Einer aus der Tiger-Force-Patrouille, Specialist William Carpenter, besteht heute darauf, dass er seine Waffe nicht abgefeuert hat. "Diese Aktion war falsch", sagt Carpenter. "Es gab keinen Grund für mich zu schießen, denn diese Leute hatten niemandem etwas getan." Doch er habe große Angst davor gehabt, seine Meinung zu äußern, sagte Carpenter den Ermittlern. In der Einheit habe es mit der Zeit als völlig in Ordnung gegolten, Zivilisten zu erschießen - und die Kommando-Führer hätten Carpenter zufolge streng darüber gewacht, dass alle Soldaten Stillschweigen bewahrten. Vier andere Ex-Tiger-Force-Soldaten erzählten den Militär-Ermittlern ebenfalls, dass sie die Gräueltaten aus Furcht vor ihren Vorgesetzten nicht an höhere Militärstellen meldeten.
Ken Kerney, damals Gefreiter in Vietnam, erinnert sich noch ganz genau an die Anweisungen, die er beim Eintritt in die Tiger Force erhielt. "Die Kommandeure sagten zu mir: 'Was hier passiert, bleibt hier. Du erzählst niemandem, was bei uns vor sich geht. Wenn wir herausfinden, dass du dennoch geredet hast, wirst du das bereuen'", so Kerney. "Man hat mir zwar nicht genau gesagt, was man mit mir machen würde, aber ich wusste es. Daher hatte man Angst, überhaupt den Mund aufzumachen."
Dorfbewohner berichten jetzt in einem Interview, dass sie Dutzende Massengräber ausheben mussten, nachdem die US-Soldaten durch das Tal gezogen waren. Nguyen Dam, 66, erinnert sich an die grauenvolle Aufgabe, seine in den Feldern zurückgelassenen Nachbarn und Freunde zu begraben. "Wir konnten nicht mal mehr essen wegen des Gestanks", sagt der Reisbauer. "Ich fühlte mich manchmal, als könnte ich nicht mehr atmen. So viele Leute aus dem Dorf wurden getötet, dass wir sie nicht einzeln, sondern nur alle gemeinsam in Massengräbern bestatten konnten."
Das Platoon zieht nach Norden, konzentriert auf "Body count"
Tage nach der Attacke auf die Reisbauern flogen amerikanische Flugzeuge über das Song-Ve-Tal und warfen Tausende Liter Entlaubungsmittel ab. Damit sollte sichergestellt werden, dass niemand während des Krieges Reis anbauen konnte.
Für die Tiger Force war der Song-Ve-Feldzug beendet. Am 10. August zog das inzwischen mit Nachschub und Verstärkung versorgte Platoon auf Lastwagen in die gut 50 Kilometer nördlich gelegenen Provinz Quang Nam; ein großer und unübersichtlicher Landstrich voller dichter Dschungel und verwinkelter feindlicher Tunnel.
Als Ziel der Tiger Force in Quang Nam galt es, die Provinz unter Kontrolle zu halten - jedoch nicht im Sinne militärischer Landgewinnung.
Das Platoon entwickelte in dieser Schlacht eine Gewohnheit, die zum Mantra des Vietnam-Krieges wurde: Body count, die explizite Zählung getöteter feindlicher Soldaten. Der Erfolg einer Schlacht wurde nun anhand der Zahl der getöteten Vietnamesen gemessen und nicht etwa danach, ob ein Dorf erobert wurde, so die eidesstattlichen Aussagen von elf ehemaligen Offizieren.
Am 11. September startete die US-Armee die "Operation Wheeler", die eine der blutigsten Perioden des Jahres 1967 einleiten sollte.
Das Kommando über die Tiger Force hatte inzwischen Bataillons-Kommandeur Lieutenant Colonel Gerald Morse übernommen, der neben der Tiger Force drei andere Einheiten leitete. Der 38-Jährige, als aggressiver Anführer bekannte Soldat, bewegte sich vor allem im Helikopter fort und hielt gewöhnlich Funkkontakt mit seinen Einheiten im 1. Bataillon, 327. Infantrie-Division.
Nur Tage nachdem Morse die Führung übernommen hatte, änderte er die Namen der drei Kompanien: Fortan nannten sich die drei Kompanien nicht mehr A, B und C, sondern Assassins (Mörder), Barbarians (Barbaren) und Cutthroats (Verbrecher). An den Bataillons-Hauptquartieren wurden entsprechende Namensschilder angebracht. Morse nannte sich außerdem "Ghost Rider".
Unter seinem Kommando durchkämmte die Tiger Force Dutzende kleiner Dörfer in der Provinz. Wie die Soldaten sehr schnell erfahren sollten, war dies ein wesentlich schwierigeres Unterfangen als im Song-Ve-Tal, denn hier traf man nicht nur auf die Vietcong, sondern auch auf die gut ausgerüstete Zweite Division der nordvietnamesischen Armee.
Nachdem sich die Truppen aus dem Norden eine Zeit lang in den Annamese-Bergen versteckt hatten, bewegten sie sich nun in Richtung Chu Lai, der immer weiter auswuchernden amerikanischen Militärbasis, auf der auch die Tiger Force beheimatet war.
Ab Anfang September stellten die Vietnamesen den US-Truppen Fallen und versuchten, sie in Hinterhalte zu locken - darunter auch die Tiger Force. "Plötzlich stand uns der Feind Auge in Auge gegenüber", erinnert sich der damalige Specialist Carpenter, der nun im Osten Ohios lebt. "Es schien fast so, als würden wir jeden Tag getroffen." In den ersten drei Wochen im neuen Operationsgebiet starben fünf Tiger-Force-Kämpfer, zwölf wurden verletzt. Die verbliebenen Soldaten waren entsprechend verbittert und wütend.
Verletzte US-Soldaten in Vietnam: Rache für die gefallenen Kameraden
"So etwas habe ich noch nie gesehen. Wir sind da einfach rein gegangen und haben die Zivilbevölkerung ausgelöscht", sagt Causey, heute 55 Jahre alt und Nuklear-Ingenieur in Kalifornien. "Und das haben wir jeden Tag gemacht."
Immer wieder hatte die US-Armee auch Flugblätter über den Dörfern abgeworfen und die Bewohner dazu aufgefordert, sich in die Umsiedlungslager zu begeben. "Diejenigen, die dennoch blieben, wurden getötet", so Causey.
Um die Erschießungen zu vertuschen, gingen die Platoon-Führer nun auch dazu über, getötete Zivilisten als feindliche Kämpfer zu zählen, so fünf ehemalige Soldaten gegenüber "The Blade". Armee-Akten bestätigen diese Berichte: Gemäß den Aufzeichnungen sollen die Platoon-Soldaten in den zehn Tagen, die auf den 11. November folgten, 49 Vietcong getötet haben - wie die Unterlagen belegen, wurden in 46 Fällen keinerlei Waffen gefunden.
Causey erinnert sich auch noch an eine Meldung an die Kommandeure: "Wir gaben Funksprüche durch wie: 'Sieben Vietcong rannten aus einer Hütte. Wir haben alle erschossen'", so Causey. "Dabei sind diese Leute, verdammt noch mal, nicht weggerannt. Und wir wussten auch nicht mal, ob sie Vietcong waren."
Sergeant James Barnett erzählte den Ermittlern, dass er einmal gegenüber Hawkins seine Bedenken wegen der Tötung unbewaffneter Vietnamesen äußerte. "Hawkins sagte nur, ich solle mir keine Sorgen machen", so Barnett. "Um die Waffen können wir uns immer noch später kümmern."
Wie Armee-Unterlagen zeigen, begingen die Soldaten in dieser Phase ihre brutalsten Gräueltaten: Ein 13-jähriges Mädchen wurde missbraucht, danach wurde ihr die Kehle durchgeschnitten. Eine junge Mutter wurde erschossen, nachdem man ihre Hütte abgebrannt hatte. Ein unbewaffneter Teenager wurde in den Rücken geschossen, nachdem ein Platoon-Sergeant ihn aufgefordert hatte, sein Dorf zu verlassen. Ein Tiger-Force-Soldat köpfte ein Baby - weil er dessen Halskette mitnehmen wollte.
Joseph Evans, ein Ex-Gefreiter, der im Zuge der Armee-Ermittlungen gegen die Tiger Force seine Aussage bislang verweigerte, sagte nun gegenüber "The Blade", dass viele Vietnamesen, die während des Krieges vor den US-Soldaten flohen, keinerlei Bedrohung für die Amerikaner darstellten. "Die rannten einfach nur, weil sie panische Angst hatten", so Evans. "Wir haben viele Leute getötet, die nicht hätten getötet werden sollen."
Granateneinsatz gegen Zivilisten in Bunkern
Für die Dorfbewohner war das Verstecken in unterirdischen Schutzbunkern längst Routine. In jedem kleinen Dorf gab es diese von Bambus gestützten und mit Blättern getarnten Höhlen, in denen sich die Zivilisten ebenso vor den Amerikanern wie vor den Nordvietnamesen versteckten.
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