Von Matthias Gebauer
Jakarta/Bangkok - Wie der Mann aussieht, dessen Festnahme George W. Bush am Donnerstag in Jubelstimmung versetzte, wissen zurzeit nur wenige. Aus US-Quellen verlautete am Freitag, dass sich der etwa 40-jährige Hambali, der mit richtigem Namen Riduan Isamuddin heißt, in den letzten Monaten mehreren gesichtschirurgischen Eingriffen unterzogen hat und kaum noch zu erkennen gewesen sei. Außerdem war er im Gegensatz zu den Fahndungsbildern gut rasiert, als er Anfang der Woche in der thailändischen Tempelstadt Ayutthaya festgenommen wurde.
Ebenso geheim wie sein jetziges Aussehen ist sein aktueller Aufenthaltsort. Klar ist nur, dass ein "spezielles amerikanisches Flugzeug" den Terror-Verdächtigen in Bangkok abgeholt hat. Dieses Prozedere ist seit den Dutzenden von Festnahmen rund um den Globus bekannt. Die CIA schickt einen unauffälligen Jet und nachdem er abgehoben hat, wird der Verbleib des Verdächtigen nur noch mit "in US-Gewahrsam" beschrieben. Wahrscheinlich wird er auf einer der zahlreichen US-Basen in der Region von CIA-Fahndern verhört. Wie bei anderen Fällen werden die Fragen eher interessen- und weniger menschenrechtsorientiert gestellt.
Anschlag auf Wirtschaftsgipfel im September geplant?
Was Hambali in Thailand wollte, blieb zunächst unklar. Thailändische Quellen berichteten am Freitag, er habe einen Anschlag auf den asiatischen Wirtschaftsgipfel APEC im September in Bangkok geplant, bei dem auch US-Präsident George W. Bush erwartet wird. Bei Hambali sei Sprengstoff gefunden worden, berichten Zeitungen und Nachrichtenagenturen. US-Quellen in Washington dementierten dies gegenüber der "Los Angeles Times".
Die Festnahme Hambalis sorgte im Weißen Haus für freudige Stimmung. Seit Jahren sucht die CIA auf der ganzen Welt nach dem Mann. Anfang der Woche nun konnten die Spitzel den thailändischen Behörden offenbar einen sehr konkreten Tipp geben. Demnach wusste die CIA, dass Hambali mit einem gefälschten spanischen Pass über Laos nach Thailand eingereist war und sich in der Tempelstadt Ayutthaya eingemietet hatte. Nach Berichten, die sich auf anonyme US-Quellen stützen, soll er gemeinsam mit seiner Frau in einem Appartement festgenommen worden sein. Aus Thailand war indes zu hören, dass lokale Tippgeber die Anti-Terror-Einheiten auf die Spur gebracht hätten.
Wer bekommt den Top-Mann vor Gericht?
Fragen werden die US-Ermittler viele haben, schließlich gilt Hambali als der Vertreter al-Qaidas in Südostasien. Fahnder bezeichnen ihn nach dem im März in Pakistan festgenommenen Khalid Scheich Mohammed, zu dem er ebenfalls engen Kontakt pflegte, als den wichtigsten Qaida-Mann überhaupt. Einige nennen ihn sogar den "Osama Südostasiens". Die Liste der Länder, die ihn suchen, ist lang. Neben vielen lokalen Terror-Akten soll er auch aktiv in die Planung und die Logistik des 11. Septembers eingebunden gewesen sein, meinen die US-Fahnder.
Mit der Festnahme und möglichen Aussagen Hambalis könnten die Ermittler der endgültigen Aufklärung der 9/11-Vorgeschichte ein Stück näher gekommen sein. Schon jetzt aber ist ein Streit abzusehen, wer Hambali am Ende für einen Prozess in die Finger bekommt.
Seite an Seite mit Osama Bin Laden
Seinen Lebenslauf haben die Terror-Fahnder schon recht genau recherchiert. Hambali wuchs als Sohn einer armen indonesischen Familie mit 13 Kindern wuchs in der Region West Java auf. Schon als Teenager kam er mit Aktivisten der radikal-islamistischen Gruppe Jemaah Islamiah ("Islamische Gemeinschaft") zusammen, die für einen Gottesstaat kämpft. Schnell wurde er selber Teil der Organisation. Zwischen 1970 und 1980 beteiligte er sich an dem gewaltsamen Unabhängigkeitskampf der Rebellen gegen das Diktatoren-Regime von Mohamed Suharto, der Indonesien mit harter Hand unterdrückte. 1985 musste er wie viele andere JI-Kämpfer nach Malaysia fliehen.
Spätestens jetzt knüpfte Hambali laut den Ermittlungen enge Banden zu den jetzigen Top-Leuten von al-Qaida. Um gegen die als Besatzer einmarschierten Russen zu kämpfen, zog er mit Tausenden anderer Mudschahedin nach Afghanistan - an der Seite von Osama Bin Laden. US-Fahnder wollen erfahren haben, dass Hambali damals einen Treueschwur an Bin Laden abgab, nachdem er ihn mehrmals getroffen hatte. Der Kontakt riss von nun an nicht mehr ab - auch nicht, als Hambali nach Malaysia zurückkehrte.
Wechsel in der Strategie des Terrors
Die Liste der Verdächtigungen gegen Hambali ist mehrere Seiten lang. Hauptsächlich aber beschuldigen ihn die Indonesier, der Planer einer Anschlagserie in Kirchen am Weihnachtstag des Jahres 2000 gewesen zu sein. Wenige Tage später wurden in der philippinischen Hauptstadt Manila mehrere simultane Bomben gezündet. Nach Meinung der Ermittler gingen auch diese auf Hambalis Planung zurück. Außerdem wurde Hambali in Manila bereits in Abwesenheit wegen eines vereitelten Anschlags auf amerikanische und israelische Ziele verurteilt.
Indonesische Fahnder machen Hambali außerdem für den verheerenden Anschlag auf Touristen in Bali verantwortlich, bei dem mehr als 200 Menschen starben. Auch die Bombenattacke auf ein Luxus-Hotel vor wenigen Tagen in Jakarta wird ihm zugerechnet. Terror-Experten vermuten sogar, dass Hambali vor einigen Jahren gemeinsam mit dem Qaida-Mastermind Khalid Scheich Mohammed einen grundsätzlichen Strategiewechsel für den islamistischen Terror beschlossen habe. Nicht erst seit dem 11. September haben die Analysten den Trend erkannt, dass vornehmlich so genannte "weiche Ziele" wie Touristen oder zivile Gebäude statt militärischer wie das MIlitärschiff "USS Cole" im Jemen oder staatlicher Einrichtungen wie die US-Botschaften in Afrika von al-Qaida und ihren Sympathisanten angegriffen werden.
Was weiß Hambali über den 11. September?
Für die Amerikaner hingegen sind die Taten Hambalis in Südostasien weniger im Fokus des Interesses, sie wollen Aufklärung in anderen Fällen. Gemeinsam mit Khalid Scheich Mohammed, den die US-Fahnder der Einfachheit halber nur noch KSM nennen, soll Hambali bereits 1995 einen Terror-Plan mit US-Passagier-Jets ausgeheckt haben. Angeblich sollten fast ein Dutzend Jets entführt und simultan gesprengt werden. Für den Plot war der mittlerweile in den USA verurteilte Ramzi Yousef auserkoren worden, der in New York City 1993 bereits einen Anschlag auf das World Trade Center ausgeführt hatte. Während KSM damals für die Planung verantwortlich gewesen sein soll, lieferte Hambali angeblich das Geld.
Noch interessanter für die USA ist Hambalis Verbindung zu den Attentätern des 11. September. Laut den Ermittlungen war er es, der im Januar 2000 mindestens zwei der späteren Attentäter in Kuala Lumpur traf. Dort, so glauben die Fahnder, wurde der Plan für den 11. September ausgearbeitet. Obwohl die Gruppe damals vom US-Geheimdienst observiert wurde, konnte die Fahnder den Jahrhundert-Coup jedoch nicht aufhalten. Sie hatten den Besprechungsraum nicht verwanzt. Aussagen Hambalis könnten nun etwas mehr Licht in die Planungsphase bringen.
Gleichwohl könnte die Mitteilung über die Festnahme schnell für neuen Terror sorgen - vor allem in Indonesien selber. Schon kurz nach dem Anschlag auf das "Marriott"-Hotel in Jakarta diesen Monat vermuteten die Fahnder, dass es sich um einen Racheakt für die Verurteilung eines "Jemaah Islamiah"-Terroristen handelt. Nach der Festnahme in Thailand haben nun alle beteiligten Länder ihre Sicherheitsmaßnahmen drastisch erhöht. Die US-Fahnder werden ihrerseits alles versuchen, um Hambali zuerst und möglichst rasch alles abzupressen, das auf geplante Anschläge hinweist. Bisher aber schweigt der Gefangene eisern.
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