Von Markus Becker, Huntsville/Texas
Auf der Westseite des Walls Unit frösteln ein paar Todesstrafen-Gegner mit Kerzen in den Händen und "Stop Executions"-Schildern vor den Füßen. "Manche Politiker versuchen, mit der Angst vor Verbrechen Wahlen zu gewinnen", sagt Dennis Longmire, Professor für Kriminologie an der Sam Houston State University in Huntsville. Dabei sei längst bewiesen, dass die Todesstrafe das Land nicht sicherer mache. Es gebe Angehörige von Opfern, die gegen die Todesstrafe seien, obwohl sie einen Menschen durch ein Gewaltverbrechen verloren haben. "Diesen Menschen müssen wir größere Aufmerksamkeit verschaffen", sagt Longmire.
"Eine Meile lang und acht Zoll tief"
"Eine Meile lang und acht Zoll tief", so lasse sich in den USA die Zustimmung zur Todesstrafe messen: weitreichend, aber oberflächlich. In Umfragen teilten zwar die meisten Amerikaner die alttestamentarische Auffassung, dass derjenige sein Leben verwirkt, der es einem anderen nimmt. Frage man aber nach den Schwächen im System und den offensichtlichen Ungerechtigkeiten, sinke der Anteil der Todesstrafen-Befürworter dramatisch.
Ob Ogan unschuldig ist? Nein, daran glaubt Longmire nicht. "Aber er ist wahrscheinlich paranoid." Zumindest sei er es gewesen, als er Boswell erschossen habe, denn ansonsten gebe es kein Motiv für seine Tat. Ogan behauptete vor Gericht, er habe um sein Leben gefürchtet, als Boswell zur Waffe griff - und den Polizisten deshalb aus Notwehr getötet. Longmire hält das für durchaus plausibel. "Warum sonst sollte jemand, der für die Polizei gearbeitet hat, auf einen Polizisten zugehen, ihn um Hilfe bitten und ihn dann erschießen?"
Mark Passwaters ist offenbar anderer Meinung: Er wird später schreiben, dass eines von Ogans Gnadengesuchen den Verfolgungswahn geltend gemacht habe, obwohl sich Ogan vor Gericht doch stets seines "hohen Intelligenzquotientens" gerühmt habe.
"Ich habe mich selbst verteidigt"
Es ist 18.50 Uhr. Plötzlich verstummen alle Gespräche. Die Angehörigen von Täter und Opfer verlassen den Wartesaal, säuberlich voneinander getrennt, und gehen zum Gefängnis-Haupteingang auf der anderen Straßenseite. Der Supreme Court hat Ogans Gnadengesuche abgelehnt, die Hinrichtung kann beginnen.
Um 18.54 Uhr wird Craig Ogan aus seiner Zelle geführt. Um 18.55 Uhr schnallt man ihn auf die Pritsche. Ein Justizbeamter drückt die Nadeln in seine Venen. Ogan hat nur noch wenige Minuten Zeit, ehe das Gift in seinen Körper fließt. Nur zwei Glasscheiben und Vorhänge trennen ihn von den Zeugen seiner Hinrichtung. Dann werden die Vorhänge geöffnet, die Zeugen sehen ihn, der Gefängniswärter fragt Ogan nach seinen letzten Worten.
Keine Worte des Bedauerns
Meist sprechen die Verurteilten in diesem Moment ein Gebet, bitten die Angehörigen der Opfer um Vergebung, appellieren an die Stärke ihrer eigenen Familie. Craig Ogan aber tut nichts dergleichen. Er findet keine Worte des Bedauerns. Die Mutter Boswells, seine drei Brüder und seine Schwester sitzen wenige Meter von ihm entfernt. Er widmet ihnen keine Silbe.
"Ich habe mich reflexartig selbst verteidigt gegen einen Polizisten, der außer Kontrolle war", sagt Ogan. Boswell habe wie ein Wahnsinniger getobt, als er aus dem Auto ausgestiegen sei. "Die Menschen, die für meinen Tod verantwortlich sind, werden Blut an ihren Händen haben."
Drei lange Minuten redet Ogan, wie ein Ertrinkender, der weiß, dass seine Zeit zu Ende geht. Zwei Minuten sind erlaubt. Zwei Minuten, um mit der Welt seinen Frieden zu machen. Ogan beschuldigt sein Opfer, die "wirklich gewalttätigen Verbrechen" begangen zu haben. Es gebe Beweise, dass die Vorwürfe gegen ihn konstruiert und anderes vertuscht worden sei. Boswell habe Kontakte zu "feindlichen Agenten" gehabt.
Unvermittelt bäumt sich Ogan auf. Sein letztes Wort geht in einem Gurgeln unter. Es ist 18.57 Uhr. Der Henker, für niemanden zu sehen, hat mitten im Satz auf den roten Knopf gedrückt. "Sehr gut", sagt einer der Zeugen. Er bleibt unerkannt. Die Maschine pumpt eine tödliche Dosis Beruhigungsmittel in Ogans Venen. Ogan keucht zwei Mal, dann ist er ruhig. Die Anlage beginnt ihren nächsten Arbeitsschritt: Sie verabreicht Ogan ein Muskelentspannungsmittel. Sein Zwerchfell und seine Lunge kollabieren. Dann pumpt die Maschine eine dritte Chemikalie aus ihren Zylindern in Ogans sterbenden Kreislauf. Sein Herz bleibt stehen.
"Mister IQ 140 hat sich verrechnet"
Drei Minuten dauert die Injektion. Die Chemikalien haben den Staat Texas 86 Dollar und acht Cents gekostet, wie die Gefängnisverwaltung auf ihrer Webseite vorrechnet. Um 19.13 Uhr wird Ogan für tot erklärt.
Wenig später verlassen die Zeugen das Walls Unit. Mark Passwaters ist aufgebracht: Ogans letzte Worte seien die Abstoßendsten gewesen, die er je gehört habe. Er erzählt von diesem Gnadengesuch, das sich auf Verfolgungswahn berufen habe. "Tja, das hat wohl nicht funktioniert. Da hat sich Mister IQ 140 verrechnet."
Vor dem Gefängnis verabschiedet sich einer der an der Hinrichtung beteiligten Wärter von Boswells Freunden und Angehörigen. "Danke für die gute Arbeit", sagt ein Polizist aus Houston. "Wie immer", sagt der Wärter. "Morgen werden wir wieder gute Arbeit leisten." Der Mann soll Recht behalten. Einen Tag nach Craig Ogan stirbt William Chappell in der Todeskammer des Walls Unit. Er ist in diesem Jahr die Nummer 31.
Mark Passwaters ist genervt und will so schnell wie möglich in den Feierabend. In Windeseile ergänzt er seinen Artikel um das, was er in der letzten Stunde gesehen hat. Am nächsten Tag wird ein schablonenhafter Artikel in der Lokalzeitung stehen, der lange Passagen über Ogans Verbrechen und über die Aussagen der Opfer-Angehörigen enthält, einen Absatz über die Hinrichtung selbst und fast nichts über Ogans Prozess, seinen persönlichen Hintergrund und die Umstände seiner Verurteilung.
Als Passwaters fertig ist, hebt er die rechte Hand und lässt sie mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die Speicher-Taste fallen. Der Monitor wird schwarz. "Mister Ogan ist jetzt offiziell erledigt."
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