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11.12.2002
 

Wie Kinder die Globalisierung sehen

"Ein Traum, den Du alleine träumst, ist nur ein Traum"

Von Holger Kulick

500 Kinder fotografierten ihren Alltag - alle zur gleichen Zeit. Das Ergebnis: Bilder, die unter die Haut gehen. SPIEGEL ONLINE zeigt eine Auswahl der bewegenden Fotos, die derzeit in einer Wanderausstellung präsentiert werden.

Berlin - Schade, Joschka Fischer hat gefehlt. Dabei wurde am Dienstagabend in seinem Dienstsitz, dem Auswärtigen Amt in Berlin eine Fotoausstellung eröffnet, die lehrreicher war, als mancher Fachvortrag zur Außenpolitik. Rund 500 Schüler aus 45 Ländern zeigen dort Bilder, die nur eins gemeinsam haben - alle sind am 30. April 2002 entstanden und erschließen fremde Welten mit unbefangenem Kinderblick. Das Motto: "Imagine...your photos will open my eyes".

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"Das Innere meines Kühlschranks. Ich war hungrig. Essen ist ein wichtiger Teil von meinem Leben". Foto von Emily Brinton (16) aus Broken Arrow in den USA "Mittags in der Nehalat-Benjamin-Straße. Alle Flaggen zeigen etwas israelisches. Das Bild gefiel mir, deshalb machte ich das Foto". Guy Cohen (13) aus Hadera in Israel. Kinderarbeit in Nepal. Foto von Rampa Karki (10) aus Kathmandu "In der Duarte Straße von Boca Chica. Wenn die Eltern arbeiten würden, wie es sich gehört, müssten die Jungen nicht auf der Straße Schuhe putzen". Foto von Eliza Charles Degado (15) aus Boca Chica in der Dominikanischen Republik
Stolzer Traum. Foto von Benedicte Massa (11) aus Mora in Kamerun "Ich mag meine Mutter und ihre harte Arbeit so sehr. Ich habe es ihr zu verdanken, dass ich immer etwas zu essen habe und zur Schule gehen kann". Foto von Mulengu Luyando (11) aus Zambia "Schlafende Jugendliche. Wenn Du müde bist, solltest Du in einem Bett schlafen, nicht auf dem Boden". Joseph Enama Noah (14) aus Yaoundé in Kamerun. "Eine Frau schneidet Feuerholz. Dabei hat sie nicht das Recht dazu. Denn die grünen Zweige sind die Lungen für unser Leben. Früher, als wir noch Nomaden waren, haben wir die Pflanzen für unsere Dromedare gebraucht. Wir haben nur das verbrannt, was sie nicht aßen. Heute wir alles verbrannt". Foto von Asiata Baala (12) aus M'Hamid in Marokko
Computerkurs in Grönland. Foto von Paninannguaq Robach aus Ilulissat. Große Sprünge. Foto von Enkg-Uchral Enkhbayar (13) aus Ulaanbaatar, Mongolei "Eine Frau verkauft Kohle. Das ist ihr einziger Reichtum um zu überleben. Damit will ich zeigen, wie schwierig das Leben für ungebildetere Frauen ist". Foto von Fatimétou Zahara Tgiogane (13) aus Kaolack im Senegal "Ich lebe in einem Viertel, in dem Hochwasser praktisch alles zerstört hat. Ganze Familien mussten das Viertel verlassen und ihre Häuser aufgeben. Wer geblieben ist, lebt in einer ungesunden Umgebung. Viele sind kränklich durch das stegende Regenwasser. Irgendwelche Hilfe von den Behörden gab es nicht". Foto von Bassiro N'Diaye (9) aus Dakar im Senegal.
"Einmarsch auf den Sportplatz. Die Jungen sind voller Mut und Stolz". Foto von Meng Li (11) aus Peking in China. "Mein Vater und mein Esel 'Forest' in unserem Wohnzimmer. Humor gehört zu meinem Leben". Shai Anavi (15) aus Kefar Hogla in Israel "Die alten Erbauer der Großen Mauer haben enorme Mühsale ertragen, sie zu errichten um sich und ihre Nachfahren vor einer Invasion zu schützen. Heute ist die Mauer ein Ort, der viele Besucher aus fremden Ländern empfängt. Sie ist zu einem Friedenssymbol geworden. Wenn die alten Bauherren diese Szene sehen würden, wären sie stolz auf sich selbst und die Menschen im neuen China". Yuxi Liu (14) aus Peking fotografierte das Touristenfestmahl auf der Mauer "Meine Nachbarschaft ist sehr ärmlich in einer gemischten Stadt mit Arabern und Juden. Die Straße ist voller Müll und stinkendem Abwasser. Auf dem Bild sind auch die Neubauten für die Russen zu sehen. Die Straßenreinigung kommt jeden Tag dorthin aber nicht hierher. Die Leute dort befinden sich mit uns im ständigen Konflikt. Sie hassen die Stimme des Muezzin. Einmal wollten sie die Moschee zerstören, aber wir haben die Bulldozer mit unseren Körpern gestoppt. Wir waren vor ihnen hier und bleiben hinter ihnen zurück." Foto von Suliman Nasara aus Lod in Israel
Ohne Kommentar. Foto von Yadira del Carmen Romero Blanco (13) aus Reparto Hamburgo in Nicaragua "Ein Freund von mir wäscht seinen Büffel. Wir müssen die Tiere gut pflegen, denn sie helfen den Bauern ihre Ackergeräte zu ziehen". Foto von Nguyen Thi Dieu Huyen (10) aus Thach Ha in Vietnam "Seitdem es die Taliban nicht mehr gibt, gibt es jetz auch gemischten Unterricht in unserer Schule". Foto von Margalei (13) aus Kabul in Afghanistan "Hochwasser in der Stadt Kurgan. Eine alte Frau sitzt Tag und Nacht auf ihrem Fernseher, den sie vor den Fluten gerettet hat und bewacht ihr Haus vor Einbrechern". Foto von Dimitri Serow aus Kurgan in Russland

Die Idee hatte ein 27-jähriger Politikstudent und Journalist aus Berlin. Phillip Abresch hatte mehrere Institutionen angeschrieben, ob sie ihn bei diesem fotografischen Brückenschlag unterstützen könnten und fand in der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) einen kompetenten Helfer. Die Organisation, die deutsche Entwicklungshilfeprojekte weltweit koordiniert, setzte ihre Mitarbeiter in Bewegung, per Fragebogen junge Leute zwischen neun und 16 für das Projekt zu gewinnen. Das Unterfangen sprach sich schnell herum, ein Mädchen in Nicaragua ritt sogar zwei Stunden auf ihrem Pferd zur dortigen Ausgabestation der benötigten Kleinbildkameras mit je einem Film.

Drei Lieblingsbilder aus ihren fotografierten Lebenswelten durfte jeder Teilnehmer auswählen. Sie reichen von fröhlicher Ausgelassenheit beim Barfuß-Fußballspiel in Marokko bis hin zur depressiven Einsamkeit einer Kriegs-Witwe im Kosovo. Zudem reichen die Kontraste von der schlichten Abbildung eines Pepsi- und Coca-Cola-Automaten in einer amerikanischen Schule bis zum lehrreichen Portrait einer afrikanischen Großfamilie. Der zugehörige Kommentar der 13-jährigen Fotografin aus Sambia geht unter die Haut: "Ich habe dieses Foto gemacht, weil ich anderen Leuten diesen seltenen Anblick zeigen wollte. Es ist so selten in einem Land wie Sambia mit seiner Armut und dem AIDS, dass so viele Generationen einer Familie noch am Leben sind...".

Lehren manchmal auf den zweiten Blick

Auf diese Weise ist die Ausstellung "keine niedliche Kinderbildershow", sagt Franziska Donner, die GTZ-Chefin in Berlin, sondern ein eindrucksvolles Denkanstoßpaket in Bild und Wort - manchmal auch erst auf den zweiten Blick. So portraitiert ein 15-Jähriger aus Kenia zwei grinsende Straßenjungen, die wie Preisboxer posieren. Dazu erläutert der Fotograf Jared Owinyo ein leicht zu übersehendes Detail: "Der rechte hält eine Flasche mit Klebstoff zwischen seinen Zähnen. Klebstoffschnüffeln ist unter Straßenkindern in Nairobi weit verbreitet. Die beiden Jungen zeigen uns die andere Seite der kenianischen Gesellschaft...".

"Imagine" - Jugendliche Fotokunst mit Hintersinn im Auswärtigen Amt
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Wassermeyer/ GTZ

"Imagine" - Jugendliche Fotokunst mit Hintersinn im Auswärtigen Amt

Ähnlich sorgt ein 16-Jähriger aus Nepal mit einem zunächst beschaulichen Bild zweier angelnder Kinder für eine überraschende Horizonterweiterung: "Um ihre Familien zu unterstützen, müssen bei uns viele Kinder zum Fischen gehen, anstatt in die Schule". Das Gros der ausgewählten Bilder hat solch einen lehrreichen Hintergrund, selbst wenn nur Freunde, Eltern oder die unmittelbare Nachbarschaft vor die Linse kommen, erschließen die Bilder vieles in der Psyche der Kids. So fotografierte die 14-jährige Ivana Tumko aus Bosnien-Herzegowina nur die Uno-Jeeps auf einem Parkplatz. Ihre Begründung: "Die Uno-Soldaten haben den Frieden mitgebracht. Für mich bedeuten sie Sicherheit".

"Die Hand nach einer hellen Zukunft ausgestreckt"

Was gelegentlich auffällt: Kinder aus wohlhabenderen Ländern heben gerne Dinge hervor, auf die sie besonders stolz sind - bis hin zum vollen Kühlschrank einer jungen Amerikanerin. Kinder aus weniger wohlhabenderen Gegenden drücken dagegen gerne Wünsche und Hoffnungen aus. Den Blick eines Jungen aus einem Fenster in Nairobi betitelt eine 14-jährige Kenianerin: "Für mich zeigt das Bild die Zukunft der afrikanischen Kinder von heute - im Dunkeln stehen und die Hand nach einer hellen Zukunft ausgestreckt".

Im Sinne fotografisch praktizierter Völkerverständigung ist der Berliner Ausstellung eine Textzeile des ehemaligen Beatles John Lennon vorangestellt: "Imagine all the people living life in peace". Als Schirmherrin der Ausstellung hat dessen Ehefrau Yoko Ono den Satz ergänzt: "A dream you dream alone is only a dream. A dream you dream together is reality."

Mit diesem Anspruch für den weltweiten (Foto-)Dialog der gegenwärtig heranwachsenden Generation will die GTZ ihr Projekt fortsetzen, auch wenn die Mittel dazu in den vergangenen Tagen beinah zusammengestrichen worden sind. Nun wird darauf gehofft, dass auch die deutschen Botschaften das Projekt im Ausland zeigen und vertiefen. Auch allen Bundestagsabgeordneten wurde angeboten, das Musterbeispiel praktizierter Globalisierung in ihren Wahlkreisen auszustellen, die Resonanz bei zahlreichen Parlamentariern war bislang überraschend positiv.

Zusätzliches Internetforum

Für alle Teilnehmer wurde zusätzlich ein Internet-Forum eingerichtet, um sich über die unterschiedlichen (Bild-)Welten weiterhin auszutauschen. Auch Neugierige können sich seit heute unter www.imagine.gtz.de an dem Brückenschlag im Bild zwischen den Welt-Kulturen beteiligen.

Im Original ist die komplette Ausstellung noch bis zum 12. Januar 2003 im Auswärtigen Amt in Berlin-Mitte zu sehen (täglich zwischen acht und 22 Uhr, mit Katalog). Darunter auch das Foto eines 11-jährigen Kameruners, das schlicht und einfach eine Ziege zeigt - als Vermögensanlage mit Hintersinn: "Wenn die Ziege groß ist, verkaufen meine Eltern sie und zahlen davon mein Schulgeld", lehrt der junge Fotograf. Vielleicht findet Außenminister Joschka Fischer doch noch Zeit für diese lohnende Lehrstunde aus Kindersicht.

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