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16.04.2004
 

Kriegsverbrechen in Vietnam

Apocalypse Now

3. Teil: Lesen Sie weiter in Teil 3: Von betrunkenen Soldaten und dem Tod eines alten Schreiners

US-Soldat mit gefangenem Vietcong: Die Grenze zwischen Zivilisten und feindlichen Kämpfern war verschwommen
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DPA

US-Soldat mit gefangenem Vietcong: Die Grenze zwischen Zivilisten und feindlichen Kämpfern war verschwommen

Die Neulinge stießen zur Truppe, als diese gerade in das Song-Ve-Tal vordrang. Dort sollten die Einheimischen zum Verlassen ihrer Dörfer und zur Umsiedlung in Flüchtlingslager gezwungen werden; womit auch der Anbau von Reis unterbunden werden sollte, der wiederum feindlichen Truppen als Nahrung diente.

Wie sich herausstellte, war dieses Unterfangen jedoch alles andere als einfach.

Viele Dorfbewohner weigerten sich, in die Umsiedlungslager zu ziehen. Diese von Betonmauern und Stacheldraht umgebenen Camps, die stark an Gefängnisse erinnerten, kritisierte 1967 auch schon das US-Außenministerium; vor allem wegen des Mangels an Lebensmitteln.

Die US-Armee warf zudem von Hubschraubern aus Flugblätter ab, mit denen die 5000 Einheimischen dazu aufgefordert wurden, sich in die Lager zu begeben. Die meisten ignorierten diese Anordnung jedoch. "Die Leute wollten einfach auf ihrem Land bleiben", erinnerte sich der Bauer Lu Thuan, 67. "Wir standen in diesem Krieg auf keiner Seite."

Dorfbewohnern und Historikern zufolge war das von der dichter besiedelten Küste entfernt gelegene und nur über schmale Schlammpfade zu erreichende Song-Ve-Tal im Gegensatz zu den vielen anderen Teilen der Provinz nie eine Rebellen-Hochburg. "Wir wollten einfach nur unsere Ruhe haben", sagt Lu Thuan.

Lieutenant exekutiert unbewaffneten alten Mann

Doch sie wurden nicht in Ruhe gelassen: Das Song-Ve-Tal - rund sechs Kilometer breit und zehn Kilometer lang - wurde in den kommenden zwei Monaten das Operationszentrum der Tiger Force.

Um die Leute zur Umsiedlung zu bewegen, begannen die Soldaten damit, Dörfer niederzubrennen. Aber selbst das hatte nicht immer die erhoffte Wirkung. Mitunter flohen Dorfbewohner in andere Dörfer. Oder sie versteckten sich einfach.

Für die Soldaten wurde das Tal damit ein immer frustrierenderer Ort. Tagsüber trommelten sie Einheimische für die Umsiedlungslager zusammen. Nachts suchten sie in ihren Lagern auf dem Boden kauernd Schutz vor den Granaten, die feindliche Soldaten aus den Bergen abfeuerten.

Die Grenze zwischen Zivilisten, die sich einfach nur weigerten, ihr Land zu verlassen, und feindlichen Kämpfern verschwamm für die Tiger-Force-Krieger immer mehr.

Eines Nachts trafen Platoon-Soldaten auf den alten Schreiner Dao Hue, der gerade den seichten Song-Ve-Fluss überquerte. Hue lebte schon immer hier im Tal und kannte den Weg am Fluss entlang zu seinem Dorf so gut wie seine Westentasche.

In dieser Nacht, es war der 23. Juli, sollte er es dennoch nicht bis nach Hause schaffen. Obwohl Hue um sein Leben flehte, wurde er von den US-Soldaten getötet - fünf Amerikaner erinnerten sich später im Rahmen des Ermittlungsverfahrens an seine Erschießung.

Die Tötung Hues war von den Talbewohnern als deutliches Zeichen aufgenommen worden, dass niemand mehr sicher war. Hunderte flohen daraufhin.

Nachdem das Platoon das Tal durchkämmt hatte, schlug die Tiger Force ihr Lager in einem verlassenen Dorf auf. Hubschrauber versorgten die Soldaten dort mit Bier. Bei Einbruch der Dämmerung sollen einige betrunken gewesen sein.

Wenig später erhielt das Platoon den völlig unerwarteten Befehl, den Fluss zu überqueren und einen Hinterhalt vorzubereiten. Was dann folgte, war ein Schusswechsel, der die Soldaten noch sehr lange nach ihrem Vietnam-Aufenthalt beschäftigen sollte.

Kaum hatte Dao Hue die andere Seite des Song-Ve-Flusses erreicht, lief der alte Mann mit dem grauen Bart Sergeant Leo Heaney in die Arme. Sofort warf der 68-Jährige seine Schultertrage mit zwei Körben voller Gänse auf den Boden. "Er war völlig verängstigt, faltete seine Hände und begann, mit lauter, hoher Stimme um Gnade zu bitten", erklärte Sergeant Heaney gegenüber Ermittlern der US-Armee.

Wie Heaney weiter aussagte, sei sofort zu erkennen gewesen, dass von dem alten Mann keine Gefahr ausging. Heaney eskortierte Dao Hue dann zu den Platoon-Führern, Lieutenant Hawkins und Sergeant Harold Trout. Zitternd vor Angst, plapperte der alte Mann laut vor sich hin, worauf Lieutenant Hawkins den Vietnamesen schüttelte und anschrie. Wie Zeugen berichteten, schlug Trout den Vietnamesen schließlich mit seinem M-16-Gewehr nieder. Blutüberströmt sank der Alte zu Boden.

Als der Sanitäter Barry Bowman versuchte, Dao Hues Kopfwunde zu versorgen, hob Hawkins den knienden Mann auf und schoss ihm mit einem Karabiner ins Gesicht. "Der alte Mann fiel rückwärts zu Boden und Hawkins schoss erneut auf ihn", erklärte Specialist Carpenter unter Eid. "Ich wusste sofort, dass er tot war, denn sein halber Kopf war weggeblasen." Gegenüber Armee-Ermittlern sagte Carpenter zudem, dass er Lieutenant Hawkins damals erklärt habe, dass der alte Mann "nur ein Bauer war und keine Waffen trug".

Lieutenant Hawkins wies bei einer Befragung von Armee-Ermittlern am 16. März 1973 alle Anschuldigungen von sich. In einem kürzlich mit "The Blade" geführten Interview gab Hawkins die Erschießung von Dao Hue allerdings zu. Er habe den Vietnamesen getötet, da dieser mit Absicht so laut gewinselt hätte, um die feindlichen Truppen auf sich aufmerksam zu machen. "Und das habe ich dann auf der Stelle abgestellt", so Hawkins.

Wie vier weitere Soldaten aussagten, hätte es jedoch bessere Möglichkeiten gegeben, den Alten zum Schweigen zu bringen. Außerdem hätten die Schüsse die Position der US-Einheit erst recht verraten, was dann auch zu einem Schusswechsel führte. "Es gab keinen Grund dafür, Dao Hue zu erschießen", sagte Bowman den Ermittlern.

Heute, fast vier Jahrzehnte nach diesem Ereignis, sagen die Dorfbewohner, die damals Dao Hues Leiche fanden, dass sie sofort wussten, dass er von den Amerikanern getötet wurde. Seine Nichte, Tam Hau, heute 70 Jahre alt, war eine der ersten Personen, die Daos leblosen Körper am nächsten Tag am Fluss entdeckten.

Gemeinsam mit Bui Quang Truong, einer anderen Verwandten, schleppte sie die Leiche ihres Onkels ins Dorf. "Er hatte Schusswunden am ganzen Körper", erinnert sich Hau. "Das war für uns alle sehr traurig."

Soldaten intensivieren Attacken im Song-Ve-Tal

Vier Tage nach der Erschießung von Dao Hue wurden vier Tiger-Force-Soldaten bei Granaten-Angriffen der Guerilla verletzt. Der Gegenschlag des US-Platoons sollte prompt folgen: In den kommenden zehn Tagen zogen die Soldaten ohne jede Rücksicht marodierend durch das Tal.

Die Gegend war zur "Feuer-frei-Zone" erklärt worden - eine spezielle Bezeichnung dafür, dass US-Truppen auch ohne die Zustimmung von ihren Kommandeuren oder südvietnamesischen Offiziellen feindliche Soldaten angreifen konnten. Wie ehemalige Platoon-Mitglieder bestätigen, nahmen die Tiger-Force-Soldaten diesen Begriff wörtlich und schossen auf alles, was sich bewegte: Männer, Frauen und Kinder.

Zwei fast blinde Männer, die man beim Wandern im Tal aufgegriffen hatte, waren zum Song-Ve-Fluss geführt und dann erschossen worden. Zwei andere Dorfbewohner, darunter ein Teenager, wurden exekutiert, weil sie nicht in Umsiedlungslagern waren.

Am 28. Juli eröffneten Platoon-Soldaten das Feuer auf zehn ältere Bauern, die auf einem Reisfeld arbeiteten. Das Bild von überall verstreuten Leichen auf der weiten grünen Fläche sollte einigen Soldaten und den Bewohnern des Dorfes Van Xuan noch lange im Gedächtnis bleiben.

Dabei dachten die Bauern, sie seien sicher. Einerseits waren sie zu alt dafür, beim Militär zu dienen; andererseits standen sie in dem Konflikt - zumindest öffentlich - auf keiner Seite.

Auf dem Reisfeld wurden vier Bauern getötet - alle vier Erschießungen waren späteren Aussagen von mehreren Tiger-Force-Mitgliedern zufolge völlig ungerechtfertigt. Den Akten zufolge kam der Befehl, das Feuer zu eröffnen, von Lieutenant Hawkins, der die Patrouille anführte.

Ein Dorfbewohner erinnerte sich kürzlich, dass die Bauern von den Schüssen völlig überrascht wurden. Kieu Trac, heute 72 Jahre alt, sagte, er habe hilflos beobachten müssen, wie sein Vater und andere Bauern in das Reisfeld fielen. Erst Stunden später traute sich Trac, im Schutz der Dunkelheit in das Reisfeld zu krabbeln und seinen Vater zu suchen. Er drehte einen leblosen Körper nach dem anderen herum, bis er seinen Vater, Kieu Cong, 60, fand. Zusammen mit seiner Frau Mai Thi Tai trug er die Leiche zur Bestattung ins Dorf. Die drei anderen Bauern, Le Muc, Phung Giang und eine ältere Frau aus der Trang-Familie, wurden später von ihren Angehörigen beigesetzt.

"Die Bauern haben lediglich auf dem Feld gearbeitet und nichts getan [...] Sie haben die Soldaten nicht verletzt", sagt Kieu Cong während er auf die Stelle zeigt, an der sein Vater und die anderen Bauern erschossen wurden. "Sie dachten, die Soldaten lassen sie in Ruhe."

Lu Thuan, ein anderer Dorfbewohner, der die Attacke von einem nahe gelegenen Hügel aus beobachtete, sagt, er könne sich nicht mehr daran erinnern, wie viele Bauern verletzt wurden. "Einige waren verwundet und konnten nicht weglaufen", sagt Lu Thuan, heute 67. "Andere stellten sich einfach tot."

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