Von Marc Pitzke und Matthias Streitz, New York
New York - Der Mann, der auf Funkkanal 07 spricht, kann sein Entsetzen kaum verbergen: "Die Leute ... die Leute springen aus den verdammten Fenstern", sagt er einer Frau am anderen Ende der Leitung. "Sie zerschellen auf dem Platz." Wo er ist, will die Frau wissen. "Ich bin am World Trade Center", kommt es zurück. Sekunden später endet der Dialog mit einem schlichten "Alles klar, bye". Wie der Mann heißt, was ihm in den nächsten Minuten widerfuhr, ob er den Einsturz der Zwillingtürme überlebte - es bleibt unklar.
Panik und Furcht scheinen in vielen Passagen der Gesprächsprotokolle auf, die nun in New York erstmals freigegeben wurden und SPIEGEL ONLINE vorliegen. Ein Polizist, in der Mitschrift nur "Mann A" genannt, schildert einer Frau - vielleicht einer Kollegin, vielleicht der Partnerin - seine Eindrücke: "Hier müssen Hunderte Leute gestorben sein. Überall sind Leichenteile." "Ich bin im Einsatz, ich kann noch nicht weg", sagt der Mann der Frau, die immer nur eines wiederholt: "Oh Gott. Oh mein Gott."
Tonbänder aus den Trümmern geborgen
Wahre Verzweiflung und Banalität des Grauens - Wortfetzen, hilflose Floskeln, Missverständnisse - wechseln sich ab in der insgesamt 2000-seitigen Mitschrift. Die Port Authority, die Hafenbehörde New Yorks und New Jerseys, hat sie kurz vor dem zweiten Jahrestag der Attacken an Journalisten verteilt - allerdings nicht freiwillig. Ein richterlicher Beschluss hatte sie, den früheren Eigentümer der Türme, letzte Woche dazu gezwungen. Die "New York Times" strengte das Verfahren vor eineinhalb Jahre an, sie berief sich dabei auf den "Freedom of Information Act".
Vor dem Anschlag war die Port Authority für die Sicherheit des WTC verantwortlich, dort unterhielt sie ihr altes Hauptquartier. Ein Teil der Tonbänder, auf denen die Transkripte basieren, wurde direkt im World Trade Center aufgezeichnet - Gespräche der Polizei, Telefonate von WTC-Mietern. Diese umfangreichen Bänder wurden teils noch Monate nach dem 11. September aus dem Schutt geborgen, vorsichtig rekonstruiert, neu kopiert. Vor allem auf diesen Bändern finden sich Dialoge direkter Augenzeugen, aufgenommen vor dem Einsturz.
"Raketen vom Woolworth-Gebäude"
"Ich bin im 64. Stockwerk, im Turm Nummer 1", sagt da ein Mann namens Pat. "Hier sind noch 20 Leute. (...) Auf dem Flur ist Rauch." Der Polizei-Sergeant, der den Anruf entgegennimmt, wirkt überfordert. "Okay", "Alles klar", sagt er, und: "Scheint so, als hätte es auch in Turm zwei eine Explosion gegeben." Dann gibt er dem Anrufer einen Ratschlag, der sich als verhängnisvoll erwies: "Seien Sie vorsichtig. Bleiben Sie nahe der Treppe. Und warten Sie, bis die Polizei zu Ihnen hochkommt." Pat hat den Anschlag nicht überlebt.
Andere Anrufer haben keinerlei Vorstellung, was da wirklich vor sich geht. Jemand behauptet: "Da hat ein Kerl Raketen vom Woolworth-Gebäude abgeschossen."
Die meisten dokumentierten Dialoge wurden nicht im WTC selbst, sondern am Flughafen von Newark und zwei weiteren Einsatzleitstellen in New Jersey auf Tonbändern aufgezeichnet. Nicht nur die Anrufe bei der US-Notrufnummer 911 sind hier Wort für Wort dokumentiert, sondern auch der Funkverkehr der Streifenwagen und Polizisten untereinander. Diese Textstellen zeugen von Chaos, Konfusion - und den vielfach hilflosen Versuchen zu helfen.
"Wir brauchen Sauerstoff"
"Wir brauchen ... wir brauchen Sauerstoff", meldet da ein Officer namens Brady auf Kanal 08. "Okay, wir bringen euch welchen", antwortet sein nicht näher identifizierter Captain. "Ich brauche Krankentragen, schnell", heißt es an anderer Stelle. "Wo soll ich diese Leichen hinbringen?", fragt ein Mann auf Kanal Y. Die Antwort des Mannes, der nur als Eddie identifiziert wird, ist kaum zu verstehen. "Sirenen im Hintergrund", "Schreie", "unverständlich" steht immer wieder in Klammern im Text. Manche Polizeigespräche sind von erstaunlicher Förmlichkeit: "82, können Sie mich hören? Der (unverständlich) Turm ist zusammengefallen." Als Antwort heißt es: "Roger, verstanden. (...) Vielen Dank."
Oft melden sich Anrufer, die sich panisch nach dem Verbleib ihrer Verwandten erkundigen. "Ich suche Michael ... mir wurde gesagt ... Morgan Stanley", stammelt eine Frau. "Weil, er ist im 70. Stock im zweiten Turm. Wo ist das Flugzeug reingeflogen?"
"Ist mein Mann in dem Gebäude, das gerade zusammengebrochen ist?", verlangt eine andere Frau namens Jeannine Auskunft. Ein Polizei-Sergeant versucht vergeblich, sie zu beruhigen. "Keiner unserer Leute ist verletzt worden", behauptet er. "Sind Sie sicher?", hakt die Frau nach: "Er ist die Treppe hochgelaufen, das hat er mir gesagt." "Ich verstehe, glauben Sie mir", stottert der Polizist: "Wissen Sie, alle sind oben, wissen Sie, unten, wo auch immer, sie evakuieren das Gebäude." "Das ist gerade zusammengebrochen", erinnert ihn die Anruferin. Wenig später bricht das Gespräch ab.
"Ich liebe dich, bye"
Viele Passagen zeichnen die Worte der Überlebenden auf, die ihre Eltern, Partner oder Freunde beruhigen. "Ich wollte dir nur sagen, dass ich okay bin", sagt ein Mann einer Frau. "Du hättest das sonst bestimmt in den Nachrichten gesehen und gedacht 'Scheiße!'" Ein paar Seiten später findet sich der Monolog eines Mannes, der auf eine Mobilfunkbox spricht: "Heather, ich bin's, Papa. Ich weiß nicht, ob du die Nachrichten siehst. Wir hatten eine Explosion (...). Aber ich bin okay, mach dir keine Sorgen. (...) Ich liebe dich, bye."
Die Gerichtsanordnung, diese Mitschriften zu veröffentlichen, hat in New York eine medienkritische Debatte entfacht. "Ich halte es für moralisch verwerflich, dass die Medien vor den betroffenen Familien Einblick bekommen", sagte Gus Danese von einer Unterorganisation der Port Authority am Mittwoch der Presse. Er fürchtete, dass sich TV-Sender und andere Journalisten nur die besonders dramatischen Stellen herauspicken und dabei volle Namen der Opfer nennen würden.
"Das wäre ein wirklicher Schock"
Auch Angehörige von Opfern zeigten sich besorgt. JoAnn Barbella, deren Vater im WTC arbeitete, hofft nun, bei der Zeitungslektüre am Morgen nicht auf die letzten Worte ihres Vaters zu stoßen. "Das wäre ein wirklicher Schock für mich." Eine andere Angehörige sagte, sie sei wütend auf die "New York Times". Die Zeitung versuche, aus dem Leid anderer Kapital zu schlagen. In den meisten der Abschriften aber sind die Anrufer nur als "Mann" oder Frau B" gekennzeichnet. Ihre Namen sind nur dort erkenntlich, wo die Anrufer sie selbst nennen.
Die Port Authority hat dennoch nur eine sehr begrenzte Zahl von Transkripten herausgegeben - gegen eine Bearbeitungsgebühr von 500 Dollar pro Exemplar. Kurz vor 17 Uhr, der richterlichen Frist für die Veröffentlichung, stehen TV-Übertragungswagen, Kamerateams vor dem Gebäude, insgesamt vielleicht 200 Journalisten. "Was ist hier los", wundern sich Passanten über den Auflauf, der den Verkehr behindert.
Papier auf dem Bürgersteig
Nach und nach strömen die ersten Journalisten in Fünfergruppen aus dem Gebäude. Sie tragen die Mitschriften in etwa 50 mal 30 Zentimeter messenden Pappkartons, das ganze Paket wiegt vielleicht 15 Kilogramm. Sechs Stapel Protokolle finden sich darin, sortiert nach dem Ort, an dem die Dialoge aufgezeichnet wurden. Einige Journalisten breiten das Papier gleich auf dem Bürgersteig aus, auf den Kofferraumhauben ihrer Autos. TV-Journalisten zeigen die Seiten in die Kameras, verlesen eilig ausgewählte Passagen.
Zumindest eine Mutter steht neben der Schlange, die nicht nur einverstanden ist mit der Veröffentlichung, sondern sie selbst propagierte. Sally Regenhard verlor am 11. September ihren 28-jährigen Sohn Christian Michael Otto. Gerade mal sechs Wochen vor dem Anschlag legte er seine Prüfung als Feuerwehrmann ab. Regenhard trägt ein Foto Christians mit sich, sie hat es an ihre Bluse geheftet. Offiziell gilt ihr Sohn noch immer als vermisst - wie die restliche Besatzung des Einsatzwagens 279 aus Red Hook, Brooklyn.
"Zwei Jahre der Stille vorüber"
"Ich bin dankbar, dass zwei Jahre der Stille und Geheimnistuerei vorüber sind", sagt Regenhard. Sie stellt sich Gründerin und Vorsitzende der Organisation "Sicherheit in Wolkenkratzern" vor. Nach eigenen Worten vertritt sie 50 weitere Angehörige von Opfern.
Die Feuerwehr, kritisiert Regenhard, habe ihren Sohn und seine Kameraden mit schlechter Ausrüstung und ohne das nötige Notfalltraining in den Einsatz geschickt. Auch die Richtlinien für die Evakuierung seien mangelhaft gewesen - eine Auswertung der Mitschriften könne helfen, das zu ändern. Und natürlich hofft die Mutter, endlich herauszufinden, was mit ihrem Sohn geschah am 11. September 2001. Regenhard sagt: "Das hier ist ein kleiner Sieg für uns."
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