Von Jürgen Dahlkamp
Ein Fehler in diesem Prozessor, und ein Mensch könnte euphorisch werden, wenn andere sich nur freuen, enthemmt werden, wenn andere sich noch schämen, wütend werden, wenn andere sich höchstens ärgern. Und dieser Mensch könnte den Finger am Abzug krümmen, wenn andere noch argumentieren würden: 1966 erschoss der Student Charles Whitman von einem Turm auf dem Universitätsgelände von Austin/Texas wahllos 12 Menschen; im Kopf des Ex-Scharfschützen der US-Marines fand man einen taubeneigroßen Tumor - neben dem Mandelkern.
Doch hat ein derartiger Fehler im Emotionsprogramm auch Ulrike Marie Meinhof zu einer Täterin gemacht? Die Antwort wird in einem gelbgestrichenen Zweistöcker mit weißen Sprossenfenstern gesucht, dem Haus vier der Magdeburger Uniklinik. Bogerts, der Hausherr, versucht nicht zum ersten Mal, einem Gehirn das Geheimnis eines Menschen zu entlocken, der lange tot ist: Schon einmal hat er ein historisch interessantes Organ durchleuchtet, das des Lehrers Ernst August Wagner, der 1913 in Schwaben 14 Menschen niedermetzelte. Die Anomalie, die Bogerts in Wagners Hirn fand, vergleicht er nun mit jener, die Peiffer schon in Tübingen bei Meinhof entdeckte.
Bogerts hatte Wagners Hirn Mitte der achtziger Jahre zufällig im Institut für Hirnforschung der Uni Düsseldorf entdeckt - in der Sammlung des berühmten Oskar Vogt, der nach Lenins Tod das Hirn des Revolutionärs in Scheiben geschnitten hatte, um darin geniale Windungen zu Ehren der Sowjetunion aufzuspüren.
Wagners Zerebrum stand damals unerkannt im Regal, kryptisch etikettiert mit dem Kürzel MD 4. MD 4, das hieß "Mördergehirn vier", und als Bogerts die Kennung zuordnen konnte, wusste er, dass er das Hirn eines der bekanntesten deutschen Psychopathen wiedergefunden hatte. Wagner, ein nach außen hin ziemlich unauffälliger Familienvater, hatte am 4. September 1913 erst seine Frau und die vier Kinder umgebracht, dann erschoss er beim Versuch, alle Männer des Örtchens Mühlhausen bei Pforzheim auszurotten, immerhin neun Menschen und verletzte elf.
Trotzdem entging er dem Schafott. Wagner kam wegen Unzurechnungsfähigkeit in die Heil- und Pflegeanstalt im schwäbischen Winnenden - und wurde für den Psychiater Robert Gaupp zum Fall seines Lebens.
Gaupp schrieb Bücher und Aufsätze über ihn und erklärte das Massaker, das Wagner über Jahre minutiös geplant hatte, mit einem Wahn: Wagner habe geglaubt, ganz Mühlhausen wisse, dass er sich vor Jahren nächtens an einem Stück Vieh vergangen hatte. Also habe er sie alle Männer beseitigen und nur Frauen und Kinder schonen wollen.
Als Bogerts dann Mitte der neunziger Jahre das Gehirn des 1938 gestorbenen Mörders untersuchte, stieß er auf eine Überraschung. Im Limbischen System, einer Region, zu der auch der Mandelkern gehört, entdeckte er an einer besonders kritischen Stelle eine Fehlbildung. Bogerts Schluss: Wagner, der wie Meinhof hochintelligent war - stilsicher als Schreiber zahlreicher Dramen, doch gnadenlos in seinem Hass auf die Welt - dieser Wagner verdankte seinen Wahn zumindest teilweise einem Hirnschaden.
Nun also das Meinhof-Hirn, das Bogerts Kollege Peiffer so lange aufbewahrt hatte: Schon in den vergangenen Monaten hat Bogerts alte Schnitte aus Tübingen analysiert, die Peiffer 1976 angefertigt hatte; nun hat er vom restlichen Gehirn noch ein Teilstück in einen Paraffinblock eingelegt, dann Scheibe für Scheibe mit einem Präzisionshobel abgezogen. Rund 400 mal, immer von vorn nach hinten, jede einzelne Schicht 20 Mikrometer dünn, jede 20. aufgearbeitet mit einem Kontrastmittel, das Nervenzellen blau, Nervenfasern schwarz färbt.
Gestrafft in 37 Grad warmer Gelatine liegen die Schnitte jetzt auf Objektträgern mit den Buchstaben U.M.. Für eine Erkenntnis allerdings braucht Bogerts kein Mikroskop, sein Tübinger Kollege Peiffer hat sie ihm mit dem Präparat auf den Weg gegeben: "Selbst wenn die Befunde bei Wagner und Meinhof gleich wären, kann man nicht einfach die Analogie ziehen: hier Mörder, dort Mörder."
Hier, das ist der Killer Wagner, schizophren-paranoid mit einem angeborenen Hirnschaden in der linken Hirnhälfte weiter hinten, dort dagegen die politische Extremistin, Hirnschaden nicht angeboren, noch dazu in der rechten Hälfte weiter vorn, "das lässt sich nicht 1:1 übertragen", sagt Bogerts. Zudem sei linksextremes Gedankengut, so argumentiert auch der Mediziner, selbstverständlich kein Produkt einer krankhaften Hirnentwicklung. Sonst hätte in den siebziger Jahren jeder zweite Soziologiestudent in die Klapse gehört.
Fest steht aber für Bogerts: Meinhof hatte wie Wagner einen Defekt in einer Hirnregion - "räumlich klein, aber strategisch enorm wichtig" - auf die es bei der Steuerung von Aggressivität und Furcht ankommt. Dass es Jahre dauert, bis ein solcher Hirnschaden tatsächlich zum Psycho-Knacks führt, ist für Bogerts dabei nichts Ungewöhnliches. Und darum hält der Mediziner den Fanatismus, mit dem Meinhof den Bomben- und Ballerkrieg der RAF ab ihrem Abtauchen in den Untergrund rechtfertigte, für ein deutliches Indiz dafür, dass der Hirnschaden nach 1970 ihre Persönlichkeit verändert haben dürfte.
Ein "pathologisches Ausmaß an Aggressivität" glaubt der Hirnforscher bei Meinhof wie bei Wagner diagnostizieren zu können. Bei Meinhof, das ist seine These, lag es an dem Blutschwamm, der trotz der Klammern immer noch auf den Mandelkern gedrückt haben könnte, außerdem an dem Operationsdefekt direkt neben dem Limbischen System. Beides höchst sensible Stellen, entscheidend für das Maß an Hass, Gewaltbereitschaft und Angst eines Menschen - drei Parameter des Terrors.
Gibt es bessere Gründe für verminderte Schuldfähigkeit? Ulrike Marie Meinhof hätte diesen Fluchtweg in ihrem Prozess nehmen können; Peiffer, das schrieb er ihrer Pflegemutter Anfang 1978, hätte als Gutachter "bei jedem Prozess verminderte Zurechnungsfähigkeit bestätigt", selbst wenn "es sich nur um Bagatellvergehen gehandelt hätte". Doch in Stammheim, im Zombieland der RAF, hätte eine solche Flucht in die Krankheit als Hochverrat gegolten. Nicht zurechnungsfähig! Die bekannteste RAF-Terroristin! Meinhof und ihre Anwälte plädierten also nur auf nicht verhandlungsfähig - wegen der Haftbedingungen.
Es gab für Ulrike Marie Meinhof keine Flucht mehr, keine Therapie, und ihren Dämon hatten sie mit ihr zusammen eingesperrt. Sie hat es beschrieben, in ihrer Zelle in Köln-Ossendorf, ganz am Anfang, in der Isolationshaft. Völlig allein hatte sie dort gesessen, in der Todesstille des "toten Trakts", zwischen weißgestrichenen Wänden, und das ewige Licht der Neonröhre leuchtete ihr, Tag und Nacht, Nacht und Tag. Und als Ulrike Marie Meinhof aufschrieb, wie fertig sie war, da schrieb sie über ihr Gehirn: "Das Gefühl, es explodiert einem der Kopf. Das Gefühl, die Schädeldecke müsste eigentlich zerreißen, abplatzen. Das Gefühl, es würde einem das Rückenmark ins Gehirn gepresst... Rasende Aggressivität, für die es kein Ventil gibt. Das ist das Schlimmste."
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