Von Holger Kulick
Berlin - Erich Kundel ist ein geschichtsbewusster Mann. Vier Jahre nach der Wende übernahm der 47-jährige Historiker die ehemaligen Volksbuchhandlung Karl-Marx in Ostberlins berühmter Karl-Marx-Allee. Und er gründete einen Förderverein, der sich mit der Geschichte und der Vermarktung dieses sozialistischen Vorzeigeboulevards beschäftigt.
Anfang der fünfziger Jahre waren dort imposante Wohnbauten nach Moskauer Vorbild in den Himmel gewachsen, als "Nationales Aufbauwerk" zu Ehren des sowjetischen Diktators Josef Stalin. 90 Meter breit und 2,3 Kilometer lang ist der Straßenzug, gesäumt von Läden, Cafés und zwei Kinos.
Im Zuge der Entstalinisierung verschwand 1961 quasi über Nacht der Straßenname, ebenso ein Denkmal des Namenspatrons. Einem Handwerker, der die Statue unter Stasi-Aufsicht zerstören sollte, ist es zu verdanken, dass es noch zwei Bruchstücke davon gibt: Stalins halben Schnurrbart und ein Ohr des Diktators. Beide Bronzeteile sind im Café Sibylle ausgestellt, einem zu DDR-Zeiten beliebten Zeitgeist-Treff in der Karl-Marx-Allee. Dieses Lokal hat Erich Kundel zu einem kleinen Museum über die Geschichte des Prachtboulevards gemacht.
Kundels Förderverein sind auch etwa 50 Informationstafeln auf dem Boulevard zu verdanken, die dessen Baugeschichte beschreiben. Aber nur eine von ihnen erinnert daran, dass von diesen gigantischen Baustellen am 17. Juni 1953 der berühmte Arbeiteraufstand ausging.
Kundel fand das zu mickrig. Lange rangen er und sein Verein um ein zusätzliches Mahnmal, das die mutigen Bauarbeiter würdigt. Doch jahrelang interessierte sich niemand dafür. Erst jetzt, im Vorfeld des 50. Jahrestags des 17. Juni, veränderte sich das Klima.
DGB-Chef Sommer kommt zur Einweihung
Das Bezirksamt segnete das Denkmal ab. Eine Künstlerin wurde beauftragt. Der Deutsche Gewerkschafts-Bund finanziert eine Plakette. Zur Einweihung am 17. Juni spricht DGB-Chef Sommer höchstpersönlich.
Vier Meter lang soll die "Denkzeile" werden, gestaltet aus Abbruchziegeln, wie sie auch für den Bau in der Stalinallee benutzt worden sind. Als Standort wurde ein Wiesenstück mit Rosengarten gewählt - direkt gegenüber dem legendären "Block 40", nur wenige Meter hinter der ehemaligen Stalinallee gelegen.
Der Wohnblock mit seinen 26 Aufgängen umfasst drei Straßenzüge an der Löwen- und Auerstraße und am Weidenweg in Friedrichshain. Er wurde im gleichen Zuckerbäckerstil gebaut wie die Stalinallee und bot zum Einzug 1954 einen Luxus, von dem viele Berliner damals nur träumen konnten: Zentralheizung, Warmwasser, Innenklo, Müllschlucker und Telefonanschluss.
Von dieser Großbaustelle waren am 15. und 16. Juni 1953 erste illegale Streiks und Protestzüge gegen die verordnete Normerhöhung ausgegangen. Damals wurde den Bauarbeitern und Lehrlingen zehn Prozent mehr Arbeit ohne Lohnausgleich abverlangt. Dagegen wollten sie sich wehren.
Empörung über das Denkmal
Die heutigen Bewohner des einstigen Prachtblocks sind alles andere als glücklich über das geplante Denkmal. Überflüssig sei es, befinden viele. Und überhaupt: Wer habe das beschlossen? Eine öffentliche Diskussion fand nicht statt, eher durch Zufall erfuhren Anwohner von der Planung - und beschwerten sich prompt bei der zuständigen PDS-Bezirksbürgermeisterin Cornelia Reinauer. Sie fürchten ein Denkmal mit möglicherweise einseitiger Geschichtsauslegung.
Die Bürgermeisterin zeigte Verständnis. Im Block 40 wohnen schließlich zahlreiche ehemalige DDR-Funktionäre, die ungern auf den 17. Juni 1953 zu sprechen kommen. Die häufigste Antwort an den Wohnungstüren: "17. Juni - weeß ick nich, will ick nix zu sagen".
Misstrauisch, nur über ihre Sprechanlage berichtet eine Bewohnerin in der Löwenstraße, dass auf ihrem Wohnungszuweisungsschein 1954 tatsächlich "Block 40" gestanden habe, daran erinnert sie sich genau. Ihre Nachbarin, eine 73-jährige Wissenschaftlerin, gibt freimütig zu: "Die streikenden Bauarbeiter haben mich damals nicht interessiert, die verdienten doch eh schon viel mehr als wir alle."
Auch ein Ehepaar, beide 80, das täglich seine Runde um den Rosengarten dreht, schüttelt über den Denkmalsplan den Kopf. Beide erinnern sich vor allem an Vandalismus an jenem schicksalsreichen Tag. Demonstranten, die vom Block 40 an ihrem nahe gelegenen Wohnhaus vorbeigelaufen kamen, hätten eine Frau auf dem Nachbarbalkon mit einem Steinwurf schwer verletzt, tödlich sogar, glauben sie. Belege gibt es dafür nicht. Solche Gewalt habe sich gegen vermeintliche Partei-Bonzen gerichtet, berichten sie, obwohl doch viele Erstbezieher in der Stalinallee auch verdiente Bauarbeiter oder Trümmerfrauen waren.
Ahnungslosigkeit und Desinteresse im Block 40
Dazu zählt auch Leni F., Bewohnerin des Block 40, sie half damals ihrer Oma beim Enttrümmern und ist später in deren Wohnung nachgerückt. Nun lehnt sie sich aus ihrem Fenster im Erdgeschoss des Weidenwegs heraus und blickt genau auf den Park, wo das Denkmal stehen soll. "Das Geld kann man anderweitig verwenden!", schimpft die ehemalige Bezirksabgeordnete. Dass sie im historischen Block 40 wohnt, ist ihr nicht bewusst - so wie den wenigsten Mietern wissen, an welchem prominenten Ort sie leben.
Weder beim Friseur, der sich schon seit 1954 in dem Gebäudekomplex befindet, noch bei der ausgelagerten Hausverwaltung der Wohnungsbaugesellschaft Friedrichshain ist diese Historie ein Begriff. "Wir sind zu jung dafür", entschuldigt sich das Personal. Außerdem habe man zu DDR-Zeiten nicht über den 17. Juni gesprochen, geschweige denn geforscht. Und Hinweisschilder habe es nie gegeben.
Nicht einmal im PDS-Büro, das ebenfalls im Block 40 integriert ist, ahnt man etwas von der revolutionären Vorgeschichte der eigenen vier Wände. Geschäftsführerin Christine Richter bezog hier 1998 mit ihrem "Roten Laden" Quartier. Nun ist sie peinlich berührt ob der 50 Jahre alten Neuigkeit. Hastig ruft die Parteifunktionärin bei einem Mitarbeiter der Historischen Kommission ihrer Partei an. Der staunt nur.
Putschversuch westlicher Konterrevolutionäre
Im PDS-Büro liegt eine Broschüre aus, in der die Landes-PDS klar Position gegen alte Missdeutungen des 17. Juni bezieht und bedauert, dass "die Bestrebungen zur Demokratisierung der Gesellschaft mit der Niederschlagung der Erhebung gescheitert sind".
Christine Richter weiß, wie schwer diese neue Sichtweise manchen Alt-Genossen im Block 40 fällt. Für viele ist und bleibt der der 17. Juni eine Art Putschversuch westlicher Konterrevolutionäre.
Als am letzten Wochenende im Café Sibylle öffentlich über das Denkmal debattiert werden soll, war von den Kritikern nichts zu sehen und zu hören. Die Altfunktionäre scheuten den Disput. Vielleicht lag es an der Uhrzeit oder am Wetter - Freitagabend bei strahlendem Sonnenschein - , rätselt Christine Richter. Doch die Bezirksbürgermeisterin ist genervt: "Einen weiteren Diskussions-Termin gibt's mit mir nicht."
Nur Erich Kundel freut sich im Stillen. Er und sein Verein werden das Denkmal bekommen. Auch ohne Debatte. Ihr Denkanstoß sitzt.
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