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28.04.2004
 

Erschwindelte Titel

Doktor von und zu Möchtegern

Von Roman Heflik

Ob Baron, Kardinal oder Doktor der Unsterblichkeit: Im Internet gibt es für Zigtausende Euro von dubiosen Händlern jeden Titel zu kaufen. Vor allem akademische Grade sind heiß begehrt - aber nichts wert.

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Die Internet-Anzeige ist dezent gehalten: "Deutscher Graf, preußischer Uradel aus bestem Hause, vergibt die außergewöhnliche Möglichkeit der Namensübertragung an solvente Persönlichkeit." Wer schon immer von stilvollen Cocktail-Partys in erlesenem Kreis, von palastartigen Wohnanlagen und schnellen Sportflitzern träumte, kurz: Wer schon immer ein "von" oder "zu" vor seinem Namen tragen wollte, der wähnt sich hier am Ziel und gibt seine E-Mail-Adresse ein.

Kurz danach kommt die Antwort: Da bietet ein Mann, der sich als Vertreter eines ostdeutschen Grafen ausgibt, verschiedene Adelstitel an. Heirat oder Adoption, beides ist möglich. Der feine Namenszusatz "Graf" soll 100.000 Euro kosten. Den "Baron" gibt's für 75.000, und der "Freiherr" kostet läppische 50.000 Euro. Persönliche Beratung nur gegen 100 Euro Vorkasse - plus Spesen. Bei der Frage nach Referenzen lautet die Antwort barsch und ganz unadelig: "Erstmal zahlen."

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Obskure Anbieter wie den angeblichen preußischen Uradeligen gibt es überall im Internet. Tatsächlich ist es juristisch möglich, dem Ehepartner oder Adoptivkind seinen noblen Namen zu geben. In einem Urteil vom Februar hat das Bundesverfassungsgericht diese Möglichkeit sogar noch ausgeweitet: Im Falle einer Scheidung dürfen die nicht-adeligen Ehegatten ihren einmal erworbenen Adelsnamen weiterführen und an neue Ehepartner weitergeben.

Doch der Handel mit den Titeln hat einen Haken: Zwar darf man das "von" als Teil seines Namens tragen, doch zum Adel gehört man deswegen noch lange nicht. In den genealogischen Büchern des deutschen Adelsarchivs in Marburg wird man nicht als Vertreter seiner Linie aufgeführt. Denn seit dem Ende des Kaiserreichs wird in Deutschland nicht mehr in den Adelsstand erhoben. Ein echter Graf muss als solcher schon geboren werden.

Im Vergleich zum Adelsnamen sind akademische Titel geradezu ein Schnäppchen. Ein Doktortitel kostet nur ein paar hundert Dollar und wenig Zeit. Auf Internetseiten wie "Titelkauf.de" oder "degreeconsulting.com" bekommt man binnen Sekunden das, wofür sich Deutschlands beste Nachwuchs-Wissenschaftler jahrelang abrackern: den Doktor-Titel. Abitur ist nicht nötig, geschweige denn ein Studium. Der Käufer einer solchen Bezeichnung hat dann beispielsweise die Ehre, sich Doctor of the Universe (Doktor des Universums) oder Doctor of Immortality (Doktor der Unsterblichkeit) nennen zu dürfen.

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Die Global Statues Inc. bietet dagegen an, ihre Kunden für schlappe 250 Dollar in den Kardinalsstand zu erheben. Praktischer Veranlagte können bei Academus.com auch ihr Diplom zum Betriebswirt erwerben, während die "International Academic Society" Interessierte innerhalb weniger Mausklicks beispielsweise zum "Gesundheitsberater" oder zum "Gutachter für Schlüsseldienste" ausbildet.

Eins haben diese Zertikate gemeinsam: Sie sind wertlos.

So dürfen akademische Grade, die durch Kauf erworben sind, nach einem Beschluss der Kultusminister-Konferenz (KMK) in Deutschland nicht geführt werden. "Die Dinger kann man sich auch über die Badewanne hängen", sagt Manuel Theisen, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und scharfer Kritiker des Titelhandels.

Wer sie dennoch trägt, kann sich - je nach Gesetzgebung seines Bundeslandes - strafbar machen. Trotzdem floriert der Handel mit den unechten Leistungsnachweisen. Experten schätzen, dass 300 von insgesamt 30.000 Doktortiteln, die jährlich in Deutschland vergeben werden, unrechtmäßig erworben werden.

Zwar haben international agierende Konzerne wie Bertelsmann oder Ikea das "Doktor" aus der Anrede gestrichen, dennoch gilt das "Dr." vorm Namen weiterhin als Türöffner zu vielen Führungsetagen. "Es ist eben immer noch ein attraktives Angebot, wenn ich dafür nur zahlen und nicht jahrelang studieren muss", sagt Theisen.

So locken Titelhändler immer wieder mit Erfolg im Internet und in Zeitungsinseraten für den leichten Weg zum falschen Titel - "natürlich völlig legal", wie sie beteuern.

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Die Werbung der Mave University auf den Virgin Islands beispielsweise liest sich wie die Beschreibung des vollkommenen Studenten-Paradieses. Kurse oder Prüfungen existieren hier nicht. Seinen Master und Doktor erhält man schlicht und einfach für seine Lebenserfahrung - eingesendeter Lebenslauf und 1200 Dollar genügen.

Den deutschen Behörden sind solche so genannten "degree mills", "Titel-Mühlen", wie die Mave University inzwischen gut bekannt. Viele von ihnen existieren nur als Briefkasten-Adresse.

Wer versucht, die dort erworbenen Titel auch in Deutschland anerkennen zu lassen, hat kaum Aussichten auf Erfolg. Holger Conrad von der KMK kann sich nur wundern, was da alles eingetragen werden soll. "Das ist oft so trivial, dass man sich fragt: Warum gibt jemand 5000 Euro für eine Urkunde aus, die er sich selbst hätte ausdrucken können?"

Stammen die gekauften Zertifikate dagegen von echten Universitäten, können die Experten meist erschummelte oder erkaufte Promotionen nicht mehr von ordentlichen unterscheiden.

Dieses Problem werde mit der EU-Osterweiterung zunehmen, glaubt Manuel Theisen. Denn noch ist unklar, welche osteuropäischen Bildungseinrichtungen Titel vergeben, deren Wert von den übrigen EU-Staaten anerkannt wird. Eine Grauzone, die nach Einschätzung Theisens von Titelhändlern und Dozenten, die sich ihr Gehalt aufbessern wollen, bereits ausgenutzt wird.

Doch auch an deutschen Universitäten werden Doktortitel erschwindelt. Nach Angaben von Kristijan Domiter, Sprecher des deutschen Hochschulverbandes, helfen oft so genannte Promotionsberater nach, wenn's mit der eigenen Dissertation nicht so recht klappen will. Oft sei in dem angebotenen Service eben etwas mehr enthalten als nur die Hilfestellung bei der Suche nach dem passenden Doktorvater.

Stattdessen offerieren laut Domiter viele Berater, gegen einen fünfstelligen Betrag, die Dissertation von einem Ghostwriter schreiben zu lassen und den prüfenden Professor zu schmieren. Bei so einem Titel sei dann nicht mehr zu erkennen, ob er zu Recht erworben wurde.

Der Akademus Wissenschaftsberatung aus Berlin war diese Methode nicht profitabel genug. Offenbar um die Gewinnspanne zu erhöhen, standen auf der Gehaltsliste des Unternehmens keine teuren Professoren, sondern günstigere Schauspieler, die den Anwärtern mit gewichtiger Miene die Diplome überreichten. Im Februar 2002 flog der Schwindel auf, im Juli 2003 wurde der Hauptverantwortliche Martin D. wegen Urkundenfälschung und Betrugs in 48 Fällen zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Die Möchtegern-Doktoren wollten von der Täuschung nichts bemerkt haben. Das teuer erkaufte "Dr." an ihren Türschildern und auf ihren Visitenkarten mussten sie trotzdem durchstreichen.

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