Von Carsten Volkery, New York
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Bürgermeister Michael Bloomberg hatte den Tag in zwei Akte teilen wollen. Am Morgen sollten die New Yorker der Toten gedenken, am Abend bei verschiedenen Konzerten nach vorn blicken. Der Jahrestag als Schlussstrich, so wollte es der Pragmatiker.
Die New Yorker taten ihr Bestes. Dabei schwankten sie zwischen zwei Extremen. Die einen mussten unbedingt über eine Brücke nach Manhattan marschieren, weil sie vor einem Jahr über eine Brücke geflohen waren. Nur so ließ sich das Kapitel in ihrem Kopf schließen. Die anderen wählten die Flucht in die Routine: Sie gingen am Morgen ins Gym, danach zur Arbeit und erklärten den 11. September generell zur 9/11-freien Zone.
Mike Daisey zählt zur ersten Gruppe. Der Komödiant verfolgte die Zeremonie am Radio auf der Brooklyn Promenade mit Blick auf die Skyline. Danach spazierte er über die Brooklyn Bridge, jetzt isst er zusammen mit seiner Frau in Chinatown zu Mittag. "Wir essen Dim Sum, weil wir froh sind, dass wir am Leben sind", erklärt er ohne Ironie.
Die Patrioten machen Sonnenpause
Weiter nördlich, in Midtown, hingegen kein Gedanke an Gedenken. Geschäftig eilen die Menschen von Wolkenkratzer zu Wolkenkratzer. Sie tragen Anzüge, Aktentaschen und haben ihr Handy am Ohr. Alles wie immer. "Ich sehe überhaupt keine Anstecknadeln", beschwert sich eine Frau in einem Café auf der Fifth Avenue bei ihrem Lunch-Gegenüber. Und fügt hinzu: "Typisch New Yorker. Ich finde das nicht richtig."
Noch weiter nördlich, im Central Park, wird laut gelacht. Eine Gruppe Mittzwanziger spielt Baseball, und die eine Frau will den Ball einfach nicht treffen. Der Flaggenverkäufer ist nicht zu beneiden. "Flaggen, zwei Dollar", ruft er immer wieder. Losgeworden ist er noch keine. Die potenziellen Patrioten machen gerade Sonnenpause. "Geschäft nicht gut hier", sagt er. Vorher war er an der Wall Street, da lief es besser, doch nach einigen Stunden wurden es ihm zu viele Konkurrenten.
Wie schon vor einem Jahr scheint die Stadt zweigeteilt: Downtown und der Rest. Am Ground Zero herrscht den ganzen Tag großer Ansturm. Hier sieht man sogar blauweißrote Krawatten. Die Kirchen sind voll. In der Trinity Church singt eine Frau zu Klavierbegleitung. Auf dem Broadway ist eine "Prayer Station" eingerichtet: Auf Wunsch beten die amerikanischen Christen mit den Passanten.
WTC-Staub in Kaffeedosen
Eine Galerie wenige Blocks entfernt lockt mit "WTC-Kunst". Der Inhaber Neil Bernstein hat Trümmerteile und Asche in Collagen verarbeitet. "Hier, das ist ein Stück des Daches vom Nordturm", sagt er und zeigt auf ein silbriges Viereck. Bernstein hat auch noch Reservestaub in vier gut versiegelten Kaffeedosen. "Das Zeug ist hochgiftig. Meine Katze ist dran gestorben", erklärt er.
Doch außerhalb der Ground-Zero-Zone fällt kaum auf, dass es ein besonderer Tag ist. Zwar gibt es zig Sonderveranstaltungen in allen Vierteln. Ein Kino in Brooklyn etwa zeigt den ganzen Tag "Manhattan", Woody Allens Liebeserklärung an New York. Im "92nd Street Y" lesen Autoren aus dem Buch "110 Stories". Die Historical Society diskutiert darüber, wie New Yorker über vergangene Katastrophen hinweggekommen sind. Doch ohne Programm sind die 9/11-Specials kaum zu finden.
Der nachhaltigste Eindruck auf der Straße ist der Wind. Papier fliegt durch die Luft, Kartons schießen über den Bürgersteig. Die Menschen reiben sich ständig die Augen. Die respektlosen Böen haben sogar die große Flagge über dem Ground Zero in zwei Teile gerissen.
"Am 11. September 2001 starben 24.000 Menschen an Hunger"
Ab und zu stößt man beim Spaziergang auf Gedenk-Oasen. Am Union Square, wo vor einem Jahr ein gigantisches Kerzenmeer flackerte, ist eine "Town Hall Wall" errichtet. An die Holzwand sind Tausende von Zetteln geklebt - Gedanken und Wünsche zum Jahrestag. Das Denkmal setzt sich auf dem Boden fort. Kreide liegt bereit, zum Kritzeln und Malen. "Sein Name war Joey, und er war mein Freund" steht auf den Platten, aber auch das relativierende "Am 11. September 2001 starben 24.000 Menschen an Hunger". "Love" und "Peace" sind die dominierenden Themen.
Ein bisschen anders seien die Menschen am Jahrestag doch, meinen Bill Wetzel und Liz Barry. "Freundlicher", sagt die 24-jährige Barry. Die beiden sitzen vor der Trinity Church, neben einem Schild "Talk to me". Das ist wörtlich gemeint. Seit vier Monaten sitzen sie jeden Tag an einer anderen Straßenecke und warten darauf, dass ihnen jemand etwas erzählen will. Die Gesprächsthemen am Jahrestag unterschieden sich nicht wesentlich von anderen Tagen, sagt Wetzel.
Am Abend strömen die New Yorker zu Tausenden zu Großkonzerten in den fünf Stadtteilen. Im Prospect Park spielen die Brooklyner Philharmoniker amerikanische Musical-Klassiker. Die Zuschauer haben Kerzen mitgebracht, und alle schauen sie nach vorn. Genau die Balance, die der Bürgermeister sich gewünscht hat.
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