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03.02.2004
 

Misshandlung in der Berufsschule

Quälen nach Lehrplan

Von Markus Brügge

Er durchlitt 17 Wochen lang Demütigungen und Schläge - und wurde für sein Leid sogar noch von seinen Mitschülern verspottet. Offenbar war fast die gesamte Klasse des Hildesheimer Berufsschülers an den brutalen Misshandlungen beteiligt, die während des Unterrichts stattfanden. Vier Jugendliche sitzen bereits in Untersuchungshaft.

Schulleiter Hans-Hermann Sölter (M.) mit dem Abteilungsleiter berufliche Grundbildung, Alfons Hilbig und der Sozialpädagogin Rosi Fellendorf: Die Lehrer wussten nichts
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DPA

Schulleiter Hans-Hermann Sölter (M.) mit dem Abteilungsleiter berufliche Grundbildung, Alfons Hilbig und der Sozialpädagogin Rosi Fellendorf: Die Lehrer wussten nichts

Hildesheim - Sie traktierten ihn jeden Mittwoch und Donnerstag, nach Lehrplan. Immer wenn die Berufsschul-Klasse der Werner-von-Siemens-Schule zum Unterricht kam, standen dem 18-Jährigen Schläge, Misshandlungen und Demütigung bevor - und das 17 Wochen lang.

Nach dem jetzigen Ermittlungsstand haben die Mitschüler der Peiniger nicht aus Angst geschwiegen. Wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft Hildesheim gegenüber SPIEGEL ONLINE sagte, fanden die Misshandlungen in wechselnder Besetzung statt. Von den zwölf Schülern der Klasse seien deshalb neun tatverdächtig, vier 17-Jährige sitzen inzwischen in U-Haft. "Sie sind nicht nur dringend tatverdächtig - es besteht auch Verdunklungsgefahr", so Oberstaatsanwalt Bernd Seemann. So hätten die Jugendlichen Mitschüler massiv bedroht, um mögliche Zeugenaussagen zu verhindern.

Bei den Befragungen durch einen Amtsrichter kamen weitere Details über die Vorfälle ans Licht: So sollen die Jungen ihren Klassenkameraden teilweise während des Unterrichts im Materialraum gequält und gefoltert haben. Man dürfe sich diesen Raum nicht wie ein gewöhnliches Klassenzimmer vorstellen, so Seemann. "Er ist verwinkelt und es gibt schwer einsehbare Bereiche." Deshalb habe auch kein Lehrer bemerkt, dass der 18-Jährige monatelang gequält wurde. Auch die vier Inhaftierten hätten ausgesagt, dass kein Pädagoge von den Übergriffen gewusst habe.

Warum das Opfer nie um Hilfe rief - auf diese Frage weiß auch Oberstaatsanwalt Seemann keine Antwort. "Vermutlich war die Angst vor noch schlimmeren Konsequenzen größer als die Schmerzen." So sagte er weder Lehrern noch seinen Eltern, was ihm die Jugendlichen antaten. Er sei geschlagen worden und habe eine Zigarettenkippe essen müssen, so Bernd Seemann. Eine Foltermethode sei das "Eimerspiel" gewesen: Dem Opfer wurde ein Eimer auf den Kopf gesetzt, auf den die Mitschüler mit Fäusten und Stöcken einschlugen. Der Junge trug Blutergüsse und schwere Prellungen davon.

Sölter vor der Werner-von-Siemens-Schule: Misshandlungen im Materialraum
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DPA

Sölter vor der Werner-von-Siemens-Schule: Misshandlungen im Materialraum

Auch soll der 18-Jährige sexuellen Demütigungen ausgesetzt gewesen sein. Welchen genau, dazu schweigt Bernd Seemann mit dem Hinweis auf den Opferschutz.

Offenbar war übrigens nicht perverser Geschäftssinn ein mögliches Motiv der mutmaßlichen Täter. Sie hätten zwar mit einer Digitalkamera Fotos und Videofilme von den Torturen und Quälereien gemacht - diese aber nicht verkaufen wollen, sondern kostenlos ins Internet gestellt, so der Sprecher der Hildesheimer Staatsanwaltschaft. Warum sie den Jungen regelmäßig misshandelten - dazu schweigen die Beschuldigten bislang.

Und auch warum sie sich genau dieses Opfer immer wieder für ihre "Spiele" aussuchten, ist unklar. "Vielleicht war er einfach der Wehrloseste", sagt Bernd Seemann.

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