Von Susanne Amann
Berlin - Nuray ist 17 und in Berlin geboren. Sie hat durch Zufall erfahren, dass sie verheiratet ist. Mit einem Mann, den sie nicht kennt und den sie nicht will. Der Vater der jungen Türkin hat den künftigen Partner ausgesucht und sich durch das Nein der Tochter nicht beirren lassen: Er ist kurzerhand in die Türkei gefahren und hat Nuray dort ohne ihr Wissen den Bund fürs Leben schließen lassen - die nötige Unterschrift leistete die Schwester des Bräutigams.
Nuray ist kein Einzelfall. Ihre Geschichte ist eines von vielen Schicksalen aus einem Bericht der Frauenorganisation Terres des Femmes. Allein in Berlin flüchteten sich im vergangenen Jahr 230 Mädchen und junge Frauen in Hilfseinrichtungen. Das ergab eine Umfrage des Senats. Der Grund: Angst vor Zwangsverheiratung. Fast 70 Prozent der geflüchteten Mädchen waren minderjährig, 30 Prozent hatten schon einen Selbstmordversuch hinter sich. Diese Zahlen aber, so fürchten Frauenorganisationen, zeigten nur die Spitze des Eisberges: "Wir gehen von einer sehr, sehr hohen Dunkelziffer aus", sagte Rahel Volz von Terre des Femmes bei einer Anhörung der Grünen-Bundestagsfraktion in Berlin.
Verbot der Zwangsehe
Als Zwangsheiraten gelten jene Ehen, die gegen den Willen mindestens eines der beiden Partner geschlossen werden. Das ist in Deutschland ausdrücklich verboten. Und auch der Artikel 16 der allgemeine Erklärung der Menschenrechte sagt: "Die Ehe darf nur aufgrund der freien und vollen Willenseinigung der zukünftigen Ehegatten geschlossen werden." Aber: Eine Studie der Unicef hat ergeben, dass weltweit jedes Jahr Millionen von Mädchen bereits vor oder kurz nach ihrer Pubertät verheiratet werden. Die Uno bezeichnet die Zwangsheirat sogar als eine "moderne Form der Sklaverei".
Wie viele Frauen in Deutschland gegen ihren Willen die Ehe eingehen müssen, ist unbekannt. Eine Studie unter mehr als hundert Türkinnen aus Berlin zeigt, dass fast die Hälfte der Frauen eine arrangierte Heirat eingingen - fast 40 Prozent davon taten es gegen ihren Willen. Knapp weitere 40 Prozent hatten ihren Ehemann vor der Hochzeit nicht gesehen. Die Berliner Rechtsanwältin Seyran Ates berichtet, dass von ihren Scheidungsmandantinnen rund die Hälfte zwangsverheiratet worden sind. Eine Studie des Bundesfamilienministeriums will bis Mitte nächsten Jahres erstmals Zahlen für ganz Deutschland vorlegen.
Die Gründe für die Heirat wider Willen sind vielfältig. "Es geht bei der Partnerwahl zum einen darum, eine gewisse Identität oder Kultur zu bewahren", sagt Corinna Ter-Nedden von der Hilfsorganisation Papatya. Auch finanzielle Aspekte spielen eine Rolle - in vielen Kulturkreisen wird für die Frau ein Brautpreis gezahlt. Oft ist es aber auch der Versuch, die eigenen Töchter zu disziplinieren, die in westlichen Gesellschaften aufwachsen und sich nicht mehr in alte Traditionen fügen wollen.
Dabei ist das Phänomen der Zwangsehe nicht auf den islamischen Kulturkreis beschränkt. In Deutschland betrifft es nur deswegen so viele türkische Frauen, weil sie die größte Gruppe unter Migrantinnen stellen. "Das ist keinem bestimmten Gesellschaftssystem zuzuordnen", sagt Rahel Volz . Rund um die Welt würden Frauen gegen ihren Willen in die Ehe gezwungen. Die Liste der Länder ist lang: Pakistan, Ägypten, Marokko, Äthiopien, Burkina Faso, Indien und China. Selbst in den USA sind Fälle bei den Mormonen aufgetreten, einer streng religiösen Minderheit.
Mitschuld der Familie
Wo die Tochter einem Mann zugeordnet wird wie ein Stück Ware, sind nicht selten die nahesten Angehörigen mit schuld. "In den Familien fehlt das Unrechtsbewusstsein", sagt Anwältin Seyran Ates. Sie fordert deshalb einen eigenen Paragrafen im Gesetzbuch, der die Zwangsheirat unter Strafe stellt. "Bisher können die Mädchen und Frauen ihre Männer oder Väter nur wegen Körperverletzung oder Vergewaltigung anzeigen", sagt Ates. Diese hilfsweise herangezogenen Paragrafen signalisierten den Eltern aber nicht, worum es geht: "Dass Zwangsheirat eine Menschenrechtsverletzung ist." Hinzu komme, dass die Hemmschwelle, die eigenen Eltern anzuzeigen, sehr hoch sei. Selbst wenn die jungen Frauen über Monate eingesperrt, geschlagen und vergewaltigt würden, käme ein Bruch mit der Familie für sie nur in den seltensten Fällen in Frage.
Die Grünen halten sich in Bezug auf eine Strafrechtsverschärfung vorerst bedeckt. Man wisse noch zu wenig, um diese Frage zu beurteilen, sagte die frauenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, Irmingard Schewe-Gerigk. Deshalb plädieren die Grünen vorerst für vorbeugende Maßnahmen. "Die Schulen sollen mehr über Hilfsangebote informieren", fordert Schewe-Gerigk. Vor allem die Lehrer sollten sensibilisiert werden, die oft nichts von dem Problem wüssten, so die Grüne. Erst nach den Sommerferien könnte einem Pädagogen beim Blick auf einen leeren Stuhl dämmern, was mit seiner Schülerin geschehen ist - dass Nuray nicht mehr wiederkommt.
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