Dreißig Jahre nachdem die US-Truppen aus Vietnam abzogen, leben die alten Bauern im Song-Ve-Tal mit Erinnerungen an das Platoon, das vor so langer Zeit durch ihre Dörfer zog. Nguyen Dam, 66, erinnert sich noch gut, wie er um sein Leben rannte, als die Soldaten an jenem Sommertag 1967 in das Reisfeld schossen. "Ich bin heute noch zornig", erklärt er, heftig gestikulierend, "unsere Nachbarn hatten es nicht verdient, so zu sterben. Wir waren Bauern, keine Soldaten. Wir haben niemandem etwas zu Leide getan."
William Doyle, ehemaliger Sergeant in der Tiger Force, der heute in Missouri lebt, sieht dennoch kaum Gründe, sich für die Aktionen von damals entschuldigen zu müssen. Wie Doyle selbst sagt, tötete er während des Vietnam-Kriegs derart viele Zivilisten, dass er diese nicht mehr zählen konnte.
"Wir haben immer von einem Tag zum anderen gelebt und nicht damit gerechnet zu überleben. Keiner da draußen, der ein wenig Verstand hatte, glaubte wirklich daran, dass wir überleben", sagt Doyle. "Alles was wir machten, haben wir getan, um zu überleben. Und die einzige Chance zu überleben war das Töten - denn von einem Toten hatte man nichts mehr zu befürchten."
Kampferprobte Eliteeinheit für Spezial-Mission
Die Quang-Ngai-Provinz zieht sich ostwärts von den üppig grünen Bergen bis zu den weitläufigen weißen Stränden des südchinesischen Meeres.
Für die Einheimischen war diese Region schon seit Generationen nicht nur das Stück Land, das sie liebten, sondern vor allem auch das Land, das sie bewirtschafteten und von dem sie lebten. Für die Nordvietnamesen dagegen war die Provinz die Hauptnachschublinie für die Guerillas, die für die Wiedervereinigung des Landes kämpften.
Für die US-Militärs hingegen war die Provinz ein Landstrich voller Dschungel und Flussbetten, der dringend unter ihre Kontrolle gebracht werden musste, um die kommunistische Infiltration von Südvietnam aufzuhalten. General William Westmoreland, Kommandeur der US-Streitkräfte in Vietnam, hatte 1967 hierfür eigens eine speziell ausgebildete Eingreiftruppe ("Special Task Force") initiiert.
Für den Fall eines größeren Konflikts mit heftiger Gegenwehr von Guerilla-Kämpfern brauchten die amerikanischen Streitkräfte eine Eliteeinheit, die sich schnell im Dschungel bewegen, feindliche Stellungen aufspüren oder Hinterhalte vorbereiten konnte. Diese Aufgabe fiel der Tiger Force zu, einem Elite-Ableger der 101. Luftlande-Divison. Die 1965 gegründete Einheit agierte meist in kleinen Gruppen, die - gekleidet in Tarnanzüge mit Tigerstreifen und ausgestattet mit 30-Tage-Essensrationen - den Feind im Dschungel ausspähten.
Nicht jeder wurde bei diesem Platoon angenommen. Zum einen mussten sich die Soldaten freiwillig für die Tiger Force melden, zum anderen über Fronterfahrung verfügen und sich einer ganzen Reihe von Fragen stellen - darunter Fragen zu ihrer Einstellung zum Töten. Die Mehrzahl dieser Männer stammte aus kleinen Städten wie Rayland in Ohio, Globe in Arizona oder Loretto in Tennessee.
Vor ihrer Ankunft in der Quang-Ngai-Provinz am 3. Mai 1967 hatte die Tiger Force bereits weiter südlich in My Cahn und Dak To schwere Gefechte geführt. Doch dies hier war ein ganz anderer Ort - ein Ort, an dem die Menschen tief mit ihrem Land verwurzelt waren und ihre Freiheit vehement verteidigten. Und in dieser unbekannten Umgebung begannen die Dinge außer Kontrolle zu geraten.
Niemand weiß genau, was die Aktionen auslöste, die zum Tod von unzähligen Zivilisten und Gefangenen führen sollten. Bereits wenige Tage nachdem die Tiger Force ihre Zelte in der Region aufgeschlagen hatte, begannen die Soldaten, Kriegsgesetze zu missachten.
Es fing alles mit den Gefangenen an.
Während einer Morgenpatrouille am 8. Mai entdeckten Tiger-Force-Mitglieder zwei vermeintliche Vietcong am Song-Tra-Cau-Fluss - die örtliche Miliz stellte sich gegen die US-Intervention in Vietnam. Einer der Männer entkam durch einen Sprung ins Wasser und verschwand durch einen Unterwasser-Tunnel.
Der andere wurde jedoch gefasst. Da dieser Mann deutlich größer und muskulöser war als die meisten Vietnamesen, ging man davon aus, dass er Chinese sei. In den kommenden zwei Tagen wurde er wiederholt verprügelt und gefoltert. Wie spätere Zeugenaussagen unter Eid belegen, diskutierten die US-Soldaten auch einmal darüber, den Gefangenen in die Luft zu sprengen.
Einer der damaligen Soldaten, Specialist William Carpenter, erklärte nun gegenüber "The Blade", er habe damals versucht, den Gefangenen zu retten. "Doch ich wusste, seine Zeit war abgelaufen", so Carpenter. Nachdem man dem Gefangenen gesagt hatte, er sei frei und ihn daraufhin angewiesen hatte wegzurennen, war dieser von den US-Soldaten erschossen worden.
Diese Art der Behandlung Gefangener - Quälen und Exekutieren - sollte in den folgenden Monaten zum gängigen Prozedere der Einheit gehören.
Immer wieder sprachen Mitglieder der Tiger Force von so vielen Exekutionen von gefangenen vietnamesischen Soldaten, dass die Ermittler später große Schwierigkeiten hatten, eine Gesamtzahl der Getöteten festzustellen.
Im Juni hatte der Gefreite Sam Ybarra einem Gefangenen mit einem Jagdmesser die Kehle durchgeschnitten und dann skalpiert. Den Skalp hängte er ans Ende eines Gewehrlaufes, sagten Soldaten in beeideten Stellungnahmen. Gegenüber Armee-Ermittlern verweigerte Ybarra später jede Aussage zu diesem Vorfall.
Einem anderen Gefangenen war befohlen worden, einen Bunker zu graben. Wie Akten belegen, wurde er dann mit einer Schaufel zusammengeschlagen und schließlich erschossen. Dieser Mord veranlasste den Sanitäter Barry Bowman dazu, sich an einen Geistlichen zu wenden: "Es erschütterte mich so sehr, ihn sterben zu sehen", sagte Bowman vor kurzem "The Blade". Ein anderer Tiger-Force-Soldat, Sergeant Forrest Miller, erzählte Ermittlern der US-Armee, dass die Ermordung von Gefangenen "ein ungeschriebenes Gesetz" gewesen sei.
Und die Elite-Soldaten exekutierten nicht nur Kriegsgefangene, sondern begannen auch damit, unbewaffnete Zivilisten hinzurichten. Im Juni wurde ein älterer Mann in einer schwarzen Robe erschossen, nachdem er sich bei den US-Soldaten über die schlechte Behandlung der Dorfbewohner beschwerte. Wie Platoon-Soldaten später den Ermittlern erklärten, war dem getöteten Mann - der vermutlich ein buddhistischer Mönch war - eine Handgranate untergeschoben worden, um den Eindruck zu erwecken, er sei ein feindlicher Kämpfer.
Im selben Monat erschoss Ybarra den Akten zufolge einen 15 Jahre alten Jungen in der Nähe des Dorfes Duc Pho. Ybarra hatte seinen Kameraden später erzählt, den Teenager seiner Sportschuhe wegen getötet zu haben.
Die Schuhe passten Ybarra nicht - was ihn allerdings nicht davon abhalten sollte, ein inzwischen übliches Ritual auszuführen: Nach Aussagen von Carpenter schnitt Ybarra die Ohren des toten Jungen ab und legte diese in eine Proviant-Tüte. Im Laufe der US-Armee-Ermittlungen gegen die Tiger Force sollten später 27 Soldaten aussagen, dass das Abtrennen von Ohren eine gängige Praxis war. Der Grund dafür: Vietnamesen einzuschüchtern.
Den Akten zufolge hatten Platoon-Soldaten die abgetrennten Ohren zudem nicht nur gesammelt, sondern auf Schnürsenkeln aufgereiht um den Hals getragen. "Es gab eine Zeit, in der praktisch jeder eine solche Ohren-Kette um den Hals trug", erzählte der einstige Tiger-Force-Sanitäter Larry Cottingham den Ermittlern. Und die Unterlagen belegen eine weitere grausame Praxis: Toten Zivilisten traten die Soldaten die Zähne aus, um an deren wertvolle Goldfüllungen heranzukommen.
Dorfbewohner widersetzen sich Umsiedelungs-Befehlen
Die Kämpfe in der Quang-Ngai-Provinz waren für die Tiger Force völlig unberechenbar. Als die Platoon-Soldaten in den ersten drei Mai-Wochen unbekannte Pfade auskundschafteten, lagen sie unter stetigem Heckenschützen-Feuer. Hügel und Strände waren übersät mit versteckten Sprengladungen.
Am 15. Mai geriet die Einheit in einen nordvietnamesischen Hinterhalt, der als "Muttertags-Massaker" bekannt werden sollte. Von 11 Uhr morgens bis 17.45 Uhr war das Platoon unter heftigem gegnerischen Feuer in einem Tal eingeschlossen. Zwei Tiger-Force-Soldaten starben, 25 wurden verwundet.
In den kommenden Wochen veränderte sich das Platoon personell. Mit Lieutenant James Hawkins sollte die Einheit einen neuen Kommandeur bekommen; zusätzlich wurden zwei Dutzend Tiger-Force-Soldaten von neuen Kollegen abgelöst.
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