Von Holger Kulick
Berlin - Schade, Joschka Fischer hat gefehlt. Dabei wurde am Dienstagabend in seinem Dienstsitz, dem Auswärtigen Amt in Berlin eine Fotoausstellung eröffnet, die lehrreicher war, als mancher Fachvortrag zur Außenpolitik. Rund 500 Schüler aus 45 Ländern zeigen dort Bilder, die nur eins gemeinsam haben - alle sind am 30. April 2002 entstanden und erschließen fremde Welten mit unbefangenem Kinderblick. Das Motto: "Imagine...your photos will open my eyes".
Die Idee hatte ein 27-jähriger Politikstudent und Journalist aus Berlin. Phillip Abresch hatte mehrere Institutionen angeschrieben, ob sie ihn bei diesem fotografischen Brückenschlag unterstützen könnten und fand in der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) einen kompetenten Helfer. Die Organisation, die deutsche Entwicklungshilfeprojekte weltweit koordiniert, setzte ihre Mitarbeiter in Bewegung, per Fragebogen junge Leute zwischen neun und 16 für das Projekt zu gewinnen. Das Unterfangen sprach sich schnell herum, ein Mädchen in Nicaragua ritt sogar zwei Stunden auf ihrem Pferd zur dortigen Ausgabestation der benötigten Kleinbildkameras mit je einem Film.
Drei Lieblingsbilder aus ihren fotografierten Lebenswelten durfte jeder Teilnehmer auswählen. Sie reichen von fröhlicher Ausgelassenheit beim Barfuß-Fußballspiel in Marokko bis hin zur depressiven Einsamkeit einer Kriegs-Witwe im Kosovo. Zudem reichen die Kontraste von der schlichten Abbildung eines Pepsi- und Coca-Cola-Automaten in einer amerikanischen Schule bis zum lehrreichen Portrait einer afrikanischen Großfamilie. Der zugehörige Kommentar der 13-jährigen Fotografin aus Sambia geht unter die Haut: "Ich habe dieses Foto gemacht, weil ich anderen Leuten diesen seltenen Anblick zeigen wollte. Es ist so selten in einem Land wie Sambia mit seiner Armut und dem AIDS, dass so viele Generationen einer Familie noch am Leben sind...".
Lehren manchmal auf den zweiten Blick
Auf diese Weise ist die Ausstellung "keine niedliche Kinderbildershow", sagt Franziska Donner, die GTZ-Chefin in Berlin, sondern ein eindrucksvolles Denkanstoßpaket in Bild und Wort - manchmal auch erst auf den zweiten Blick. So portraitiert ein 15-Jähriger aus Kenia zwei grinsende Straßenjungen, die wie Preisboxer posieren. Dazu erläutert der Fotograf Jared Owinyo ein leicht zu übersehendes Detail: "Der rechte hält eine Flasche mit Klebstoff zwischen seinen Zähnen. Klebstoffschnüffeln ist unter Straßenkindern in Nairobi weit verbreitet. Die beiden Jungen zeigen uns die andere Seite der kenianischen Gesellschaft...".
Ähnlich sorgt ein 16-Jähriger aus Nepal mit einem zunächst beschaulichen Bild zweier angelnder Kinder für eine überraschende Horizonterweiterung: "Um ihre Familien zu unterstützen, müssen bei uns viele Kinder zum Fischen gehen, anstatt in die Schule". Das Gros der ausgewählten Bilder hat solch einen lehrreichen Hintergrund, selbst wenn nur Freunde, Eltern oder die unmittelbare Nachbarschaft vor die Linse kommen, erschließen die Bilder vieles in der Psyche der Kids. So fotografierte die 14-jährige Ivana Tumko aus Bosnien-Herzegowina nur die Uno-Jeeps auf einem Parkplatz. Ihre Begründung: "Die Uno-Soldaten haben den Frieden mitgebracht. Für mich bedeuten sie Sicherheit".
"Die Hand nach einer hellen Zukunft ausgestreckt"
Was gelegentlich auffällt: Kinder aus wohlhabenderen Ländern heben gerne Dinge hervor, auf die sie besonders stolz sind - bis hin zum vollen Kühlschrank einer jungen Amerikanerin. Kinder aus weniger wohlhabenderen Gegenden drücken dagegen gerne Wünsche und Hoffnungen aus. Den Blick eines Jungen aus einem Fenster in Nairobi betitelt eine 14-jährige Kenianerin: "Für mich zeigt das Bild die Zukunft der afrikanischen Kinder von heute - im Dunkeln stehen und die Hand nach einer hellen Zukunft ausgestreckt".
Im Sinne fotografisch praktizierter Völkerverständigung ist der Berliner Ausstellung eine Textzeile des ehemaligen Beatles John Lennon vorangestellt: "Imagine all the people living life in peace". Als Schirmherrin der Ausstellung hat dessen Ehefrau Yoko Ono den Satz ergänzt: "A dream you dream alone is only a dream. A dream you dream together is reality."
Mit diesem Anspruch für den weltweiten (Foto-)Dialog der gegenwärtig heranwachsenden Generation will die GTZ ihr Projekt fortsetzen, auch wenn die Mittel dazu in den vergangenen Tagen beinah zusammengestrichen worden sind. Nun wird darauf gehofft, dass auch die deutschen Botschaften das Projekt im Ausland zeigen und vertiefen. Auch allen Bundestagsabgeordneten wurde angeboten, das Musterbeispiel praktizierter Globalisierung in ihren Wahlkreisen auszustellen, die Resonanz bei zahlreichen Parlamentariern war bislang überraschend positiv.
Zusätzliches Internetforum
Für alle Teilnehmer wurde zusätzlich ein Internet-Forum eingerichtet, um sich über die unterschiedlichen (Bild-)Welten weiterhin auszutauschen. Auch Neugierige können sich seit heute unter www.imagine.gtz.de an dem Brückenschlag im Bild zwischen den Welt-Kulturen beteiligen.
Im Original ist die komplette Ausstellung noch bis zum 12. Januar 2003 im Auswärtigen Amt in Berlin-Mitte zu sehen (täglich zwischen acht und 22 Uhr, mit Katalog). Darunter auch das Foto eines 11-jährigen Kameruners, das schlicht und einfach eine Ziege zeigt - als Vermögensanlage mit Hintersinn: "Wenn die Ziege groß ist, verkaufen meine Eltern sie und zahlen davon mein Schulgeld", lehrt der junge Fotograf. Vielleicht findet Außenminister Joschka Fischer doch noch Zeit für diese lohnende Lehrstunde aus Kindersicht.
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