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16.04.2004
 

Kriegsverbrechen in Vietnam

Apocalypse Now

5. Teil: Lesen Sie weiter in Teil 5: Menschliche Schreie aus dem Bunker - und niemand hilft

Erbitterter Kampf während der "Tet-Offensive": "Die einzigen Möglichkeiten auszusteigen waren, entweder getötet oder schwer verwundet zu werden"
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AP

Erbitterter Kampf während der "Tet-Offensive": "Die einzigen Möglichkeiten auszusteigen waren, entweder getötet oder schwer verwundet zu werden"

So suchten auch die Bewohner eines kleinen Dorfes 32 Kilometer westlich von Tam Ky, Zuflucht in einem Erdbunker, als Tiger-Force-Soldaten plötzlich auf einem Pfad zu ihrem Dorf auftauchten. Tiger-Force-Soldaten erzählten Ermittlern später, dass sie dort Frauen und Kinder in die Eingänge kriechen sahen.

Keiner wusste genau, wie viele Menschen sich in dem unterirdischen Bunker versteckten. Doch das interessierte auch niemanden. Als die Soldaten die Zugänge erreichten, wussten sie, "was zu tun war", erinnerte sich der Gefreite Ken Kerney gegenüber den Militär-Ermittlern. Ohne auch nur ein Wort mit den Menschen im Untergrund zu wechseln, warfen die Soldaten entsicherte Handgranaten in die Höhle hinein.

Nicht weit davon entfernt schlugen die Soldaten später ihre Zelte auf, wo die ganze Nacht Schreie aus den unterirdischen Bunkern drangen.

Aber keiner machte sich die Mühe zu helfen.

Platoon-Soldat Charles Fulton kam es so vor, als würde diese Nacht nie enden. "Wir hörten ständig die menschlichen Laute, die aus der Richtung der Bunker kamen", erklärte Fulton den Ermittlern. "Das waren die Stimmen von Verletzten, die um Hilfe riefen. Wenn auch schwach, waren diese doch klar zu verstehen."

Wie andere Ex-Soldaten aussagten, wurden die Leichen schließlich von den Dorfbewohnern weggebracht. In den Bunkern wurden Augenzeugenberichten zufolge keine Waffen oder sonstige Hinweise darauf gefunden, dass diese Leute eine Bedrohung für die US-Soldaten dargestellt haben könnten. Am nächsten Tag sahen Soldaten im Dorf die Leichen von Frauen und Kindern auf der Straße liegen.

Zielvorgabe erreicht: 327 Vietnamesen getötet

In der letzten Phase der "Operation Wheeler" wurde die Lust am Töten sogar noch größer. Wie sich Jahre später sieben Soldaten erinnerten, kam eines Tages per Funk der Befehl, 327 Vietnamesen zu töten. Diese Zahl war deshalb von Bedeutung, weil sie gleichzeitig die Kennungszahl des Bataillons war, die des 327. nämlich. Drei ehemalige Soldaten schworen später einen Eid darauf, dass diese Zielvorgabe von "Ghost Rider" kam - diesen Spitznamen benutzte Colonel Morse im Funkverkehr.

Wie Armee-Akten belegen, wurde diese Marke auch tatsächlich erreicht. Am 19. November meldete Tiger Force den 327. getöteten Vietnamesen.

Colonel Morse, der 1979 in den Ruhestand versetzt wurde, stritt in einem Interview mit "The Blade" ab, diesen Befehl jemals gegeben zu haben und bezeichnete die Vorwürfe als "lächerlich". "Ich hätte so etwas niemals getan", so Morse.

Der Ex-Gefreite John Colligan erklärte im Rahmen einer Befragung von Armee-Ermittlern jedoch, dass dieser Befehl sehr wohl erteilt wurde. Außerdem sollte Colligan zufolge derjenige, der den 327. Vietnamesen tötete, "irgendeine Belohnung erhalten". Auch Sergeant Barnett sagte den Ermittlern, dass er den Funkbefehl von einer Person gehört habe, die sich als "Ghost Rider" identifizierte.

Drei andere Ex-Soldaten erklärten gegenüber "The Blade", dass der "Body count" von 327 getöteten Vietnamesen nur erreicht werden konnte, weil auch viele Dorfbewohner erschossen wurden.

Zahl der Todesopfer weiter unbekannt

Niemand weiß genau, wie viele unbewaffnete Zivilisten tatsächlich zwischen Mai und November 1967 durch die Tiger Force ums Leben kamen. Dem ehemaligen Sanitäter Rion Causey zufolge sollen die Soldaten des Platoons alleine in einem Monat 120 Dorfbewohner getötet haben. Causeys Sanitäterkollege Harold Fischer erinnert sich daran, dass die meisten Soldaten der Einheit, "auf allen Seiten, rechts wie links, Leute erschossen haben", so Fischer. "Wir gingen einfach in die Dörfer und erschossen alle Einwohner. Wir brauchten dafür nicht mal einen Grund. Wer sich dort aufhielt, der war praktisch schon tot", sagt Fischer.

Im Zuge der Ermittlungen der US-Armee gegen die Tiger Force konnten 18 Soldaten während ihrer Aktionen im zentral-vietnamesischen Hochland 20 Kriegsverbrechen nachgewiesen werden. Gegenüber "The Blade" beschrieben ehemalige Mitglieder der Elitetruppe nun elf weitere Kriegsverbrechen, darunter:

  • In einem kleinen Dorf in der Nähe von Tam Ky wurden zwei ältere Männer ohne ersichtlichen Grund getötet. Einer wurde enthauptet; der andere war verwundet und erhielt von Sanitäter Barry Bowman den "Gnadenschuss", so Bowman.
  • In der Nähe von Chu Lai erschoss der Gefreite Colligan einen älteren Mann - wie Sanitäter Harold Fischer sagt, wollte Colligan seine neue Pistole, Kaliber 38, an einem beweglichen Ziel testen.
  • In einem kleinen Dorf in der Nähe von Chu Lai erschossen dem ehemaligen Gefreiten Douglas Teeters zufolge Tiger-Force-Soldaten zahlreiche Dorfbewohner. Die Vietnamesen winkten den Soldaten mit Flugblättern zur Umsiedelung zu. Als von einer anderen Seite feindliche Schüsse abgefeuert wurden, eröffneten die US-Soldaten das Feuer in alle Richtungen.

"Wir haben eine ganze Reihe von ihnen getötet. Wie viele es waren, weiß ich allerdings nicht mehr", so Teeters. "Aber ich erinnere mich daran, dass wir danach behaupteten, die Toten seien alle Vietcong gewesen; obwohl wir wussten, dass das nicht stimmte." Und die meisten Soldaten haben einfach geschwiegen, selbst wenn sie gar nicht beteiligt waren. "Man darf nicht vergessen, dass es da draußen im Dschungel keine Polizei gab, keine Gesetze, keine Richter", sagt Kerney. "Man konnte tun und lassen, was man wollte, es gab niemanden, der einen hätte hindern können. Also schauten wir zu und schwiegen. Aus heutiger Sicht ist das schrecklich, wir hätten etwas unternehmen müssen. Aber damals war jeder der Meinung, dass das schon alles okay ist, was wir da machten. Aber das war es nicht - und das ist sehr traurig."

Der Krieg wendet sich, Truppen geraten in die Defensive

Ende November war auch dieser lange Feldzug zu Ende.

In einem Artikel für die Armee-Zeitung "Stars and Stripes" wurde der Tiger-Force-Soldat Sam Ybarra für den 1000. Toten der "Operation Wheeler" gewürdigt. Am 27. November 1967 wurden die Tiger-Force-Kämpfer im Rahmen einer Zeremonie auf der Phan-Rang-Militärbasis mit Orden ausgezeichnet. Darunter auch Sergeant Doyle, der die Exekution eines Bauern angeordnet hatte.

In den folgenden Wochen zog sich die Tiger Force aus dem zentral-vietnamesischen Hochland zurück. Bis Ende des Jahres 1968 sollte sich der Krieg deutlich verändern. Die Nordvietnamesen starteten eigene Feldzüge - die "Tet Offensive" - und attackierten 100 Dörfer und Städte im Süden des Landes.

Die Tiger Force wurde an die Grenze nach Kambodscha verlegt, um dort eine Militärbasis zu bewachen. Für den Sanitäter Rion Causey ging es damit im Vietnam-Krieg nun nicht mehr darum, Zivilisten zu töten, sondern eine amerikanische Hochburg zu halten; währenddessen marschierte der Feind immer weiter Richtung Süden auf Saigon zu.

Als das Basislager von nordvietnamesischen Kriegern angegriffen wurde und US-Soldaten starben, kam er zu einer bitteren Erkenntnis: "Die einzigen Möglichkeiten, aus der Tiger Force auszusteigen, waren, entweder getötet oder schwer verwundet zu werden."

Causey sollte Recht behalten: Am 6. März 1968 wurde er verletzt. Bei seinem Abtransport im Hubschrauber schaute der Sanitäter auf seine Mitstreiter der Tiger Force hinab.

"Ich erinnere mich daran, dass ich da zu mir selbst sagte: 'Gott vergebe euch dafür, was ihr getan habt. Gott vergebe euch'."

Michael D. Sallah, Mitch Weiss

Mit freundlicher Genehmigung des "Toledo Blade"

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