Quang Ngai, Vietnam - Die zehn älteren Bauern hatten auf dem offenen Reisfeld keine Chance. Auf der einen Seite der Fluss, auf der anderen die Berge. Dazwischen rückten die Soldaten immer näher: eine amerikanische Elitetruppe, bekannt unter dem Namen Tiger Force.
Die Bauern waren unbewaffnet, doch das machte keinen Unterschied. Am 28. Juli 1967, dem Tag, an dem die Sondertruppe den Ort erreichte, war niemand sicher.
Niemand.
Als die Kugeln flogen, fiel einer nach dem anderen, die Flucht erschwert durch das Dickicht an Grünpflanzen und den Schlamm. Binnen Minuten war alles vorbei. Vier waren tot, weitere verwundet. Einige überlebten, weil sie regungslos im Schlamm verharrten.
Später erinnerten sich vier der Soldaten an den Überfall: "Wir wussten genau, dass die Bauern unbewaffnet waren", sagte einer, "aber wir haben sie trotzdem erschossen."
Der grundlose Überfall ist einer von vielen, den die hoch dekorierte Militäreinheit im Vietnam-Krieg ausführte. Das ergaben achtmonatige Nachforschungen von "The Blade", einer Regionalzeitung im US-Bundesstaat Ohio.
Das Platoon - ein kleiner, hervorragend ausgebildeter Trupp von 45 Fallschirmjägern, der ursprünglich als Spähtrupp gedacht war - geriet zwischen Mai und November 1967 völlig außer Kontrolle.
Sieben Monate lang zog die Tiger Force über das vietnamesische Zentral-Hochland und metzelte dabei Dutzende unbewaffneter Zivilisten nieder. Einige Opfer wurden gefoltert und verstümmelt. Diese Gewalttaten waren der amerikanischen Öffentlichkeit bislang unbekannt.
Die Männer der Elitetruppe warfen Handgranaten in unterirdische Bunker, in denen sich Frauen und Kinder versteckt hielten, und schufen so Massengräber. Sie erschossen unbewaffnete Zivilisten, die um ihr Leben flehten. Oft folterten und erschossen sie ihre Gefangenen, dann schnitten die Soldaten ihren Opfern die Ohren ab oder skalpierten sie - als Souvenir.
Eine Durchsicht von Tausenden von geheimen Armeedokumenten, Unterlagen aus US-Nationalarchiven und Funk-Aufzeichnungen geben Einblicke in die Praktiken einer Kampfeinheit, die die umfangreichste Serie von Gräueltaten im Vietnam-Krieg beging. Die verantwortlichen Kommandeure sahen einfach weg.
Die Recherchen der US-Armee erstreckten sich über viereinhalb Jahre, zahlreiche Augenzeugen wurden ausfindig gemacht, die die Kriegsverbrechen der Einheit bestätigten. Schließlich wurden die Akten jedoch in den Archiven vergraben - drei Jahrzehnte lang. Niemand wurde dafür jemals zur Rechenschaft gezogen.
Keiner weiß genau, wie viele unbewaffnete Männer, Frauen und Kinder dieser Truppe vor 36 Jahren zum Opfer fielen. Die Unterlagen sprechen von mindestens 81 Opfern, die Schuss- oder Stichwunden erlagen. Aber viele weitere wurden umgebracht - unter eindeutiger Verletzung der US-Militärgesetze und der Genfer Konventionen von 1949.
Bei über 100 Interviews, die "The Blade" mit ehemaligen Soldaten der Tiger Force sowie vietnamesischen Zivilisten führte, stellte sich heraus, dass in diesen sieben Monaten Hunderte von unbewaffneten Zivilpersonen ihr Leben verloren.
"Keiner hat Buch geführt", so der ehemalige Gefreite Ken Kerney, heute Feuerwehrmann in Kalifornien. "Ich wusste, was wir taten, war nicht richtig, aber so war es eben."
Viele Einzelheiten der Geschehnisse im fraglichen Zeitraum sind unbekannt: Unterlagen aus den Nationalarchiven sind verschwunden, Täter und Zeugen sind verstorben. In vielen Fällen erinnern sich die Soldaten zwar an die begangenen Taten und den ungefähren Ort, jedoch nicht an genaue Daten.
Nur eines ist klar: Fast vierzig Jahre später können noch immer viele die brutalen Verbrechen an den Bauern nicht vergessen - weder die vietnamesische Dorfbewohner noch die ehemalige Tiger-Force-Soldaten.
"Wir waren total außer Rand und Band", erklärte der damalige Sanitäter Rion Causey, 55. Causey ist heute Atomingenieur und fragt sich selbst: "Auch wenn das alles 30 Jahre her ist - wie können manche Leute ruhig schlafen?"
Die Zeitung "Toledo Blade" fand heraus:
Bis heute verweigern die Ermittler der US-Armee die Herausgabe von Tausenden von Unterlagen, die aufklären könnten, was genau geschah und warum die Sache unter den Teppich gekehrt wurde. Armeesprecher Joe Burlas erklärte in der vergangenen Woche, es sei möglicherweise schwierig gewesen, die Anklage zu verfolgen. Fehler in den Ermittlungen könne er sich jedoch nicht erklären.
Die Armee befragte 137 Zeugen und machte ehemalige Tiger-Force-Mitglieder in über 60 Städten weltweit ausfindig. Dennoch war der Fall in den letzten 30 Jahren nicht einmal eine Fußnote wert in den Annalen eines der umstrittensten Kriege der USA.
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