahren um die angeblichen Stelldicheins von Borer schon lange keine Rolle mehr. Trotzdem überraschte das plötzliche Dementi der Zeugin alle Beobachter der Medien-Affäre. Wie, so fragen sich nicht nur die Society-Reporter, hat Borer oder jemand anderes die Frau zu der plötzlichen Aussage bewegt? Noch Wochen zuvor hatte Rowe nämlich angekündigt, sie habe neue Beweise für ihre Treffen mit Borer. Vieles spricht für die Spekulation, dass Borer die Zeugin auf irgendeine Weise zu der neuen Aussage bewegt hat. Vielleicht, so eine Theorie, habe er ihr für die Verhandlung wegen Verleumdung gegen sie am 16. Juli eine freundliche Behandlung durch seine Anwälte zugesagt. Beide Anwälte streiten dies freilich ab.

Eigenartige Kombination

Die gesamte Konstellation in der Affäre ist zumindest merkwürdig. Denn kurz vor der neuen eidesstattlichen Versicherung wechselte Djamila Rowe plötzlich den Anwalt. Zuvor hatte sie sich von dem Presserechtssrechtexperten Johannes Eisenberg aus Berlin vertreten lassen. Ganz plötzlich aber wechselte sie den Anwalt und gab dem Krefelder Juristen Stephan Jellacic ihr Mandat an die Hand. Unter Berliner Kennern der Anwaltszene sorgte die Wahl für Aufsehen, denn Jellacic kooperiert bereits mit dem Borer-Anwalt Andreas Schulz. So verteidigten beide im Jahr 1999 einen Mörder, das sogenannte "Keller-Monster" ("Bild"), in Berlin.

Borer und seine Frau gelten als Paradiesvögel der Berliner Society
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Borer und seine Frau gelten als Paradiesvögel der Berliner Society

Man darf spekulieren, dass die beiden Juristen auch in diesem Fall Hand in Hand arbeiten, um Borers Weste rein zu waschen und selber horrende Honorare durch die hohe Streitsumme zu kassieren. Genährt wird die Vermutung durch die merkwürdige Verkündung des Sex-Dementis der Jellacic-Mandantin Rowe, die am vergangenen Samstag in der Praxis von Borer-Anwalt Schulz stattfand. Schulz selber reagiert auf den Vorwurf eines abgesprochenen Scheinverfahrens gelassen. Schließlich habe er schon "fast mit jedem Anwalt dieser Republik mal was zusammen gemacht", das habe nichts zu bedeuten.

Djamila Rowe selber sagt zu all dem nichts, sie ist abgetaucht. In den letzten Tagen hatte sie sogar eine eigene Pressesprecherin, die alle Anfragen höflich aber bestimmt nicht beantwortete. Erstaunlicherweise hatte die in der Vergangenheit recht gute geschäftliche Kontakte zu Borers Frau Shawne. Wie die arbeitslose Kosmetikerin Djamila Rowe die eigene PR-Frau und auch den Anwalt Jellacic bezahlen kann, ist ebenfalls schleierhaft. Eine mehrmals angekündigte Pressekonferenz von Rowe wurde immer wieder verschoben, vermutlich um die Verhandlungen mit dem Ringier-Verlag zu befördern. Die Pressesprecherin indes hat inzwischen den Job niedergelegt. Offiziell ließ sie mitteilen, sie sei zeitlich überlastet.

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